Viele Hausärzte fühlen sich zu spät informiert

Corona: Ärger um Kreuzimpfungen im Schwalm-Eder-Kreis

Viele Zweitimpfungen stehen an: Wer bisher nur einmal mit Astrazeneca geimpft wurde, kann jetzt auch Biontech oder Moderna bekommen.
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Viele Zweitimpfungen stehen an: Wer bisher nur einmal mit Astrazeneca geimpft wurde, kann jetzt auch Biontech oder Moderna bekommen.

Die Stiko empfiehlt allen Astrazeneca-Impflingen eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna. Das soll den Impfschutz verbessern.

Schwalm-Eder - Tausende Impfdosen mehr Biontech und Moderna werden im Schwalm-Eder-Kreis benötigt. Alle mit Astrazeneca Erstgeimpften können sich jetzt kreuzimpfen lassen. Das heißt, sie können bei der Zweitimpfung auf einen mRNA-Impfstoff zurückgreifen und so ihren Impfschutz verbessern.

Die Empfehlung zur Kreuzimpfung stellt die Hausarztpraxen aufs Neue und unvermittelt vor Herausforderungen: Das sagt der Sprecher des Hausärzteverbandes des Schwalm-Eder-Kreises, Dr. Axel Figge aus Schwalmstadt.

Seine Kollegen und er können der Entscheidung der Ständigen Impfkommission (Stiko) fachlich absolut folgen. Bei der Kreuzimpfung erhalten Erstgeimpfte mit Astrazeneca bei der zweiten Impfung einen mRNA-Impstoff, um den Impfschutz zu erhöhen.

Kritik von den Ärzten gibt es an der Kommunikation. Am Dienstag erst traf ein Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung ein: Die neue Stiko-Empfehlung stehe noch unter Vorbehalt was die Impfabstände und das Impfschema nach Erstimpfung mit Astrazeneca betrifft. Auch die KV selbst beklagt den Informationsfluss. Auch in Richtung der Kassenärztlichen Vereinigungen sei die Kommunikation katastrophal gewesen. Die Ärzte hätten nicht vorgewarnt werden können.

Figge kritisiert, dass die Mediziner schon wieder so spät und lückenhaft informiert werden. Es sei vielsagend, dass die Ärzteschaft die Medien verfolgen müsste, um informiert zu sein.

Die neue Stiko-Empfehlung wird auch im Impfzentrum des Landkreises umgesetzt. 4000 Zweitimpfungen für mit Astrazeneca Erstgeimpfte stehen laut Kreisverwaltung in den kommenden Wochen an. Für alle diese Erstgeimpften bestehe die Möglichkeit, sich mit einem mRNA-Impfstoff impfen zu lassen. „Diese Personen werden direkt vor der Impfung im Impfzelt gefragt, ob sie die Zweitimpfung erneut mit Astrazeneca wünschen oder einen tagesaktuellen mRNA-Impfstoff geimpft bekommen wollen. Das sind Biontech oder Moderna“, teilt Kreissprecher Stephan Bürger mit. Zwischen den beiden in ihrer Wirkung gleichwertigen mRNA-Impfstoffen bestehe keine weitere Wahlmöglichkeit.

Die Termine für die Zweitimpfung behielten daher ihre Gültigkeit. Absagen seien nur in besonders begründeten Ausnahmen möglich.

Tausende Impfdosen mehr Biontech und Moderna werden im Landkreis benötigt. Alle mit Astrazeneca Erstgeimpften können sich jetzt kreuzimpfen lassen. Das heißt, sie können bei der Zweitimpfung auf einen mRNA-Impfstoff zurückgreifen und so ihren Impfschutz verbessern.

Allein im Impfzentrum des Landkreises stehen 4000 solcher Zweitimpfungen an. Aber die Kreisverwaltung beruhigt: Im Impfzentrum stünden ausreichend mRNA-Impfdosen zur Verfügung. Sollte sich abzeichnen, dass die Impfstoffmenge möglicherweise nicht ausreichend sei, habe das Land Hessen zugesagt, dass auf die zentral eingelagerte Notreserve zurückgegriffen werden könne, heißt es vom Landkreis.

Unter 18-Jährige werden grundsätzlich mit dem Impfstoff Biontech-Pfizer geimpft, da bisher ausschließlich dieser für diese Altersgruppe zugelassen sei. Diese neuen Kreuzimpfungen sind vor allem eine große Herausforderung für alle Arztpraxen.

Da komme viel zusätzliche Arbeit auf sie zu, sagt beispielsweise Lotta Jacob von der Melsunger Hausarztpraxis Sostmann-Jacob. Es würden jetzt alle Patienten angerufen, die in den kommenden Wochen für eine Zweitimpfung mit Astrazeneca gebucht waren. Diese würden dann nach dem bevorzugten Impfstoff gefragt. Die Antwort sei zwar in 99,9 Prozent einen mRNA-Impfstoff, aber die Frage sei nötig, damit der in die Praxis gelieferte Impfstoff disponiert werden könne.

Was und wie viel geliefert werde, erfahre die Praxis meist zum Wochenende. Erst dann könnten für die kommende Woche die Termine vereinbart werden. Sie hoffe sehr, dass sie keine geplanten Zweitimpfungen absagen müsse, weil mRNA-Impfstoff fehle, sagt Jacob.

In der Gensunger Gemeinschaftspraxis Rudolff, Discher, Schmidt und Günther stand das Telefon nicht mehr still, nachdem die neue Stiko-Empfehlung zu den Kreuzimpfungen bekannt geworden war. „Das hat uns etwas überrannt“, sagt Ärztin Constanze Discher. Denn die Impfstoff-Bestellung war zu diesem Zeitpunkt schon rausgegangen. „Und wir bekommen immer nur so viel Impfstoff für die Zweitimpfungen, wie wir für die Erstimpfungen bestellt hatten.“ Astrazeneca für die geplanten Zweitimpfungen habe man bereits vorrätig. „Es wäre fatal, wenn wir Impfdosen wegwerfen müssten“, sagt Discher.

Am Mittwochnachmittag standen nach Auskunft von Discher 70 Zweitimpfungen mit Astrazeneca an. Es waren die ersten Impfungen nach Inkrafttreten der neuen Stiko-Empfehlung, da in der Praxis immer mittwochs geimpft wird. Sie schätze, dass sich etwa die Hälfte der Impflinge für einen Wechsel zu einem mRNA-Impfstoff entscheiden würde, die anderen aber bei Astrazeneca blieben, sagte Discher im Vorfeld der Impftermine. Denn der Vorteil einer Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna liege vor allem darin, dass die Betroffenen ihre zweite Impfung vorziehen und so früher den vollständigen Impfschutz erreichen könnten. Bei Impflingen, bei denen in den kommenden Tagen ohnehin die Zweitimpfung mit Astrazeneca anstehe, entfalle dieser Vorteil. Zudem informiere sie ihre Patienten darüber, dass eine Kreuzimpfung nicht in allen Ländern als vollständige Impfung akzeptiert werde – die USA hätten beispielsweise angekündigt, dies nicht anzuerkennen.

Ärztin Dr. Karin Schüte von der Gensunger Gemeinschaftspraxis Schüte und Prinz berichtet, dass in ihrer Praxis bislang etwa zehn bis 20 Zweitimpfungen mit Biontech statt Astrazeneca erfolgt sind. Etwa 100 ihrer Patienten stünden jetzt vor der Frage, ob sie bei der Zweitimpfung lieber einen mRNA-Impfstoff statt Astrazeneca erhalten möchten. Das seien vergleichsweise wenig, weil viele schon bei der Erstimpfung Astrazeneca abgelehnt hätten.

„Die meisten wollen Biontech als Zweitimpfung haben“, sagt Schüte. Sie hoffe, in den kommenden Wochen genug mRNA-Impfstoff zu bekommen. (Damai D. Dewert, Anne Quehl und Judith Féaux de Lacroix)

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