Reitunterricht nicht Teil der Grundversorgung

Coronavirus:  Felsberger Reittrainerin  bangt um ihre Existenz 

Gerhard Engel, alltagscharmant/nh
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Ihre Existenz ist nun wegen der Coronakrise bedroht: Sina Lippe (31) aus Neuenbrunslar gibt Einzelunterricht für Reitschüler.

Neuenbrunslar/Ahnatal – Die Existenz vieler Selbstständiger ist wegen der Coronakrise in Gefahr. Auch die Felsbergerin Sina Lippe bangt derzeit darum.

Sie arbeitet als selbstständige Pferdetrainerin. Die meiste Zeit verbringt sie in Ahnatal auf dem Reiterhof Brückenmühle.

Als die Einschränkungen wegen des Coronavirus zunahmen, informierte sich Lippe beim Gesundheits- und Veterinäramt des Schwalm-Eder-Kreises, den Ordnungsämtern in Felsberg und Ahnatal. Von allen bekam sie jedoch unterschiedliche Antworten, ob sie ihrer Tätigkeit weiter nachgehen darf. In ihrer Ratlosigkeit hat sich die 31-Jährige bei der HNA gemeldet.

Auf dem Reiterhof Brückenmühle in Ahnatal kümmert sich Lippe um vier Pferde, zwei davon sind Mustangs. „Ich bin viel mit dem Auto unterwegs – die meiste Zeit gebe ich aber Einzelunterricht auf unterschiedlichen Höfen“, sagt Lippe. Mit ihren Reitschülern habe sie keinen direkten Kontakt, sagt Lippe. „Meistens sitzen die Schüler auf dem Pferd und ich beobachte die Lage aus vier Metern Entfernung und gebe dann Anweisungen und Tipps“, sagt sie.

Am Tag gibt Lippe bis zu vier Reitstunden – alles Einzelunterricht, sagt sie. Für ihre Existenz außerdem bedrohlich: Bis zum 20. April hätte sie drei Kurse gegeben, die nun alle erst einmal ersatzlos entfallen.

Coronavirus: Das sagt das Gesundheitsamt

Als die Einschränkungen wegen des Coronavirus verschärft wurden, informierte sich Lippe beim Gesundheitsamt. „Ich habe auch schnell einen Telefontermin bekommen“, sagt sie. Aber Klarheit habe danach nicht geherrscht.

„Am Telefon sagte man mir, dass ich – da ich ja keinen direkten Kontakt zu den Menschen haben – weiter arbeiten darf“, erzählt Lippe. Einen direkten Kontakt zu dem Pferd oder dem Schüler habe sie beim Unterricht nicht. Allerdings hieß es vom Gesundheitsamt auch, dass sie sich zur Sicherheit noch mal an das Veterinäramt des Landkreises mit ihrer Frage wenden sollte.

Coronavirus: Das sagt das Veterinäramt

„Vom Veterinäramt habe ich die Antwort bekommen, dass die Tiere natürlich weiterhin ausgeritten werden müssen“, sagt Lippe. Die Versorgung der Pferde müsse auch weiterhin gewährleistet werden. Man müsse diese Versorgung nun aber auf das Mindeste reduzieren, „das heißt, dass der Reitunterricht nicht unter die Grundversorgung fällt“, sagt sie. Allerdings hieß es auch vom Veterinäramt, dass man keine endgültige Entscheidung treffen könne. Das Veterinäramt ist nur für den Schutz und das Leben von Tieren verantwortlich.

Laut der derzeitigen Zwei-Personen-Regelung ist es erlaubt, sich mit einer weiteren Person zu treffen. „Wenn beim Unterricht der Sicherheitsabstand eingehalten wird, darf ich also Unterricht geben“, sagt sie.

Das wurde ihr beim Ordnungsamt in Felsberg so bestätigt. Beim Ordnungsamt in Ahnatal wurde ihr aber gesagt, dass auch der Einzelunterricht nicht weiter gestattet sei.

Coronavirus: Das sagt die Reiterliche Vereinigung

Mitte der vergangenen Woche bekam Lippe dann die Information von der deutschen Reiterlichen Vereinigung, dass diese eine Empfehlung ausgesprochen hat, dass die Besuche auf den Höfen eingeschränkt werden sollen. „Das ist aber nur eine Empfehlung und kein Beschluss.“ Manche Höfe würden nicht komplett schließen, da die Betreiber Angst hätten, dass sich dann niemand mehr um die Pferde kümmern würde, sagt die 31-Jährige.

Auch vom Pferdesportverband Hessen habe sie sich Informationen eingeholt: Dort hieß es, dass es keine Einschränkungen für den Einzelunterricht geben würde, sagt sie. Der Verband beziehe sich auf das Umweltministerium. „Nun war ich ganz verwirrt“, sagt Lippe.

Auf Anfrage der HNA heißt es vom Landkreis Kassel: „Die vielen Informationen und die sich fast stündlich verändernde Gesetzeslage, macht es Selbstständigen derzeit nicht leicht“, sagt Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel auf Anfrage der HNA. Das Problem mit den Reitschulen sei auch beim Landkreis Kassel und anderen Ordnungsbezirken thematisiert worden. Grundsätzlich ist es aber jetzt so, dass nur das Gesundheitsamt in der jetzigen Corona-Lage solche Fragen beantworten und Entscheidungen treffen darf, sagt Kühlborn. „Weder das Veterinäramt, die Aufsichts- und Ordnungsbehörde oder eine Vereinigung bestimmen über eine Arbeitserlaubnis“, sagt Kühlborn. Aktuell ist die Sachlage wie folgt: „Freizeitgestaltungen und dazu gehören Anbieter von Freizeitaktivitäten, in diesem Fall Reitlehrer, dürfen nicht arbeiten“, sagt Kühlborn. Ihre Arbeit ist nicht Teil der Grundversorgung. Bislang hat Lippe einen Antrag auf Soforthilfe gestellt. Am Montag war das System überlastet, am Dienstag habe es dann funktioniert. „Ich bin gespannt, ob ich Hilfe bekomme“, sagt sie.

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