Nur Notfälle und Schmerzbehandlungen 

Coronavirus: Zahnärzte von  Gesundheitsministerium vernachlässigt - Neustart unter erschwerten Bedingungen

Ab dem ersten April hat Moritz Wiegand die Zahnarztpraxis von Dr. Michael Bühler in Malsfeld übernommen. Der Mediziner kommt aus Röhrenfurth. Foto: christina Grenzebach

Wegen des Coronavirus sind Zahnbehandlungen besonders heikel. Zahnärzte stehen deshalb, wie auch andere Ärzte, unter enormen Druck. Bei akuten Zahnschmerzen werden die Patienten dennoch nicht alleine gelassen.

Malsfeld –Moritz Wiegand ist ab sofort der Mann für die Zähne in Malsfeld. Der 35-Jährige hat bereits zum 1. April die Zahnarztpraxis von Dr. Michael Bühler übernommen, der im Oktober vergangenen Jahres plötzlich starb.

Wiegand kennt sich in der Region aus. Aufgewachsen ist er in Röhrenfurth. Der 35-Jährige machte 2004 Abitur an der GSS.

Nach dem Zivildienst, einer Ausbildung zum Zahntechniker und dem Studium in Frankfurt ist Wiegand nun wieder zuhause. „Nach dem Studienabschluss habe ich noch in verschiedenen Praxen in Fulda und Frankfurt gearbeitet – aber zurückkehren wollte ich schon immer“, sagt Wiegand.

Und sein Nachname weckt bei manchen älteren Malsfeldern die ein oder andere Erinnerung: „Mein Großvater Helmut Wiegand war bereits Zahnarzt in Malsfeld“, erzählt der Enkel. Von einigen älteren Patienten sei er bereits auf seinen Großvater angespochen worden. „Das finde ich nett, da hat man gleich einen Draht zu den Menschen“, sagt er.

Der 35-Jährige habe seine Heimat nie aus den Augen verloren: „Ich habe immer mal Ausschau gehalten nach einem Job in der Region“, sagt er. Dass die Wahl dann auf Malsfeld fallen würde, wo sein Großvater schon Zahnarzt war, sei purer Zufall gewesen. Dass junge Ärzte sich meist lieber in der Stadt niederlassen, kann Wiegand nicht nachvollziehen: „Ich habe immer mit dem Gedanken gespielt, auf das Land zu ziehen.“

Ein Teil des Personals der alten Praxis hat Wiegand übernehmen können. „Andere haben sich anderweitig umgesehen, da auch lange nicht klar war, ob es zeitnah einen Nachfolger geben wird“, erklärt Wiegand. Derzeit sei Wiegand noch auf der Suche nach Personal, „aber das wird sich bestimmt bald regeln“, sagt er. Für seinen Neustart in Malsfeld sei die aktuelle Coronakrise eine Herausforderung. „Auch für mich ist das alles eine neue Situation, wir geben aber unser Bestes“, sagt er. Man versuche, die Patienten nun einzeln im Warteraum sitzen zu lassen. „Aber eigentlich bestellen wir die Patienten immer so ein, dass sie nicht warten müssen und keinen Kontakt zu anderen Patienten haben“, sagt er. Er bemerkt, dass die Menschen derzeit etwas beängstigt sind, zum Zahnarzt zu gehen. „Wir haben ja weitaus intensiveren Körperkontakt als ein Hausarzt beispielsweise“, sagt er. Momentan gebe es noch keine Probleme bei der Versorgung von Schutzkleidung. „Aber wir wissen auch nicht, was kommt“, sagt er. In seiner Freizeit treibe Wiegand viel Sport und gehe laufen. Der 35-Jährige wohnt in Röhrenfurth.

Zahnärzte in der Coronakrise: Nur in dringenden Fällen soll behandelt werden

Wegen der Coronakrise seien derzeit viele Patienten aber auch Zahnärzte verunsichert. Das erklärt Dr. Petra Rauch aus Melsungen. Sie ist die Kreisstellenvorsitzende Fulda Eder Nord der Kassenzahnärztlichen Vereinigung. Sie klärt auf, welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Zahnarztpraxen hat und warum Zahnärzte vom Gesundheitsministerium benachteiligt wurden.

„Täglich erreichen uns viele Anrufe von verunsicherten Patienten und von Kollegen.“ Sie hätten unterschiedliche Fragen, ob Behandlungen noch stattfinden und Praxen noch geöffnet seien. Da das Coronavirus vor allem über Tröpfcheninfektion, also Speichel und Nasensekret, übertragen wird, herrsche große Verunsicherung. „In den Zahnarztpraxen in meiner Kreisstelle besteht daher eine große Verunsicherung. Wir bemerken, dass Menschen Zahnärzte deshalb gerade meiden“, sagt sie. Und auch die Gefahr einer Ansteckung sei für das zahnärztliche Personal und Zahnärzte dementsprechend hoch.

Grundsätzlich würden derzeit alle Zahnarztpraxen im Landkreis weniger Patienten pro Tag behandeln. „Es werden nur notwendige Behandlungen und Notfallbehandlungen durchgeführt“, erklärt Rauch.

Außerdem würden alle Zahnärzte nur noch mit voller Schutzausrüstung (Handschuhe, Mundschutz, Brille und gegebenenfalls langärmelige Mäntel arbeiten. Schärfere Sicherheitsvorkehrungen gelten auch für das Personal untereinander: „Höchstens drei Mitarbeiter pausieren zur selben Zeit.“ Verärgert sei Rauch darüber, dass sie insgesamt bei der Verteilung der FFP-3-Atemschutzmasken vom Gesundheitsministerium nicht berücksichtigt wurden. „Das ist wirklich besorgniserregend, denn die Praxen müssen geöffnet bleiben, wir haben einen Versorgungsauftrag.“ Auch über die Kassenzahnärztliche Vereinigung in Hessen oder über die Landeszahnärztekammer in Hessen werde keine Schutzausrüstung verteilt oder zur Verfügung gestellt.

Vor jeder Behandlung und vor dem Betreten der Praxis müsse sich das Personal erkundigen, ob der Patient gesund ist oder mit einer infizierten Person Kontakt hatte. „Zudem bitten wir die Patienten, innerhalb der Praxis die Abstände zum Personal an der Rezeption und zu anderen Patienten einzuhalten.“ Natürlich gilt für Patienten, die an Corona erkrankt sind, dass alle Behandlungen außer Schmerzbehandlungen aufgeschoben werden müssen.

Ist ein Patient an Corona erkrankt und hat starke Zahnschmerzen, muss er die Ambulanz des Rotes-Kreuz-Krankenhauses in Kassel aufsuchen, erklärt Rauch. Menschen, die auch nur an Grippe, Erkältung oder Fieber erkrankt sind, sollten wenn möglich zuhause bleiben. „Es ist wichtig, dass wir das Personal nicht unnötig mit anderen Viren anstecken“, so Rauch.

Die Melsunger Zahnärztin gibt auch zu Bedenken, dass sich die Coronakrise – wie in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – auch negativ auf Behandlungen bei Zahnärzten auswirken wird. Vor allem was die Zahlungen angeht. „Alle Behandlungen, die derzeit noch praktiziert werden, kosten viel Geld. Gleichzeitig reduzieren sich die Einnahmen, weil wir weniger Termine vergeben können und weil Patienten ihre Termine nicht wahrnehmen“, sagt Rauch. Da die Coronakrise noch Monate anhalten werde und aufgeschobene Behandlungen dann nicht im Zeitraffer nachgeholt werden könnten, sei mit deutlich höheren Kosten für die Praxen zu rechnen.

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