1. Startseite
  2. Lokales
  3. Melsungen

Fachkräftemangel in der Region: Migranten wirken nur bedingt entgegen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Fabian Becker

Kommentare

Immer weniger Menschen gehen in die Lehre zum Elektriker: Alex Dittmar ist Geselle bei Elektro-Weinhold in Melsungen. Er hat in dem Betrieb seine Ausbildung gemacht.
Immer weniger Menschen gehen in die Lehre zum Elektriker: Alex Dittmar ist Geselle bei Elektro-Weinhold in Melsungen. Er hat in dem Betrieb seine Ausbildung gemacht. © William Abu El-Qumssan

Immer mehr Betrieben fehlen Fachkräfte und Auszubildende. Mit unserer Serie „Ein Thema eine Woche“ beleuchten wir das Problem aus verschiedenen Perspektiven. Heute: Migration.

Schwalm-Eder – Es gibt einen deutlichen Mangel an Fachkräften und Auszubildenden im lokalen Handwerk. „Er wird sich noch weiter verschärfen“, ist sich Wolfgang Scholz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder, sicher. Das Problem sei das Ansehen der Handwerksberufe: Schülern werde zum Studium geraten, selbst wenn sie nicht geeignet seien. „Das führt auch zu vielen Studienabbrechern.“

Deutlich werde das Problem bei der Energiewende: Denn betroffen seien auch Elektriker und Heizungsbauer. Berufe, die für den Umbau auf klimafreundlichere Technologien dringend benötigt würden. „Ohne sie ist die Umstellung nicht möglich.“

Auch Bauberufe seien wegen der Wohnungsnot derzeit sehr wichtig. Eine Lösung des Problems sei aber kurzfristig nicht in Sicht. „Das aktuelle Bild, das Handwerker weniger verdienen und härter arbeiten als Akademiker, hat sich in den Köpfen festgesetzt“, sagt Scholz.

Löhne im Handwerk gestiegen

Dass sie weniger verdienten, stimme aber nicht mehr, denn Löhne für Fachkräfte und Auszubildende im Handwerk seien durch den Mangel in allen Branchen in unterschiedlichem Maß gestiegen. Zudem solle das Geld nicht der einzige Grund für die Berufswahl sein. „Es ist auch wichtig, auf seine Neigungen zu achten und Freude an der Arbeit zu haben.“

Auch Eugen Knoth, Leiter des Servicezentrums der Industrie- und Handelskammer Schwalm-Eder (IHK), sieht einen zunehmenden Fachkräfte- und Auszubildendenmangel. „Der zieht sich durch alle Berufe“, sagt er. „Die Bewerberzahlen sinken.“ Derzeit werde das Problem aber von politischen Themen wie dem Krieg in der Ukraine überdeckt.

Gegen den Mangel könnte eine direkte Ansprache von Schülern, Studenten und deren Eltern helfen, um die Karrierechancen einer Ausbildung zu zeigen. „Auch Löhne von Auszubildenden, die bei der IHK gemeldet sind, steigen. Aber nicht so wie im Handwerk, da sie an Tarifverträge gebunden sind“, sagt Knoth.

Die Deutsch-als-Zweitsprache-Gruppe der Melsunger Radko-Stöckl-Schule: Hier werden Schüler mit Migrationshintergrund in Deutsch unterrichtet. Hier zu sehen: (von links) Lehrerin Irene Brühne, Lehrerin Tina Wenderoth, Lehrer Sebastian Wollenhaupt, Joudi Alkanje, Samar Kalil, Heva Njar und der stellvertretende Schulleiter Sebastian Jacob.
Die Deutsch-als-Zweitsprache-Gruppe der Melsunger Radko-Stöckl-Schule: Hier werden Schüler mit Migrationshintergrund in Deutsch unterrichtet. Hier zu sehen: (von links) Lehrerin Irene Brühne, Lehrerin Tina Wenderoth, Lehrer Sebastian Wollenhaupt, Joudi Alkanje, Samar Kalil, Heva Njar und der stellvertretende Schulleiter Sebastian Jacob. © Clara Pinto

Fachkräfte fehlen in der Region: Zuzug reicht nicht aus

In vielen Branchen werden ausgebildete Arbeitskräfte gesucht. Migration kann dem Fachkräfte- und Auszubildenenmangel aber nur bedingt entgegenwirken. „In Deutschland werden Handwerker dual, also in Betrieben und Schulen ausgebildet, in anderen Ländern findet oft nur eine schulische Ausbildung statt“, erklärt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder, Wolfgang Scholz.

„Duale Ausbildungen gibt es sonst nur noch in deutschsprachigen Ländern wie Österreich und Luxemburg“, sagt Scholz. Das mache sich vor allem durch unterschiedliche Qualifikationen bemerkbar. „Den Menschen, die nur in der Schule ausgebildet wurden, fehlen die Erfahrungen im Betrieb“, erklärt er. „Der Unterschied ist oft zu groß.“

Es kann aber auch gute Gründe für eine rein schulische Ausbildung geben, zum Beispiel das Auszubildende Kosten verursachen, die sich Unternehmen unter Umständen nicht leisten können, sagt Eugen Knoth, Leiter des Servicezentrums der Industrie- und Handelskammer Schwalm-Eder. Kommt jemand aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland, der nicht dual ausgebildet wurde, könne er aber durchaus auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen. Dann seien Weiterbildungen nötig, um fehlende Qualifikationen auszugleichen.

Sprachbarriere immer noch ein Problem

Eine weitere Hürde ist die Sprache, wenn Fachkräfte und Auszubildende nicht aus dem deutschsprachigen Ausland kämen oder nicht auf andere Art Deutsch gelernt hätten. „Das ist auch ein Problem bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt“, sagt Knoth. Bei Geflüchteten kommt laut dem Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft hinzu, dass viele nur übergangsweise in Deutschland bleiben wollen. „Einige Stellen werden daher nicht dauerhaft besetzt“, sagt er. „Das ist also keine langfristige Lösung.“

Bei Migration müsse zudem darauf geachtet werden, dass sie nicht zu einem Überfluss in bestimmten Berufen führe. „Dann kann ein Teil der ausgebildeten Fachkräfte nicht mehr beschäftigt werden“, sagt Knoth. Bei Migranten sei deshalb gezieltes Vorgehen nötig. (Fabian Becker)

Mehr zur Serie „Fachkräftemangel in der Region“

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Ein Thema eine Woche: Fachkräftemangel in der Region“. Mehr zum Thema gibt es in weiteren Teilen.

Wie beliebt das Dachdeckerhandwerk heutzutage ist, lesen Sie hier.

Wie Schüler über ihre berufliche Zukunft denken, lesen Sie hier.

Wieso ein Florist seine Filiale wegen des Fachkräftemangels schließen musste, lesen Sie hier.

Welche Arbeit Ukrainerinnen aktuell im Melsunger Fleischwerk der Edeka-Hessenring haben, lesen Sie hier.

Wie Berufsschullehrer auf den Fachkräftemangel blicken, lesen Sie hier.

Auch interessant

Kommentare