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Fachkräftemangel in der Region: Viele unbesetzte Stellen bei den Dachdeckern

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Von: Damai Dewert

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Im Dachdeckerhandwerk fehlen Auszubildende, vor allem weibliche: Im Bild Praktikantin Lara-Marie Helferich mit Geselle Waldemar Hess.
Im Dachdeckerhandwerk fehlen Auszubildende, vor allem weibliche: Im Bild Praktikantin Lara-Marie Helferich mit Geselle Waldemar Hess. © Jörg Lewandowski

Immer mehr Betrieben fehlen Fachkräfte und Auszubildende. Mit unserer Serie „Ein Thema eine Woche“ beleuchten wir das Problem aus verschiedenen Perspektiven. Heute: das Dachdeckerhandwerk.

Ostheim – Sie sehen die Welt von oben, arbeiten viel an der frischen Luft und verdienen mittlerweile anständig: die Dachdecker im Landkreis. Dennoch haben die Betriebe laut Kreishandwerkerschaft in der Dachdeckerinnung Kassel 25 offene Stellen zum Ausbildungsstart in diesem Sommer.

Auch Dachdeckermeister Jörg Lewandowski aus Ostheim sucht aktuell einen Auszubildenden. Eigentlich würde er sogar zwei Gesellen einstellen. Wäre da nicht der massive Materialmangel und gäbe es die gewünschten Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings fehlt es laut Handwerkerschaft auch an diesen. Auch wenn die Dachdecker gerne mit dem Slogan „Oben ist das neue Vorne“ werben, gibt es einige Baustellen.

Frauenanteil

Acht Mann sind sie im Betrieb, den er gemeinsam mit Sohn Mike, ebenfalls Dachdeckermeister, führt. Eine Frau gibt es nicht – und das ist bereits ein Teil des Problems in der Branche: Der Frauenanteil im Baugewerbe ist immer noch unterdurchschnittlich.

Nur etwa zehn Prozent seien es bei den Dachdeckern, sagt Jörg Lewandowski. Häufig werde von aussichtsreichen Bewerberinnen die harte körperliche Arbeit genannt. „Die gibt es aber eigentlich nicht mehr“, sagt der 55-jährige Seniorchef. Längst erleichterten zahlreiche technische Hilfsmittel die Arbeit.

So gibt es im Fuhrpark bei Lewandowskis natürlich einen Kran. Der hebe das ganze schwere Zeugs aufs Dach, sagt Mike Lewandowski. Respekt müsse man schon haben, vor der Arbeit auf dem Dach und es würden auch mal Ziegel geworfen. Aber das sei alles nichts, was nicht auch eine Frau schaffen würde.

Image

Das schlechte Image des Baugewerbes sei ein weiteres Problem, sagt Seniorchef Lewandowski. Über das Bauhandwerk heiße es häufig nur „harte Arbeit bei schlechtem Wetter und nichts zu verdienen“.

Dabei ist das alles längst Vergangenheit. Wir haben alle unsere Betriebe umgestellt, sonst würde es uns heute nicht mehr geben“, sagt der 55-Jährige.

Die Mitarbeiter würden in möglichst viele Entscheidungen einbezogen, es gebe helle schöne Sozialräume, die persönliche Ausrüstung werde gestellt, Mitarbeiter hätten bei Neuanschaffungen ein Mitspracherecht und es gebe neben Sozialleistungen gemeinsame Feste und Betriebsausflüge. „Wir strecken uns für unsere Mitarbeiter.“

Den Kampf gegen die vermeintlich besser dotierten Jobs in der Industrie hätten sie dennoch verloren. Viele zöge es eben zu VW, B. Braun und anderen großen Unternehmen. „Die schöpfen in Nordhessen schon ordentlich Auszubildende ab“, sagt Jörg Lewandowski.

Das Image von Bauberufen ist nicht das beste: Arbeiten an der frischen Luft ist für Junior-Chef und Dachdeckermeister Mike Lewandowski indes ein klares Plus.
Das Image von Bauberufen ist nicht das beste: Arbeiten an der frischen Luft ist für Junior-Chef und Dachdeckermeister Mike Lewandowski indes ein klares Plus. © Damai Dewert

Bezahlung

Generell gebe es im Bauhandwerk mehr zu verdienen als in vielen anderen Handwerksberufen. Die Ausbildungsvergütung in den drei Lehrjahren liegt bei 780, 920 und 1200 Euro. Ein angestellter Dachdecker verdiene etwa 3600 Euro monatlich bei 168 Stunden Arbeitszeit. Die Arbeitszeit in den Sommer- und Wintermonaten ist unterschiedlich.

Im Sommer – 41 Wochenstunden – wird für die Schlechtwetterzeit – 37 Stunden – vorgearbeitet. Die Zeiten, als Dachdeckern über den Winter gekündigt wurde, seien vorbei, sagt Lewandowski. Von November bis März gebe es einen Schlechtwetterzuschuss. Tage, an denen nicht gearbeitet werden könne, würden mit 68 Prozent des Nettolohns vergütet. Weitere 56 bezahlte Stunden gebe es in den übrigen Monaten. Die Stunden könnten auch an heißen Tagen genommen werden. „An Hitzetage hören wir mit der Mannschaft auch mal um 13 Uhr auf“, sagt Mike Lewandowski.

Zwischenstation

Im Handwerk nehme der Anteil der Abiturienten zu, sagt Lewandowski. Das führe dazu, dass immer häufiger junge Leute an die Ausbildung ein Studium des Ingenieurwesens oder der Architektur anschlössen und somit für das Handwerk verloren seien, bedauert der 55-Jährige.

Work-Life-Balance

Natürlich spiele Work-Life-Balance auch im Handwerk eine Rolle, sagt Jörg Lewandowski. So sei beispielsweise Teilzeit möglich. Aber nur tageweise. Mittags Feierabend machen, sei nicht praktikabel. Vor einigen Jahren noch undenkbar, zumindest aber die Ausnahme.

Väter gingen im Handwerk genauso in Elternzeit und grundsätzlich müsse man auch über Arbeitszeiten nachdenken, die kompatibler mit Betreuungszeiten von Kindern seien. Es falle zwar um 16 Uhr der Hammer, es würde aber auch um 6.45 Uhr angefangen. Dies sei mit schulpflichtigen Kindern oder betreuten Kindern nicht zu realisieren.

Lösung

Innung und Kreishandwerkerschaft hielten den Kontakt zu den Schulen. Keine Ausbildungsbörse ohne Handwerksberufe. Die Betriebe böten viele Praktika an, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung seien gut, viel mehr sei nicht möglich, sagt Jörg Lewandowski.

Ein bisschen Nervenkitzel ist schon cool : Dachdecker-Auszubildender Alexander Mäder über seine Lehre und die Berufswahl

Das Handwerk versucht vieles, um neue Auszubildende zu gewinnen: Die Branchen präsentieren sich mit Flyern, Werbefilmen und sind regelmäßig auf Ausbildungsbörsen zu Gast: Der Erfolg sei aber überschaubar, sagt Dachdeckermeister Jörg Lewandowski. „Unsere Zunftkleidung macht zwar was her“, sagt er und lacht: „aber an den Ständen von VW, der Polizei und anderen Berufen dreht sich dann doch immer mehr.“

Zu einem Auszubildenden ist sein Betrieb dennoch gekommen. Alexander Mäder (23) aus Melsungen ist nach einem Praktikum im Dachdeckerhandwerk gelandet.

Die Ausbildung zum Krankenpfleger sei nichts gewesen, sagt er. „Ich habe etwas gesucht, wo ich mich auspowern kann.“ Jetzt sei er total glücklich. Die Arbeit mache ihm Spaß, und auf dem Dach zu arbeiten, biete ihm etwas Nervenkitzel. Im positiven Sinn, denn die Arbeit sei sicher – entweder ist man mit Geschirr und Leine gesichert, das sei aber die Ausnahme, oder eben durch das Gerüst, das einen Absturz verhindere, sagt Mäder, der aktuell im zweiten Lehrjahr ist.

Etwas mit den eigen Händen schaffen: Azubi über seinen Beruf

Nach einem Arbeitstag sei er erfüllt. Mit der eigenen Hände Arbeit etwas zu schaffen, gehöre unbedingt dazu. „Wenn ich in der Region unterwegs bin und die Dächer sehe, die wir gedeckt haben, erfüllt mich das schon ein bisschen mit Stolz“, sagt Mäder. Die Arbeit sei körperlich fordernd, aber natürlich auch für Frauen geeignet.

Ein weiterer Faktor für die Berufswahl sei die berufliche Perspektive. „Ich bekäme nach meiner Ausbildung doch sofort in ganz Deutschland einen Job“, sagt Mäder. Wohl auch im Ausland, dort zähle deutsches Handwerk richtig was.

Den schulischen Teil seiner Ausbildung absolviert er im Blockunterricht an der Arnold-Bode-Schule und dem Berufszentrum in Kassel: 50 Wochen sind das in den drei Jahren. Azubis und Betrieb wünschen sich, dass der Unterricht wieder an einem festen Tag in der Woche stattfinde. Die Berufsschullehrer erlebe er als sehr kompetent und praxisorientiert. (Damai Dewert)

Fast 100 Betriebe im Innungsbezirk

Die Dachdecker-Innung Kassel hat 97 Mitgliedsbetriebe. Obermeister ist Dachdeckermeister Joachim Schaumlöffel aus Obervorschütz. Zum Innungsgebiet gehören die Landkreise Werra-Meißner, Schwalm-Eder, Kassel und der Altkreis Rotenburg. Die Ausbildungswerkstatt Kassel befindet sich in Kassel. Die Verwaltung der Ausbildungswerkstatt und die Geschäftsführung der Innung werden von der Kreishandwerkerschaft in Homberg wahrgenommen. Zahl der Auszubildenden: Aktuell sind im ersten Ausbildungsjahr 40 Azubis, im zweiten Ausbildungsjahr 30 Azubis und im dritten Ausbildungsjahr 26 Azubis. Anforderungen sind mindestens ein Hauptschulabschluss und Mathekenntnisse.

Mehr zur Serie „Fachkräftemangel in der Region“

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Ein Thema eine Woche: Fachkräftemangel in der Region“. Mehr zum Thema gibt es in weiteren Teilen.

Wie Migration dem Fachkräfte- und Auszubildendenmangel entgegenwirken kann, lesen Sie hier.

Wie Schüler über ihre berufliche Zukunft denken, lesen Sie hier.

Wieso ein Florist seine Filiale wegen des Fachkräftemangels schließen musste, lesen Sie hier.

Welche Arbeit Ukrainerinnen aktuell im Melsunger Fleischwerk der Edeka-Hessenring haben, lesen Sie hier.

Wie Berufsschullehrer auf den Fachkräftemangel blicken, lesen Sie hier.

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