Nur 5,5 der 11 Sitze sind aktuell vergeben - Melsungen soll neuen Kinderarzt bekommen

Katastrophe für junge Eltern: Im Schwalm-Eder-Kreis fehlen viele Kinderärzte

Gut betreut: Kinderärzte sind Fachärzte mit einer besonderen Kompetenz für Kinder und Jugendliche – Impfen wie in unserem Symbolbild– gehört natürlich auch dazu.
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Gut betreut: Kinderärzte sind Fachärzte mit einer besonderen Kompetenz für Kinder und Jugendliche – Impfen wie in unserem Symbolbild– gehört natürlich auch dazu.

Im Landkreis fehlen Kinderärzte. Von den elf Sitzen sind nur 5,5 besetzt. Diese verteilen sich auch nicht gleichmäßig über den Landkreis. Die Ärzte können sich niederlassen, wo sie möchten. Aktuell gibt es Kinderarztpraxen in Fritzlar mit zwei Sitzen, in Homberg mit einem Sitz, in Schrecksbach mit 1,5 Sitzen und in Schwalmstadt mit einem Sitz.

Schwalm-Eder – Im Schwalm-Eder-Kreis fehlen Kinderärzte. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) sind von den elf Arztsitzen im Landkreis nur 5,5 Sitze besetzt.

Die Situation sei dramatisch, sagt Martina Katerkamp von der Hebammenpraxis in Melsungen. Sie und ihre Kolleginnen erlebten regelmäßig verzweifelte Eltern, da es keinen Kinderarzt gebe, der noch neue Patienten aufnehme. Der Versorgungsgrad im Landkreis liegt laut KVH aktuell nur bei 56 Prozent.

Ende 2019 schloss die Praxis Zöberlein in Melsungen. Das hat die Lage im Landkreis weiter zugespitzt. Trotz intensiver Bemühungen hatte Hans-Georg Zöberlein zehn Jahre lang keinen Nachfolger gefunden. In der ohnehin angespannten Situation habe er 2019 seine 900 jungen Patienten an andere Ärzte abgeben müssen, bedauerte der damals 74-Jährige. Nur diese anderen Ärzte gibt es nicht mehr im Landkreis.

Auch die KVH ist mit dem Versorgungsgrad unzufrieden: Man sei bemüht, Ärzte in ländliche Regionen zu bekommen. Die KVH habe einen Sicherstellungsauftrag, könne die Infrastruktur aber nicht beeinflussen. So spielten beispielsweise der ÖPNV, die Kinderbetreuung und andere Angebote eine Rolle. Ärzten würde bei der Nachfolgersuche geholfen und es gebe eine finanzielle Unterstützung, wenn niedergelassene Ärzte später in den Ruhestand gingen.

Die Probleme würden aber in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Hinzukomme ein Wandel der Lebensmodelle. Auch Ärzte arbeiteten in Teilzeit, da komme es vor, dass zwei Köpfe für eine Stelle benötigt würden. Die KV fordere daher mehr Studienplätze. Aber selbst wenn diese kämen, dauere es Jahre, bis sich das Plus an Medizinern bemerkbar mache.

„Nach unserer Einschätzung werden die meisten Patienten von Kinderärzten angrenzender Regionen übernommen“, sagt ein Sprecher der KV. Es seien aber auch Hausarztpraxen, die die Versorgung vor Ort teilweise auffingen. Insgesamt sei die Situation im Schwalm-Eder-Kreis aber nicht befriedigend. „Wir sind daher immer wieder mit Kinderärzten, die sich eine Tätigkeit in der Region vorstellen können, im Gespräch“, so der KV-Sprecher weiter.

Eltern, die dringend einen Termin, beispielsweise für eine U-Untersuchung, benötigen, können sich unter der Rufnummer 116117 an die Terminservicestelle wenden, um einen Termin zu bekommen.Eine gute Nachricht gibt es hingegen aus Melsungen. Ende des Jahres soll ein Kasseler Kinderarzt eine Praxis eröffnen. Der junge Mediziner zieht in die Räume einer Hautarztpraxis, die schließen wird.

Wie sich fehlende Kinderärzte im Alltag bemerkbar machen, schildert uns eine Familie aus Frielendorf mit drei Kindern im Alter von zwei bis zu zehn Jahren. Die ersten verpflichtenden U-Untersuchungen der beiden ersten Kinder habe noch der Hausarzt vorgenommen. Als sich dann das dritte Kind ankündigte, habe sich die Familie einen Kinderarzt gewünscht. Schon die Suche habe sich außerordentlich schwierig gestaltet. Die Familie begann – so wie es Hebammen empfehlen – bereits Wochen vor der Entbindung mit der Suche. „Wir sind von fünf Kinderärzten abgelehnt worden.

In Schwalmstadt hieß es beispielsweise, es würden nur Säuglinge aus Schwalmstadt genommen, in Schrecksbach nur Familienmitglieder beziehungsweise Geschwisterkinder und Schrecksbächer. Dieselbe Aussage gab es dann auch aus Homberg. Dann sei die erleichternde Zusage aus Fritzlar gekommen. Die Fritzlarer Kinderarztpraxis nahm die Familie auf. „Ich habe geweint vor Glück, dass wir einen Kinderarzt bekommen haben“, erinnert sich die Mutter. Dass sie aufgenommen worden sei, möchte sie extra hervorgehoben wissen, denn auch die Fritzlarer Praxis sei zu diesem Zeitpunkt ausgelastet gewesen. Die Suche habe die Familie mehrere Wochen und viele Nerven gekostet. In die Kinderarztpraxis nach Fritzlar war die Familie fast 45 Minuten unterwegs. Das habe sie damals aber für die kindgerechte ärztliche Versorgung gerne in Kauf genommen.

Zwischenzeitlich wechselte die Familie in die Hausarztpraxis, die eine hohe Kompetenz bei der Betreuung von Kindern habe, aber diese eigentlich auch erst ab einem Alter von 1,5 Jahren aufnehme. Sauer sei man auf die Kassenärztliche Vereinigung gewesen, denn von dieser habe man damals auf Nachfrage gesagt bekommen, ein Fahrtweg von jeweils einer Stunde sei absolut zumutbar. Mit einem kranken Kind zwei Stunden im Auto zu sitzen – nicht eingerechnet Warte- und Behandlungszeit – sei jedoch eine Tortur für jedes Kind.

Ganz aktuell hätten sich der Kasseler Kinderarzt und ein Hautarzt auf die Praxisübernahme geeinigt, berichtet Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein. Seit Monaten stehe die Stadt mit dem Mediziner in Kontakt. Die Stadt werde dem Arzt bei der Praxiseinrichtung finanziell helfen, das hatte der Magistrat beschlossen. „Wir sind sehr froh über diese gute Nachricht“, sagt Boucsein. Die Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung seien leider ernüchternd gewesen. Glücklicherweise habe der Arzt vom Bedarf in Melsungen erfahren und sich an die Stadt gewandt. Jetzt bemühe man sich auch um einen neuen Hautarzt für Melsungen. (Damai D. Dewert)

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