Marie Tielmann feiert am 11. April Geburtstag

100-Jährige aus Neuenbrunslar: Das ist ihr Geheimnis

Stricken liebt sie sehr: Auch den Schal um ihren Hals hat Marie Tielmann selbst angefertigt. Am Sonntag feiert sie ihren 100. Geburtstag.
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Stricken liebt sie sehr: Auch den Schal um ihren Hals hat Marie Tielmann selbst angefertigt. Am Sonntag feiert sie ihren 100. Geburtstag.

Marie Tielmann feiert am 11. April in Neuenbrunslar ihren 100. Geburtstag. Was das Geheimnis ihres hohen Alters ist, hat uns ihr Sohn verraten.

Neuenbrunslar/Guxhagen – Wenn Marie Tielmann eine Blume wäre, dann wohl ein Vergissmeinnicht. Denn diese hübschen blauen Blümchen welken ja, wenn man dem bekannten Gedicht glaubt, nicht. Und das könnte man auch über Marie Tielmann sagen. Die gebürtige Guxhagenerin, die heute in Neuenbrunslar lebt, wird am Sonntag 100 Jahre alt – doch das Alter sieht man ihr nicht an.

Das leuchtend weiße Haar ist elegant frisiert, sie trägt Ohrringe und eine dunkelblaue Bluse, passend zu ihren leuchtend blauen Augen. Sogar ihr Arzt habe ihr schon bescheinigt, sie habe einen Blutdruck und Beine wie eine 18-Jährige, erzählt Marie Tielmanns Sohn Egon.

Und wenn es nach Marie Tielmann selbst geht, dann wird sie am Sonntag auch noch längst nicht 100 Jahre alt. Zwar weiß sie genau, wann sie geboren wurde – „am 11.4.1921!“ – doch als ihr Sohn nachhakt, wie alt sie denn am Sonntag werde, antwortet seine Mutter im Brustton der Überzeugung: „90!“

Marie Tielmann spricht gern von früher – etwa von einem Besuch auf der Wartburg, den sie als junges Mädchen machte und über den sie einen Schulaufsatz schreiben sollte. Der Sängersaal habe ihr am besten gefallen, sagt sie. Doch was vor zwei Minuten geschehen ist, das wisse sie oft nicht mehr, erzählt ihr Sohn Egon Tielmann.

Denn das Alter hat trotz allem Spuren bei Marie Tielmann hinterlassen: Sie sieht und hört schlechter, sitzt im Rollstuhl – und die Demenz nagt an ihrem Erinnerungsvermögen. Bereits seit 1989 lebt Marie Tielmann im Haus ihres Sohnes Egon in Neuenbrunslar. Seit acht Jahren pflegt der 72-jährige Witwer seine Mutter. „Wenn eine Frau sechs Kinder groß gezogen hat, muss man als Sohn auch etwas zurückgeben“, sagt er. Seine Mutter ins Pflegeheim zu geben, ist für ihn unvorstellbar. Ebenso unvorstellbar wie die Tatsache, dass sie eines Tages nicht mehr da sein wird. „Ich hoffe, sie bleibt uns noch lange erhalten“, sagt Egon Tielmann.

Was das Geheimnis ihres hohen Alters sei? „Die Liebe“, sagt ihr Sohn. Zu ihrer großen Familie, die ihr immer wichtig gewesen sei. Zum Familienhund Rontos, der sie 17 Jahre lang begleitete. Und auch zu ihrem Lebensgefährten, den sie nach dem Tod ihres zweiten Mannes kennenlernte und mit dem sie 30 Jahre lang zusammen war. All das habe seine Mutter jung gehalten, glaubt Egon Tielmann.

Auch heute noch blüht Marie Tielmann auf, wenn sie Besuch von Familienmitgliedern bekommt – inzwischen hat sie neun Enkel und elf Urenkel. Ein Teil ihrer Familie wird auch am Sonntag kommen, um mit der 100-Jährigen auf ihren Geburtstag anzustoßen – soweit dies unter Corona-Bedingungen möglich ist. Fünf ihrer sechs Kinder wohnen im näheren Umkreis, der Region, in der Marie Tielmann verwurzelt ist.

Geboren wurde die Jubilarin als Marie Weinmeister in Guxhagen. Dort lernte sie auch ihren ersten Mann kennen, mit ihm zog sie in den Westerwald. Doch nur drei Monate nach der Geburt ihres ersten Sohnes fiel ihr Mann im Zweiten Weltkrieg. Sie heiratete später den Cousin ihres ersten Mannes und bekam mit ihm fünf weitere Kinder. Das Heimweh führte Marie Tielmann zurück nach Guxhagen, wo die Familie 1962 ein Haus baute. Doch 1974 wurde Marie Tielmann zum zweiten Mal Witwe.

Beruflich stand sie auf eigenen Beinen, arbeitete 18 Jahre lang in der Orthopädischen Landesklinik in Kassel. Für Hobbys blieb neben Arbeit und dem Großziehen von sechs Kindern wenig Zeit. Doch die Gartenarbeit habe sie geliebt, erzählt ihr Sohn: „Sie ist eine große Blumenfreundin.“ Fürs Arbeiten im Garten fehlt ihr inzwischen die Kraft, doch eine andere Lieblingsbeschäftigung ist ihr geblieben – das Stricken. 2012 habe seine Mutter begonnen, sehr viel zu stricken, erinnert sich Egon Tielmann. Seitdem sind 500 Schals entstanden.

Noch etwas liebt Marie Tielmann: Poesie. Immer wieder rezitiert sie Gedichte wie „Die Glocke“ oder „Der Winter ist ein rechter Mann“. „Das haben wir in der Schule gelernt“, fügt sie hinzu. Und fährt fort: „Rosen, Tulpen, Nelken – alle Blumen welken. Nur die eine nicht. Denn die heißt Vergissmeinnicht.“ (Judith Féaux de Lacroix)

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