Anwohner aufgebracht über sinnlose Geschwindigkeitsbegrenzung

Ärger um Tempolimit bei Heßlar

Die Autobahn 7 bei Felsberg
+
Das Tempolimit bei Heßlar beginnt kurz vor einem bestehenden Erdwall.

Heßlar – Eigentlich sollten Heßlar und Melgershausen besser vor dem Lärm der Autobahn geschützt werden. Ein Tempolimit sollte Abhilfe schaffen. Doch das wurde nun in einem Abschnitt eingerichtet, an dem bereits ein Erdwall vor dem Lärm schützt. Dort, wo das Tempolimit nötig wäre, schallt es weiter in die Dörfer hinein. Die Anwohner sind sauer.

Wenn Gerhard Fischer aus Heßlar auf der Autobahn 7 zwischen Melsungen und Kassel unterwegs ist, dann stört ihn eines erheblich: das Tempolimit bei seinem Heimatort. Aber es ist nicht das Tempolimit an sich, das den Heßlarer verärgert. Es ist der Abschnitt, in dem es gilt. „Das Ministerium verarscht uns doch“, ärgert sich der Rentner. Tatsächlich klingt die Geschichte nach einem Schildbürgerstreich. Denn nun gilt in einem Bereich ein Tempolimit zur Lärmreduzierung, wo bereits ein Lärmschutzwall ist. Und dort, wo dringend ein Lärmschutz benötigt wird, schallt es wie eh und je.

Falscher Belag

Angefangen hat alles mit einer Fahrbahnerneuerung der Autobahn in diesem Bereich im Jahr 2014. Hessen Mobil hatte eigentlich den Auftrag, lärmmindernden Belag aufzubringen. Stattdessen gab’s versehentlich den normalen Belag – und eine Entschuldigung von Hessen Mobil. Einen neuen Belag aufbringen? Zu teuer.

Die Zusage

Nach ewigem Hin- und Her mit dem Ministerium, Briefen von lärmgeplagten Anwohnern, Anfragen an die Landesregierung seitens der Abgeordneten aus dem Schwalm-Eder-Kreis kam im Sommer vergangenen Jahres bei einem Termin in Felsberg – fünf Jahre nach der Fahrbahnerneuerung – eine vielversprechende Zusage vom Verkehrsministerium in Wiesbaden. Ein Tempolimit soll Abhilfe schaffen und zumindest den lärmmindernden Effekt erzielen, den der lärmmindernde Belag gehabt hätte. Dieses Tempolimit sollte laut Fischer im Bereich der Anschlussstelle Melsungen starten. Das bestätigt unter anderem auch Bundestagsabgeordneter Edgar Franke (SPD), der genau wie Fischer bei dem Gespräch mit Vertretern des Verkehrsministeriums aus Wiesbaden im August 2019 dabei war. „Genau so war es abgesprochen und mit dieser Lösung haben sich auch alle zufrieden gezeigt“, sagt Franke. Auch Dieter Fischer von der Bürgerinitiative Lärmstopp A7 aus Guxhagen war beim Gespräch dabei: „Es war definitiv so besprochen, ab der Anschlussstelle. Wir sind doch nicht alle senil, dass wir das falsch verstanden haben.“ Es sei nun zwar schon ein Jahr her, aber auch Landtagsabgeordneter Günter Rudolph ist sich fast sicher, dass die Temporeduzierung ab der AS Melsungen gelten sollte. Felsbergs Bürgermeister Volker Steinmetz will sich im Nachhinein nicht so ganz festlegen: Er könne sich erinnern, dass „die nordhessischen politischen Vertreter und die BI um eine Geschwindigkeitsbegrenzung möglichst ab der Anschlussstelle gebeten haben“. Seiner Erinnerung nach hätten die Vertreter aus Wiesbaden diesen Wunsch zur Prüfung mitgenommen.

Die Ausführung

Als das Tempolimit eingerichtet wurde, staunten die Beteiligten nicht schlecht. Denn kurz nach der Auffahrt Melsungen in Richtung Norden gilt nun Tempo 120 – bis kurz vor den aufgeschütteten Lärmschutz-Erdwall. Erst ab dort gelten dann 100 Stundenkilometer für Autos und 60 Stundenkilometer für Lastwagen. Man spricht bei dieser stufenweisen Temporeduzierung (120 auf 100/60) von einem Geschwindigkeitstrichter. Dieser Begriff ist laut Rudolph auch beim Gespräch mit dem Verkehrsministerium gefallen.

Das Problem

Das Tempo erst auf 120 und dann auf 100 beziehungsweise 60 Stundenkilometer zu reduzieren, sei ja schön und gut, sagt Dieter Fischer, „aber dann müssen die 120 doch schon vor und nicht erst nach der Anschlussstelle Melsungen gelten“. Denn dadurch gilt nun dort das Tempolimit von 100 beziehungsweise 60 Stundenkilometern, wo bereits ein Erdwall besteht. Aber wenige Hundert Meter vorher, dort, wo nun nicht schneller als 120 km/h gefahren werden darf, schallt es ohne Schutz in die Orte. „Und es sind ja gerade die Lastwagen, die den Lärm verursachen“, sagt Dieter Fischer. „Und da nutzen die 120 absolut gar nichts.“ „Ich komme mir vor, wie im falschen Film“, sagt Gerhard Fischer. „Das war so nicht besprochen, sonst hätten wir beim Termin schon widersprochen.“ Auch Steinmetz sagt: „So bringt es gar nichts.“ Er habe bereits „vor Wochen“ beim Ministerium um erneute Prüfung gebeten, aber noch keine Rückmeldung erhalten. Er wolle sich nun noch mal dahinter klemmen. Gerhard Fischer weiß nicht mehr weiter. Nach umfangreichem Schriftverkehr mit Vertretern des Ministeriums – auch Edgar Franke, Günter Rudolph und Mark Weinmeisters Bemühungen liefen bis jetzt ins Leere – weiß er immer noch nicht, warum das Tempolimit nun an dieser Stelle eingerichtet wurde. „Das kann mir auch niemand erklären.“

Das sagt das MInisterium

Hessen Mobil habe den Auftrag des Ministeriums so ausgeführt, wie es 2019 in Felsberg mit BI, der Stadt Felsberg und politischen Vertretern besprochen worden war, teilt Wolfgang Herms, Sprecher vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen mit. Ein Tempolimit ab der AS Melsungen sei nicht Ergebnis der Besprechung gewesen, „sondern lediglich ein dort beginnender Geschwindigkeitstrichter. Hier scheint eine Fehlinterpretation vorzuliegen“. Hessen Mobil habe beim Neubau der Talbrücke Helterbach und der Optimierung der Linienführung der A 7 „bedauerlicherweise nicht den vorgesehenen Belag auftragen lassen. Die Geschwindigkeitsbeschränkung soll dies ausgleichen und das Lärmschutzniveau herstellen, das sich ergeben hätte, wäre der im Planfeststellungsverfahren vorgesehene Fahrbahnbelag verbaut worden.“ Außerhalb des Bereichs der Baumaßnahme lägen keine Voraussetzungen für eine lärmschutzbedingte Geschwindigkeitsbegrenzung vor. Aus Rechtsgründen sei es nicht möglich, „den Geltungsbereich der Anordnung über den planfestgestellten Bereich auszudehnen“. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.