Stute versorgt Jungtier nach Tod der leiblichen Mutter

Amme für Waisenfohlen in Hilgershausen

Noch brauchen die Ammen-Stute und das Fohlen Begleitung beim Säugen: von links Carmen Vollbach und Katharina Meier sind immer dabei, wenn Dira Bonita bei Spöricka trinkt.
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Noch brauchen die Ammen-Stute und das Fohlen Begleitung beim Säugen: von links Carmen Vollbach und Katharina Meier sind immer dabei, wenn Dira Bonita bei Spöricka trinkt.

Einen ungewöhnlichen Fall gibt es derzeit auf dem Pferdehof von Carmen Vollbach in Hilgershausen: Fohlen Dira Bonita hat kurz nach der Geburt seine Mutter verloren – und wird nun von einer Amme gesäugt.

Hilgershausen – Fohlen Dira Bonita stupst mit dem Kopf vorsichtig den Bauch der Stute Spöricka an, nähert sich dem Euter – und beginnt zu trinken. Was aussieht wie eine ganz normale Szene zwischen einer Stute und ihrem Fohlen auf einer Weide in Hilgershausen, ist in Wirklichkeit ein besonderer Moment. Denn Spöricka ist nicht Dira Bonitas Mutter – sondern ihre Amme.

Dank einer Hormontherapie produziert die Stute Milch für ein Fohlen, das sie nicht selbst zur Welt gebracht hat. Und sie akzeptiert, dass das ihr anfangs noch völlig fremde Jungtier bei ihr trinkt. „Es ist ungewöhnlich, dass das funktioniert“, sagt Carmen Vollbach, auf deren Hof in Hilgershausen Dira Bonita geboren wurde.

Die leibliche Mutter des zwei Monate alten Fohlens, Penny, musste Anfang Juni, kurze Zeit nach der Geburt von Dira Bonita, eingeschläfert werden. Das Pferd litt seit einiger Zeit an einem Tumor in der Nase, erzählt Vollbach. Der Tumor behinderte die Atmung der Stute, da Pferde nicht durch den Mund atmen können.

Vollbach hatte noch gehofft, die elfjährige Stute retten zu können: „Ich bin extra mit Penny in die Tierklinik nach Gießen gefahren, dort wurde eine Computertomografie von ihrem Kopf gemacht.“ Mit dem dortigen Tierarzt hatte die 28-Jährige über mögliche Behandlungsmöglichkeiten gesprochen.

Doch schon am nächsten Tag verschlechterte sich der Zustand von Penny massiv, sie bekam kaum Luft, quälte sich sichtlich. „Ich wollte sie nicht leiden lassen“, schildert Vollbach. Deshalb entschied sie sich, die Stute einschläfern zu lassen. Bis kurz vor ihrem Tod war Penny noch für Dira Bonita da: „Sie hat ihr Fohlen fast bis zu ihrem letzten Atemzug gesäugt“, erinnert sich Vollbach.

Das einzige gemeinsame Foto: Fohlen Dira Bonita und seine leibliche Mutter, die Stute Penny.

Dira Bonita litt sehr unter dem Verlust der Mutter. „Das Fohlen war vorher aufgeweckt und frech. Nach dem Tod der Mutter war es plötzlich sehr introvertiert. Man hat gemerkt, dass es getrauert hat“, erzählt Katharina Meier. Die 33-Jährige lebt ebenfalls in Hilgershausen, ist eng mit Carmen Vollbach befreundet und begeisterte Reiterin. „Dira Bonita war teilnahmslos, hat kaum gefressen“, sagt auch Vollbach. Normalerweise trinke ein Fohlen bis zum Alter von etwa sieben Monaten noch Stutenmilch. Zwar könne man das Jungtier auch mit Fohlenfutter und Milchpulver ernähren – doch Dira Bonita wollte beides nicht wirklich akzeptieren, sagt Vollbach.

Zudem sei das Trinken bei der Mutter eben mehr als nur Ernährung: „Das Säugen spielt eine große Rolle bei der Erziehung, die Stute bringt dem Fohlen dabei vieles bei“, erklärt Meier. Deshalb beschloss Vollbach, eine Amme für Dira Bonita zu suchen – obwohl ihr die meisten davon abgeraten hätten, berichtet sie. „Es hieß immer: Das brauchst du gar nicht erst zu versuchen, es klappt eh nicht.“ Doch in Tierarzt Carsten Mangold aus Wabern fand sie einen Unterstützer: „Er war der Einzige, der gesagt hat: Wir probieren das.“

Das Waisenfohlen Dira Bonita mit seiner Amme, Stute Spöricka, in Hilgershausen. Mit im Bild Carmen Vollbach und Katharina Meier (von links).

Eine Amme zu finden, war nicht einfach. Die Wahl fiel schließlich auf Spöricka. Die sieben Jahre alte Stute ist auf dem Hof von Carmen Vollbach geboren und selbst vor einem Jahr Mutter eines Fohlens geworden. Sie erhielt eine Hormontherapie in Form von Spritzen – und tatsächlich produzierte die Stute wieder Milch. Amme und Fohlen müssen sich erst aneinander gewöhnen. Deshalb werden sie derzeit auch noch von Carmen Vollbach und Katharina Meier begleitet, wenn Dira Bonita bei Spöricka trinken soll. Vollbach führt das Fohlen, Meier die Stute. Wenn Dira Bonita beim Trinken einmal zu rabiat vorgeht, wehrt Spöricka sie ab – dann sind Vollbach und Meier zur Stelle, um die Tiere wieder zu beruhigen und einen neuen Annäherungsversuch zu begleiten. Doch inzwischen sind Stute und Fohlen schon enger zusammengewachsen. Dira Bonita hat ihr aufgewecktes Wesen zurückerlangt. Und wenn Spöricka sieht, dass das Fohlen aus der Box geholt wird, wird sie unruhig, erzählt Vollbach: „Das zeigt, dass ihr Mutterinstinkt geweckt ist.“ (Judith Féaux de Lacroix)

Mehr auf Instagram: Wer verfolgen möchte, wie es mit Fohlen Dira Bonita und Ammen-Stute Spöricka weitergeht, hat dazu auf Instagram die Möglichkeit unter waisenfohlen_dira_bonita.

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