Ans Aufhören denkt er nicht

Felsbergs letzter Schuhmacher: Heinz Augustin arbeitet mit 87 immer noch

Er braucht auch mit 87 Jahren noch keine Brille beim Einfädeln: Heinz Augustin an seiner Ledernähmaschine. Foto: Rehermann

Felsberg. Als Heinz Augustin in die Lehre ging, herrschte noch Krieg in Deutschland. Er könnte längst in Rente sein, ans Aufhören denkt er jedoch nicht.

Mit ruhiger Hand führt Heinz Augustin den Schuh an die Schleifmaschine. Fast schon meditativ neigt er die Sohle leicht nach links, leicht nach rechts. Die Tätigkeit ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen: Seit 73 Jahren arbeitet er schon als Schuhmacher. „1942 habe ich meine Lehre begonnen, musste sie aber unterbrechen, weil ich als Soldat eingezogen wurde“, erzählt der 87-Jährige.

Nach Kriegsende konnte er seine Gesellenprüfung ablegen und in der Werkstatt seines Onkels anfangen. Damit folgt er der Familientradition: Seit mehr als 150 Jahren, so Augustin, kümmere sich seine Familie um das Schuhwerk der Felsberger. „Deshalb war auch bei mir schon von Geburt an klar, dass meine Brüder und ich auch in die Lehre gehen.“

Wohnung über der Werkstatt 

Für sein hohes Alter ist er erstaunlich fit: Behände bewegt sich der 87-jährige durch seine Werkstatt. Will er an der Nähmaschine arbeiten, braucht er keine Brille, um den Faden einzuführen.

Jeden Arbeitstag geht er um 9 Uhr von seiner Wohnung im ersten Stock runter in die Werkstatt. Dort repariert er Schuhe, Taschen und Jacken und verkauft Restposten, die übriggeblieben sind, als er seinen Laden vor fünf Jahren aufgab. In den ehemaligen Verkaufsräumen ist heute ein Imbiss.

Maßschuhe näht Augustin schon lange nicht mehr. „Der Aufwand wird heute nicht mehr bezahlt.“ Zu stark sei die Konkurrenz aus der Industrie. Zu viele Menschen, so Augustin, kauften heute billige Schuhe, und würden sie eher wegwerfen als zur Reparatur bringen. Ebenso machen es ihm neue Materialien schwer: „Die Gummisohle ist der Untergang des Handwerks“, meint Augustin. „Früher kamen die Leute alle paar Wochen, wenn sie ihre Ledersohlen durchgelaufen hatten. Gummi hält jahrelang.“

Das klassische Schuhmacherhandwerk sterbe aus, davon ist Augustin überzeugt. In den 50er Jahren hätte er gemeinsam mit seinem Vater, Onkel und Bruder vier Läden gehabt, erinnert sich der 87-jährige.

Heute ist er der letzte Schuhmacher in Felsberg, der noch bei der Handwerkskammer eingetragen ist. Obwohl er viele Stammkunden habe, wird niemand seinen Laden übernehmen. Ans Aufhören denkt er aber noch nicht.

„Für mich ist die Schuhmacherei eine Berufung“, sagt er, und setzt den Schuh wieder an die Schleifmaschine. „Ich habe Spaß daran und so lange ich kann, werde ich arbeiten.“

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