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Bestseller-Autor Tim Pröse liest in Felsberger Synagoge

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Von: William-Samir Abu El-Qumssan

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Tim Pröse hinter seinem ersten Buch „Jahrhundertzeugen“
Tim Pröse liest in Felsberg. © Tim Pröse

Mit seiner Literatur gegen das Aufgeben kommt Tim Pröse am Mittwoch, 11. Januar in die Felsberger Synagoge. Deshalb ist die Lesung etwas Besonderes für ihn.

Felsberg – Erzählungen, die Mut machen und Hoffnungssignale gegen Hass und Hetze: Das gibt es bei einer Lesung am Mittwoch, 11. Januar ab 19 Uhr in der Felsberger Synagoge an der Ritterstraße. Der Verein zur Rettung der Synagoge hat den Bestseller-Autoren Tim Pröse eingeladen. Bei der öffentlichen Veranstaltung stellt Pröse in einer szenischen Lesung zwei seiner Bücher vor.

Der Buchautor kommt zum dritten Mal nach Felsberg. Im Interview erklärt er, wie er von der Zeitung zum Bücher schreiben kam, was die beiden Bücher miteinander zutun haben und warum er sich auf die Lesung in der Synagoge freut.

Herr Pröse, Udo Lindenberg sagt zu Ihrem neusten Buch „Der Tag, der mein Leben veränderte“ Folgendes: „Dieses Buch betet nicht die Asche an, sondern reicht die Flamme weiter.“ Was genau meint er damit?

In Udo Lindenbergs Kunst geht es darum, dass man die Flamme des Lebens weiterreicht – weitermacht und nicht aufgibt. Auch in meinen Büchern geht es darum. Ich fokussiere mich auf die Überlebenden einer dramatischen Geschichte. Mit meinen Büchern möchte ich Menschen ermutigen, nach einem Sturz nicht liegen zu bleiben. Und das passt auch hervorragend zu der Lesung in Felsberg.

Warum?

Christopher Willing, der die Lesung veranstaltet, ist in meinen Augen auch so ein Flammen-Weiterreicher. Ich finde es grandios, was er in den vergangenen Jahren erreicht hat und wie er die Synagoge wieder aufgebaut hat. Deshalb freue ich mich umso mehr, dass ich das Ganze mit meinem Auftritt etwas unterstützen darf.

Sie werden neben Ihrem neusten Buch auch aus Ihrem ersten Werk aus 2016, „Jahrhundertzeugen – Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“ lesen. Darin kommt Christopher Willing ja sogar vor, richtig?

Genau. Er kommt in diesem Longseller vor, weil er gegen viele Widerstände angekämpft hat. Es gab auch einige Gegner dieses Projekts um die Synagoge, um es gelinde auszudrücken. Antisemitismus ist ja leider in der heutigen Zeit immer noch ein Problem. Doch anstatt sich über dieses Phänomen zu beklagen, wurde in Felsberg dem Hass etwas Schönes entgegengesetzt. Die Synagoge ist ein tolles Zeichen für die Vielfalt.

Mit der NS-Zeit haben Sie sich auch kein einfaches Thema für Ihr erstes Buch ausgesucht…

Die NS-Zeit und die sogenannte Vergangenheitsbewältigung waren schon immer Themen, die mich schon früher als Journalist bewegt haben. Ich habe als Redakteur besondere Überlebende dieser Zeit gesucht, um mit ihnen zu sprechen, ehe es zu spät ist. Ich bin der Meinung, dass man Vergangenheit nicht bewältigen muss, sondern darüber sprechen sollte.

Woher rührte die Abkehr vom Journalismus zum Bücher schreiben?

Ich dachte mir schon immer, dass ich ein Buch über die NS-Zeit schreiben möchte. Und ich habe gewartet und gewartet. Dann habe ich vor sieben Jahren meinen Job als Magazinredakteur verloren und da wusste ich: Jetzt ist der Moment gekommen. Da habe ich mich an all die Menschen erinnert, die ich in den Jahren begleitet habe und das Buch geschrieben über die letzten noch lebenden Holocaust-Überlebenden, Judenretter und Widerstandskämpfer.

Wo liegt der Zusammenhang zwischen den zwei Büchern, aus denen Sie in Felsberg vorlesen werden?

In meinem neusten Buch habe ich mit 15 Menschen gesprochen, die sich aus Tiefpunkten in ihrem Leben wieder herausgekämpft haben. Darunter ist auch einer der Holocaust-Überlebenden aus meinem ersten Buch, mein Freund Jurek Rotenberg aus Haifa, der spektakulär vor der Gaskammer gerettet wurde. Sein Kapitel erzählt von seiner Lust am Leben und das wir keinen Tag verschenken dürfen. Das passt natürlich hervorragend, wenn ich in der Synagoge in Felsberg über einen solch besonderen Menschen erzählen darf.

Unter den 15 Menschen waren aber auch ganz andere Schicksale. Wie wurden die Menschen ausgewählt?

Ich nenne die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, Phönixmenschen. Menschen, die tief gefallen sind, und sich wieder erhoben haben - wie Phönixe aus der Asche. Darunter sind prominente Menschen wie Udo Lindenberg, der für mich eine Leitfigur meines Lebens und ein Freund geworden ist und der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Ich habe aber auch bis dahin unbekannte Menschen porträtiert, denen etwas Schreckliches oder Schicksalhaftes passiert ist und die dann einen tollen Neuanfang hingelegt haben.

Zum Beispiel?

Ich habe eine junge depressive Frau namens Lea begleitet, die mit 17 Jahren von einer Brücke in den Tod springen wollte. Und auch sprang. 12 Meter tief. Sie ist aber wie durch ein Wunder am Leben geblieben. Jetzt macht sie anderen Menschen in ihrem Alter Mut, dass sie es schaffen können, aus einer Depression wieder herauszufinden.

Was ist für Sie persönlich die Erkenntnis, die Sie aus den Erzählungen dieser Menschen gezogen haben?

Ich habe aus all diesen Fällen gelernt, dass alle Menschen in ihren Tiefpunkten unfassbar nah bei sich selbst sind. Sie werden damit konfrontiert, was sie wirklich wollen und wer sie wirklich sind. Sowas erfährt man nicht im schönsten Glück, sondern im tiefsten Leid. Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten an ihrem Tiefpunkt auch einen Plan vor Augen, wie sie aus dem Elend wieder herausfinden. In Zeiten, in denen viele Menschen wegen der Krisen und der Ungewissheit verzagen, soll das Buch „Der Tag, der mein Leben veränderte“ die Leser ermutigen.

Können Sie schon verraten, woran Sie als Nächstes arbeiten werden?

Mein nächstes Buch schließt thematisch etwas an meine anderen an. Es geht wieder um Menschen, die besondere Zeichen gesetzt haben. Mehr kann ich dazu aber noch nicht verraten.

Zur Person

Tim Pröse (52) ist Journalist und Autor. Er wurde 1970 in Essen geboren. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften, Politik und Psychologie war Pröse Chefreporter der Münchner Abendzeitung und schrieb für das Reportagen-Ressort des Magazins Focus. 2016 erschien sein erstes Buch, der Longseller „Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen”. Er schrieb außerdem Biografien über die Schauspieler Dieter Hallervorden, Mario Adorf und Jan Fedder. Letztere – „Jan Fedder – Unsterblich”– schaffte es aus dem Stand heraus auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Nach eigener Aussage hat Pröse sein Hobby zum Beruf gemacht und schätzt sich glücklich, Menschen begleiten zu dürfen und jährlich ein Buch zu veröffentlichen. Er gibt im Jahr rund 70 Lesungen. Seit 20 Jahren lebt er in München.

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