Schriftstücke eines Melsungers

Erlebnisse eines Sudetendeutschen: Enkelin veröffentlicht Buch

Knapp vier Jahre dauerten die Arbeiten an dem Buch, nun ist es endlich fertig: Astrid Paul (50), Enkelin und Herausgeberin der Gedichte und Aufzeichnungen von Johann Willinger. Foto: 

Felsberg. Eigentlich wollte Astrid Paul nur Ordnung in den Unterlagen ihres verstorbenen Großvaters schaffen. Doch was sie entdeckte, war ein literarischer Schatz.

Unzählige Gedichte, Tagebucheinträge und szenische Darstellungen hat ihr Großvater Johann Willinger im Laufe seines Lebens verfasst. Und das war ein sehr bewegtes: Der Sudetendeutsche wurde nach der Kriegsgefangenschaft in Melsungen angesiedelt. 

„Er trug immer ein Etui mit Notizzetteln bei sich, schrieb alles auf, was ihm in den Sinn kam“, sagt Astrid Paul. Über die Qualität und den Umfang seiner Aufzeichnungen sei sie sich nie im Klaren gewesen.

Nur selten habe ihr Großvater über das Erlebte und Geschriebene ein Wort verloren. Als er 1994 starb, sichtete Astrid Paul dessen Hinterlassenschaften. Der Ärztin blieb kaum genug Zeit, die Menge an Aufzeichnungen zu lesen und einzuordnen. Damit begann sie erst im Jahr 2013.

Die „einzigartigen Einblicke in eine längst vergangene Zeit“ wollte sie anderen nicht vorenthalten. Astrid Paul entschloss sich, die Geschichte Johann Willingers in einem Buch zu veröffentlichen. Johann Willinger lebte und arbeitete als Sudetendeutscher im westlichen Teil Tschechiens, nahe Pilsen. 1943 wurde er als Sanitäter zur Wehrmacht berufen und ein Jahr später an die Front geschickt, wo er in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Die alltäglichen Eindrücke im sibirischen Arbeitslager in poetischer Form niederzuschreiben, habe ihm und seinen Kameraden geholfen, die Not besser zu bewältigen.

„Das Erstaunlichste ist vielleicht, dass er sich auch damals noch seinen Optimismus bewahrt hat und sogar noch Bewunderung für die sibirische Landschaft empfunden hat“, sagt Astrid Paul.

Zwei Jahre später wurde Willinger aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und zusammen mit vielen anderen Sudetendeutschen in Melsungen angesiedelt. Dort wurde er Lehrer. Nachdem er 1974 in Rente ging, unternahm er häufig Ausflüge in die Natur. Sein Etui mit den Notizzetteln hatte er auch dort stets dabei.

Seit März ist das Buch „Trost um Vergängliches“ im Verkauf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.