Eltern stecken in der Zwickmühle

Erzieher kritisieren generelle Öffnung der Kindergärten im Corona-Lockdown

Kindergarten Symbolbild
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Viele Eltern schicken ihren Nachwuchs auch während des Corona-Lockdowns in die Kindertagesstätte.

Trotz des Corona-Lockdowns bleiben Kindertagesstätten und Schulen im Kreisteil Melsungen geöffnet. Das ist für Eltern einerseits eine Erleichterung, schafft andererseits aber auch Probleme.

Melsungen – Obwohl die Kindertagesstätten und Grundschulen im Landkreis geöffnet haben, stehen viele Eltern vor einer schwierigen Situation. Denn: Die dringende Empfehlung von Bund und Land lautet, Kinder möglichst zu Hause zu behalten. Ein Dilemma für die Eltern.

Ein weiteres Problem: Viele Lehrer und Erzieher müssen in den Einrichtungen arbeiten und sind wie die Kinder einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Eltern sollen ihre Kinder zwar möglichst zuhause betreuen, können sie aber auch ohne Angabe von Gründen in die Kita bringen. Die Erzieher stellt das vor Probleme, wie uns exemplarisch das Team der Kita Emszwerge in Böddiger berichtet.

„Wir fühlen uns ohnmächtig und vom Land allein gelassen“, sagt Adriana Falkenhain, Leiterin der Kita Emszwerge im Felsberger Stadtteil Böddiger. „Es macht einen wütend, wenn man sieht, wie es in anderen Bundesländern funktioniert.“ Sie würde sich wünschen, dass es auch in Hessen nur eine Notbetreuung gebe wie im Frühjahr 2020. „Natürlich war es ein großer Aufwand, die Anträge auf Notbetreuung zu kontrollieren und hinter Nachweisen herzurennen. Aber es gab eine klare Regelung, wer sein Kind in die Kita bringen kann und wer nicht.“ Alle Arbeitnehmer seien angehalten, möglichst im Home Office zu arbeiten. „Wir müssen aber hier in der Einrichtung sein. Wer schützt denn uns?“, fragt Falkenhain. „Wir haben Angst um unsere Gesundheit.“

Sie wolle jetzt versuchen, zumindest einen Teil der elf Erzieher zuhause arbeiten zu lassen. Zu tun gebe es auch dort genug – zum Beispiel die Arbeit an den Portfolios, in denen die Entwicklung der Kinder dokumentiert wird. Zwei Erzieher pro Gruppe müssten aber auf jeden Fall in der Kita arbeiten, um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten. 56 Kinder, verteilt auf drei Gruppen, besuchen normalerweise die Kita Emszwerge. Etwa die Hälfte der Kinder werde derzeit betreut, berichtet Falkenhain. „Wir haben tolle Eltern, die viel Verständnis haben.“

Die drei Gruppen würden strikt voneinander getrennt, sowohl drinnen als auch draußen. Doch die Kinder träfen sich in ihrer Freizeit trotzdem oft auch mit Kindern aus den anderen Gruppen – das sei natürlich nicht sinnvoll, sagt Falkenhain.

Ihr Stellvertreter Marco Honner geht davon aus, dass die Zahl der zu betreuenden Kinder in den kommenden Wochen wieder steigen wird – „einfach, weil der Atem bei den Eltern kürzer wird.“ Honner ist selbst Vater. Seine Frau arbeitet ebenfalls als Erzieherin, trotzdem haben die beiden entschieden, dass ihr zweieinhalbjähriger Sohn zuhause bleibt. Betreut wird das Kind von den Großeltern, die mit im Haus wohnen. Er könne zwar verstehen, dass es für Eltern anstrengend sei, ihre Kinder zuhause zu behalten. „Aber man muss jetzt solidarisch sein und für einige Wochen die Zähne zusammenbeißen.“ Er habe mit seiner eigenen Kita noch Glück – er habe aber von anderen Einrichtungen gehört, in denen schon jetzt wieder 20 Kinder in einer Gruppe betreut würden. Ganz Deutschland befinde sich in einem harten Lockdown – doch in den hessischen Kitas erlaube man auf diese Weise „Spreading-Partys“, kritisiert Honner.

Er stellt klar, dass es den Erziehern nicht darum gehe, sich vor der Arbeit zu drücken. Im Gegenteil: Der Betreuungsaufwand sei höher, wenn weniger Kinder in die Kita kämen, da die Kinder in größeren Gruppen automatisch mehr miteinander spielten und weniger direkte Aufmerksamkeit der Erzieher einforderten.

Die Eltern stehen derweil vor vielen offenen Fragen: Er habe sogar zwischen den Jahren dutzende E-Mails von Eltern erhalten, sagt Matthias Will, in der Melsunger Stadtverwaltung zuständig für Kindertagesstätten. Der Informationsbedarf sei immens – zum Beispiel, inwieweit die Kita-Gebühren erstattet werden, sollten Kinder zu Hause betreut werden. „Eine berechtigte Frage, auf die wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort geben können“, sagt Will. Ebenfalls ungeklärt sei, wer die Kosten übernehme, wenn Eltern ihre Kinder zuhause betreuten und dafür Kinderkrankengeld in Anspruch nähmen. Ganz abgesehen von der Bereitschaft der Arbeitgeber, über einen längeren Zeitraum auf ihre Mitarbeiter zu verzichten.

Manuel Otto, Elternbeiratsvorsitzender der Kita Böddiger, sieht die Regelung zwiegespalten. „Die Notbetreuung im Frühjahr war mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden, und die Entscheidung, welche Berufe als systemrelevant eingestuft wurden, hat mancher als ungerecht empfunden.“ So gesehen sei die Lockerung gut. Aber: „Dem Eindämmen der Pandemie wirkt man so nicht wirklich entgegen.“ Doch viele Familien seien froh, dass eine Betreuung angeboten werde. „Es ist für alle Eltern eine Riesen-Herausforderung, wenn sie ihre Kinder zuhause betreuen müssen“, sagt Otto. Einige stelle das vor existenzielle Probleme – weil sie es gegenüber ihrem Arbeitgeber nicht mehr rechtfertigen könnten, zuhause zu bleiben. (Damai D. Dewert, Judith Féaux de Lacroix)

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