Substitutions-WG im Landkreis 

Böddiger Berg: Betreute Wohngruppe für ehemals Suchtkranke ist Erfolg - Bewohner berichtet

Schlicht eingerichtet: Ein Raum in der Wohngemeinschaft in Felsberg. Das Mobiliar wird von der Fachk linik Böddiger Berg gestellt.

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution im Landkreis. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für Suchtmittelgefährdete oder Abhängige. In loser Reihe stellen wir die Fachklinik und ihre Mitarbeiter vor.

Felsberg – Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es drei betreute Wohngruppen für substituierte Menschen. Eine davon befindet sich in Felsberg. Wir sprachen mit einem Bewohner über seine Sucht und den Ausstieg.

Manuel Sturm ist gerade einmal 13 Jahre alt, als er das erste Mal Heroin raucht. „Ich wollte endlich runter kommen“. Runterkommen von dem Zeug, dass er die Tage und die vielen Wochenenden zuvor genommen hat: LSD, Speed, Exctasy und andere psychedelischen Drogen. „Ich war auf vielen Partys, habe viel ausprobiert – als mir jemand Heroin gab, wusste ich nicht ein mal, dass es Heroin war“, sagt der heute 37-Jährige, der eigentlich anders heißt und anonym bleiben möchte. Seine Geschichte möchte er dennoch erzählen.

Manuel Sturm wächst in Kassel auf. Seine Eltern haben nichts vom Drogenkonsum ihres Sohnes gewusst. Das erfuhren sie erst, als Sturm das erste Mal angeklagt wurde. Da war er 15 Jahre alt und zwei Jahre auf Heroin. „Das Zeug kostete viel Geld – ich habe alles Mögliche getan, um an Geld zu kommen“, erzählt er. Damit meint Sturm Einbrüche, Diebstähle und Dealen. Der Beginn einer klassischen Drogenkarriere. Für seine Eltern brach damals eine Welt zusammen, erzählt Sturm. Der Richter sei damals gnädig gewesen. Zu einer Haftstrafe wurde er nicht verurteilt. Für ihn ging es auf Anordnung zum ersten Mal nach Felsberg. Bei der Fachklinik am Böddiger Berg macht er einen ersten Entzug – erfolglos. Das war 1998.

„Von einem Mal Heroin nehmen, wird man nicht süchtig“, meint Sturm. Aber es habe ihm einfach gefallen, was das Zeug mit ihm machte.

Sein Leben und die Sucht finanziert sich Sturm in den Folgemonaten auch mit Dealen. 150 Euro gibt er täglich für Kokain und Heroin aus. Dann begeht er wieder eine Straftat und geht ins Gefängnis. Aber auch dort gibt es Stoff. Sturm kommt nicht davon los, dealt sogar selbst im Knast weiter. Immerhin absolviert er eine Lehre als Bäcker. „Ich hatte damals schon alles verbockt, da dachte ich mir, mach wenigstens die Ausbildung zu Ende“, erzählt er.

Doch kaum wird Sturm erneut entlassen, beginnt der Teufelskreis. „Nach einer Entlassung steht man immer alleine da“, sagt er. Mehrmals versucht er einen kalten Entzug, der wie eine schwere Grippe ist. „Der Kopf spielt einem Streiche“, sagt er. Das schaffe man nicht alleine und nicht ohne Ersatzdroge.

Seine Ex-Frau, mit der er heute vier Kinder hat, habe immer hinter ihm gestanden. Von seiner Sucht habe sie erst spät erfahren, sagt er. „Abhängige können die besten Schauspieler sein“, sagt der 37-Jährige. „Man spielt anderen etwas vor und vor allem sich selbst“, erzählt er. Das klassische Bild eines Heroin-Abhängigen mit der Spritze im Arm habe er laut eignen Aussagen nie verkörpert. „Ich habe immer versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten“, sagt er.

Er hatte eine Wohnung in Kassel, lebte dort mit seiner Familie. Bis er zuletzt für sieben Jahre inhaftiert wurde. 2018 wurde er entlassen und hat in Hannover ein halbes Jahr eine Therapie gemacht. Von einer Bekannten habe er von der WG in Felsberg gehört. „Ansonsten gibt es so etwas nur in größeren Städten – ich kannte Felsberg ja schon, da habe ich mich auf den Platz beworben.“ Die Zusage von der Klinik kam wenige Tage später. Für Sturm pures Glück.

Zum ersten Mal lebt Sturm nicht in Kassel oder sitzt im Knast. „Kassel ist für mich ohnehin verbrannt“, sagt er. „Die Süchtigen, die vor 20 Jahren an den bekannten Ecken standen, stehen dort immer noch – oder sind tot“, sagt er. Auf dem Land in Felsberg fühle er sich deutlich wohler. Weg von der Szene. Das ist ein großer Vorteil, sagt er. Seit Mai 2019 ist er in der Felsberger WG zuhause. Ein Mal täglich fährt er zum Arzt nach Melsungen und bekommt Methadon.

Die WG bietet Platz für vier Menschen. „Wir sind momentan zu dritt“, sagt er. Das Zusammenleben funktioniere gut. Auch wenn Sturm mit 37 Jahren einer der jüngsten Bewohner in allen drei Substitutions-WG im Landkreis ist. „Falls wir Hilfe brauchen, sind zwei Sozialarbeiter ein paar Stunden pro Tag vor Ort.“

Sie helfen bei Anträgen beispielsweise, schreiben gemeinsam Bewerbungen und unterstützen die Bewohner im Alltag. In der WG ist der Konsum von Drogen verboten. „Es gibt Stichprobenkontrollen“, erzählt Sturm.

Sturm ist seit knapp einem Jahr weg von Heroin. „Es läuft gut – auch, weil es hier behüteter ist“, sagt er. In diesem Jahr möchte er gemeinsam mit einem anderen Bewohner eine eigene Wohnung suchen. Ein erstes Vorstellungsgespräch stünde ebenso an, erzählt Sturm.

Betreuen die Bewohner der WG in Felsberg im Alltag: Die Sozialarbeiter (von links) Ines Siebert (58) und Florian Hartmann (29) in ihrem Büro in der WG. Das Foto entstand vor der Coronakrise. Fotos: linett hanert

„Die Wohngemeinschaft durchbricht dicke Mauern“

Die Drogenhilfe eröffnete 2017 die erste ambulant betreute Wohngruppe mit zunächst vier Plätzen in Melsungen. Mittlerweile gibt es drei Wohnungen mit je vier Plätzen. Bei Bedarf könnten kurzfristig zwei weitere Plätze zur Verfügung gestellt werden, erklärt Anette Wenzel, Leiterin der Fachklinik Böddiger Berg und der Außenstellen. Mit den Sozialarbeiten Ines Siebert und Florian Hartmann sprachen wir über die WG, die Bewohner und ihre Arbeit.

Wer darf in die Wohngruppe ziehen?

Prinzipiell werden in den Wohngruppen Menschen betreut, die sich in einer Substitutionstherapie befinden. Dabei werden den Patienten Medikamente als Heroinersatzstoff verschrieben (Methadon). Durch die tägliche Einnahme sollen Entzugserscheinung vermieden werden. Um in der WG zu leben, müssen sich Patienten zunächst bei der Fachklinik schriftlich oder mündlich per Telefon bewerben. Danach erfolgt ein Vorstellungsgespräch, erklärt Ines Siebert. Dabei werde darauf geachtet, dass die Menschen auch vom Naturell zusammenpassen und clean sind, sagt Siebert.

Wer finanziert den Platz?

Kostenträger der Einrichtung ist der Landeswohlfahrtsverband (LWV). Die Fachklinik Böddiger Berg übernimmt die Betreuung. Eine Betreuungsstunde in der WG kostet 66,89 Euro, sagt Siebert. Der Mietvertrag wird von der Fachklinik abgeschlossen. Die Bewohner unterzeichnen einen Nutzungsvertrag und zahlen entsprechend für ihr Zimmer, erklärt Siebert.

Wie lange dürfen die Bewohner dort leben?

Der Vertrag ist immer erst für ein Jahr festgesetzt, sagt Siebert. Allerdings ist es durchaus möglich, dass die Bewohner auch länger dort wohnen bleiben. Es können Anschlussverträge ausgearbeitet werden.

Wie oft sind die Sozialarbeiter vor Ort?

Als Sozialarbeiter betreuen Ines Siebert und Florian Hartmann die Bewohner. Neben der Wohnung in Felsberg sind sie auch für die zwei weiteren Wohnungen in Felsberg und Melsungen zuständig. Sie wechseln teilweise täglich und stündlich ihren Arbeitsplatz. „Es kommt vor, dass wir drei Stunden in einer WG sind und die nächsten drei in der anderen – da wo gerade mehr Bedarf ist“, sagt Florian Hartmann.

Was sind die Aufgaben?

Die Sozialarbeiter helfen den Bewohnern im Alltag, wenn es etwa um Schuldenregulierung, der Distanzierung zu kriminellen Milieus oder der Vermittlung einer Tagestruktur geht. „Viele Bewohner haben jahrelang auf der Straße gelebt“, sagt Hartmann. „Wir versuchen hier, den Status quo zu erhalten – anders als in einer Clean-WG, wie es sie sieben Mal im Landkreis gibt.“ In einer Clean-WG werden Perspektiven für die Zukunft erarbeitet. „In dieser WG ist Erfolg ganz anders definiert“, so Hartmann. „Für die Menschen hier, ist es schon ein großer Fortschritt, nicht illegal zu konsumieren“, sagt er. Außerdem sei der Altersdurchschnitt in den Substitutions-WG deutlich höher. Dieser liege etwa bei 50. Manuel Sturm sei einer der jüngsten Bewohner und eine Ausnahme.

Wie groß ist der Bedarf an einem Platz?

Sehr groß, sagt Siebert. Die Fachklinik würden im Schnitt sehr viele Bewerbungen von potenziellen Bewohnern erreichen. Felsberg sei ruhig gelegen. Für Patienten sind die bekannten Drogenumschlagsplätze weit entfernt, das würde einen Rückfall erschweren, das wissen auch die Bewohner zu schätzen, so Siebert.

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