Für sie ging es noch gut aus: Schicksal der jüdischen Familie aus Felsberg dokumentiert

Der Pass in die Freiheit: Max, Betty und Rosi Weinstein reisten am 10. Dezember 1935 mit dem Schiff nach Jaffa, Palästina.

Felsberg – Diskriminierungen, Verfolgung, antijüdische Gesetze und Boykotte zwangen Juden während der NS-Zeit zur Flucht. Auch die jüdische Familie Weinstein aus Felsberg musste fliehen.

 Im Frühjahr sollen Stolpersteine für die Familie in Felsberg verlegt werden. Der Heimathistoriker Dr. Dieter Vaupel befasst sich seit einiger Zeit mit dem Schicksal der Familie Weinstein. Zur Stolpersteinverlegung will er eine Broschüre über das Schicksal der Familie veröffentlichen. Vaupel hat bereits ein Buch über den Felsberger Widerstandskämpfer Egbert Hayessen veröffentlicht.

In diesem Haus hat die Familie Weinstein gewohnt. Vor dem Gebäude sollen die Stolpersteine im Frühjahr verlegt werden.

Max und Betty Weinstein haben die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und konnten bis zu den Novemberpogromen 1938 das Land verlassen, erzählt Heimathistoriker Dieter Vaupel. Mit dem Urenkel von Max und Betty Weinstein, Amir Moretzki aus Israel, hat Vaupel Kontakt aufgenommen. Max und Betty Weinstein lebten in der Untergasse 19 in Felsberg. Im Jahr 1935 flüchteten sie gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Rosi vor dem antisemitischen Klima nach Palästina. Rosi war die Großmutter von Amir Moretzki.

In Felsberg habe schon viel früher als in anderen Städten Deutschlands eine aggressive und antisemitische Stimmung geherrscht, erklärt Vaupel. „1933 war eine antisemtitische Postkarte aus Felsberg mit einem Gedicht im Umlauf“, erklärt er. Bereits ein Jahr später seien Fensterscheiben von jüdischen Geschäftsleuten zertrümmert worden. Schilder mit der Aufschrift ‘Kauft nicht bei Juden, sie sind euer Unglück’ der NSDAP-Ortsgruppe hingen aus, erklärt Vaupel. Dokumente, die das belegen, hat er archiviert. „Selbst bei den damaligen Nationalsozialisten in Nordhessen stieß das Vorpreschen der Felsberger Ortsgruppe auf wenig Zustimmung.“ 

Die Staatspolizei habe das Vorgehen der Ortsgruppe genau beobachtet, sagt Vaupel. Das könne dadurch belegt werden, dass die Stadt Felsberg 1935 eine eigene Judenordnung verabschiedete. Diese habe Juden erheblich diskriminiert. Die Judenordnung wurde dann allerdings zurückgezogen, da sie die Befugnisse der städtischen Gremien überstieg, erklärt Vaupel. Für die Familie Weinstein war das Leben in Felsberg kaum noch möglich. 

Auf dem Reisepass wird die Flucht von Max, Betty und Rosi Weinstein dokumentiert. Sie zahlten 800 Reichsmark, wie oben rechts klein gedruckt zu lesen ist.

Max Weinstein war genau wie sein Vater als Viehhändler in Felsberg tätig. Nachdem die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet wurden, haben sich die Finanzbehörden an dem Vermögen der Familie bereichert, sagt Vaupel. Für die Ausreise bezahlte die Familie 800 Reichsmark pro Person. Das durchschnittliche Jahreseinkommen lag damals bei rund 1900 Reichsmark. „Für die Familie war es der einzige Ausweg“, sagt Vaupel.

Der Pass in die Freiheit: Max, Betty und Rosi Weinstein reisten am 10. Dezember 1935 mit dem Schiff nach Jaffa, Palästina.

Mit dem Schiff ging es am 10. Dezember 1935 über Österreich und Italien nach Palästina. Laut den Dokumenten kamen sie am 16. Dezember im Hafen von Jaffa an. Das Schicksal der Familie sei ein glückliches, sagt Vaupel. „Die ganze Familie hat überlebt.“

Auf dem Schiff nach Palästina: Das Foto zeigt Rosi Weinstein, Amir Moretzkis Großmutter. Sie wäre 100 Jahre alt geworden am 22. Dezember 2019.

Stolperstein am Haus in Felsberg

Amir Moretzki möchte den 80. Geburtstag seiner Mutter im Mai zum Anlass nehmen, um vor dem Haus seiner Großmutter Rosi Weinstein, der Untergasse 19, Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig verlegen zu lassen. Gunter Demnig habe in einem Gespräch schon eine Zusage gegeben, erklärt Vaupel. Auch der jetzige Hauseigentümer sei einverstanden mit dem Vorhaben von Moretzki.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.