Nach mehr als 120 Jahren ist Schluss

Gasthaus Siebert in Böddiger schließt Ende 2020

Margit und Volker Siebert vor dem Gasthaus Siebert in Böddiger
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Abschied vom Gasthaus Siebert: Margit und Volker Siebert betreiben die Gaststätte in Böddiger noch bis Ende 2020.

Nach mehr als 120 Jahren ist Schluss: Das Gasthaus Siebert in Böddiger schließt zum Jahresende. Unklar ist, was aus dem angeschlossenen Dorfgemeinschaftshaus wird.

Böddiger – Volker Siebert ist wenige Meter neben dem Zapfhahn geboren worden – aber seinen Lebensabend will er dort nicht verbringen. Ende dieses Jahres werden er und seine Frau Margit die Türen des Gasthauses Siebert in Böddiger schließen. „Wir denken gern an die Zeit zurück, die wir mit unseren Gästen verbracht haben“, sagt Margit Siebert. Doch diese Zeit endet jetzt.

Und damit endet auch eine Ära. Das Gasthaus Siebert wurde vor mehr als 120 Jahren in Böddiger gegründet. Seit 32 Jahren wird es von Volker und Margit Siebert geführt, vorher waren Volker Sieberts Eltern 25 Jahre lang die Gastwirte – und früher war das Gasthaus in der Hand von Volker Sieberts Urgroßvater Justus Ringlebe.

Eigentlich sollte das Gasthaus Siebert ein Familienunternehmen bleiben: Helena Siebert, eines von drei Kindern von Margit und Volker Siebert, ist Restaurant-Fachfrau und hatte ursprünglich vor, die Gaststätte ihrer Eltern zu übernehmen. Doch aus gesundheitlichen Gründen war das nicht möglich. Deshalb wollen die Sieberts das Gasthaus nun verkaufen.

Volker Siebert trennt sich damit nicht nur von der Gaststätte, sondern auch von seinem Elternhaus. Das Ehepaar Siebert will Böddiger verlassen und nach Duisburg ziehen. Dort wohnt eine ihrer Töchter. „Unsere Kinder wohnen alle weit weg. Wenn man durch die Arbeit so wenig Zeit hat, sich zu sehen, ist das einfach schade“, sagt Margit Siebert.

Schade finden es auch die Menschen in Böddiger, dass das Gasthaus Siebert schließen wird. „Eine über 90-Jährige aus dem Dorf hat mir gesagt: Wir werden euch vermissen“, erzählt Margit Siebert. Viele Menschen in Böddiger seien mit dem Gasthaus groß geworden, sagt Volker Siebert. „Es gibt Leute, die haben ihre Konfirmation, ihre Hochzeit und die Taufe ihres Kindes bei uns gefeiert“, ergänzt seine Frau.

Als Margit und Volker Siebert das Gasthaus am 1. Januar 1988 übernahmen, hatten sie keine gastronomische Ausbildung absolviert: Er arbeitete vorher als Büromaschinenmechaniker, sie als Kinderpflegerin. Was sie aber mitbrachten, war Begeisterung: „Wir machen unsere Arbeit gern, dann macht sie sich auch leicht“, sagt Margit Siebert. „Wir sind Gastronomen mit Leib und Seele“, stellt Volker Siebert klar.

Das Abschiedsjahr der Sieberts in Böddiger wird durch die Corona-Pandemie überschattet. Der erste Lockdown im Frühjahr war ein Schock: „Wir hatten teilweise vier bis fünf Veranstaltungen an einem Wochenende – und dann von einem Tag auf den anderen null“, schildert Volker Siebert.

Auch die Suche nach einem Gastwirt als Nachfolger gestaltet sich durch Corona schwieriger. „Vorher war immer klar, dass wir das Gebäude als Gasthaus verkaufen wollen. Das ist seit Corona nun nicht mehr klar“, sagt das Ehepaar. Noch gibt es keinen Käufer für das Gebäude – deshalb ist unklar, ob das Gasthaus weiter besteht.

Für Böddiger ist die Schließung des Gasthauses Siebert ein Einschnitt – auch, weil damit die Zukunft des Dorfgemeinschaftshauses unklar ist. Denn die Sieberts haben einen Saal der Gaststätte als DGH an die Stadt Felsberg vermietet.

Ob der Saal auch nach dem Verkauf des Gebäudes noch als DGH zur Verfügung steht, steht nicht fest. „Ein zentraler Treffpunkt im Dorf geht verloren“, sagt Ortsvorsteher Bernd Steller. Das Dorfgemeinschaftshaus sei immer gut genutzt worden.

Das Verzwickte: Gasthaus und DGH-Saal waren 2007 mit Geld aus dem Dorferneuerungsprogramm umgebaut und renoviert worden. Das Land übernahm 75 Prozent der Gesamtkosten, die sich auf 226 000 Euro beliefen. Der Anteil der Stadt lag bei 56 000 Euro, sie verrechnete diese Summe aber mit der Saalmiete, die sie für das DGH an die Sieberts gezahlt hätte. Die Partnerschaft zwischen Stadt und Gasthaus-Betreibern wurde auf 15 Jahre angelegt, läuft also noch. „Wir müssen sehen, wie mit der Restbindungsfrist umgegangen wird“, sagt Bürgermeister Volker Steinmetz. Er hoffe, dass der neue Eigentümer in die alten Vertragskonditionen eintrete. „Wir würden den Saal gern als DGH erhalten“, sagt Steinmetz.

Volker Siebert erklärt, dass er notfalls den DGH-Saal zurückkaufen müsse, falls der neue Eigentümer des Gebäudes den Saal anderweitig nutzen wolle. Bis zum Verkauf stehe das DGH auf jeden Fall weiter zur Verfügung.

So sah es 1939 aus: Das heutige Gasthaus Siebert in Böddiger hieß damals Gastwirtschaft Gottlieb Ringlebe.

Letzter Betriebstag des Gasthauses Siebert ist offiziell der 20. Dezember. Eine große Abschiedsfeier kann es wegen der Coronapandemie nicht geben. Die Sieberts planen stattdessen – sofern dies trotz Corona möglich ist – sich von ihren Gästen mit „Scherze-Tagen“ zwischen Weihnachten und Silvester zu verabschieden: Jeder Gast zahlt 20,20 Euro – eine Anspielung auf das Schließdatum, 20.12.20 – und bekommt dafür Essen und Getränke satt. Scherzetage nannte man früher die Zeit zwischen den Jahren: Die Mägde und Knechte hatten dann frei und durften sich vergnügen („scherzen“). (Judith Féaux de Lacroix)

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