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Gensunger schreibt über einen fast vergessenen Generalfeldmarschall aus der Region

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Von: Manfred Schaake

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Am Grab: Heinz Körner am Grab von Generalfeldmarschall Paulus auf dem Hauptfriedhof in Baden-Baden.
Am Grab: Heinz Körner am Grab von Generalfeldmarschall Paulus auf dem Hauptfriedhof in Baden-Baden. © Privat

Heinz Körner aus Gensungen schreibt über Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Dieser war im Zweiten Weltkrieg in der Schlacht von Stalingrad und hat seine Wurzeln in Lohre.

Gensungen/Lohre/Guxhagen – Der Krieg Russlands gegen die Ukraine weckt vor allem bei älteren Menschen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, der gestern vor 77 Jahren für Deutschland zu Ende ging. Für das Stadtarchiv Felsberg hat der Gensunger Heimathistoriker Heinz Körner einen Beitrag über Generalfeldmarschall Friedrich Wilhelm Ernst Paulus (1890 – 1957) geschrieben. Der Hintergrund: Der Verlierer der Schlacht um Stalingrad hatte familiäre Wurzeln in Lohre.

In Lohre, Guxhagen und Kassel, sagt Körner, findet Paulus heute kaum noch Erwähnung, „meist nur hinter vorgehaltener Hand. Über Paulus war im Altkreis Melsungen nichts verzeichnet.“ Den Beitrag habe er für die Chronik geschrieben, „damit Paulus im örtlichen Gedächtnis wahrgenommen wird, auch wenn er politisch umstritten agiert hat“. Gerade mit Blick auf den Krieg in der Ukraine sei die Schlacht von Stalingrad heute noch in aller Munde, der Osten sei wieder ins Blickfeld geraten.

„Das historische Bewusstsein über Kriege und unsere Vorfahren muss für die Nachwelt erhalten bleiben und weiter wahrgenommen werden, weil es auch die aktuelle politische Debatte betrifft“, betont Heinz Körner im HNA-Gespräch: „Paulus ist ein Mensch mit persönlicher Tragik.“ Dieses wichtige Stück deutscher Geschichte möchte er dokumentieren. Mit Blick auf die aktuelle Situation möchte Körner anregen, sich mit der jüngsten deutschen Geschichte im Osten zu befassen.

Friedrich Paulus wurde am 23. September 1890 in Guxhagen-Breitenau geboren. Sein Vater Ernst war als Betriebsinspektor in der Verwaltung der Erziehungsanstalt Breitenau tätig und mit der Tochter des Leiters der Anstalt, Bertha Nettelbeck, verheiratet. Der Großvater betrieb in Lohre Landwirtschaft und war Bürgermeister des Ortes.

Gruppenbild aus alter Zeit: Die Vaterfamilie von Friedrich Paulus. Der Zweite von links sitzend ist sein Vater, einst Betriebsinspektor in der Verwaltung der Erziehungsanstalt in Guxhagen-Breitenau.
Gruppenbild aus alter Zeit: Die Vaterfamilie von Friedrich Paulus. Der Zweite von links sitzend ist sein Vater, einst Betriebsinspektor in der Verwaltung der Erziehungsanstalt in Guxhagen-Breitenau. © Repro: Manfred Schaake

Friedrich Paulus machte 1909 am Wilhelmsgymnasium in Kassel Abitur und ging nach einem abgebrochenen Studium der Rechtswissenschaften in Marburg zum Militär. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg und war später Angehöriger der Wehrmacht. Er wurde Chef der 6. Armee im Zweiten Weltkrieg. Körner schreibt, der Untergang der 6. Armee im Winter 1942/43 bei Stalingrad sei von der NS-Propaganda noch als heldenmütiger Kampf gegen die „anbrandenden Horden der sowjetischen Untermenschen“ gefeiert worden. „Es mussten damals fragwürdige historische Vergleiche, wie der Kampf der Spartaner gegen die Perser oder der Untergang der Nibelungen, herhalten, um über dieses Kriegsdesaster hinwegzutäuschen.“

So wurde auch der kommandierende Oberbefehlshaber Paulus noch in seiner nordhessischen Heimat im Frühjahr 1943 als „Spross besten kurhessischen Bauernblutes“ gefeiert. „Die Freude der kurhessischen NSDAP über dessen Spross währte aber nicht lange“, schreibt Körner.

Am 30. Januar 1943 wurde Paulus von Hitler zum Generalfeldmarschall befördert. Damit war – so Körner – unausgesprochen der Hinweis verbunden, durch Suizid die Verantwortung für das Debakel zu übernehmen. Am 31. Januar 1943 kapitulierte die 6. Armee, Paulus wurde Kriegsgefangener der Roten Armee. „Ein deutscher Generalfeldmarschall in Gefangenschaft stellte für die sowjetische Regierung unter Stalin ein wichtiges Faustpfand dar, den sie auch politisch auszunutzen wusste.“

Nach der Gefangenschaft wurde Paulus von führenden deutschen Exil-Kommunisten wie Wilhelm Pieck – später Staatspräsident der DDR – konsultiert. Und er wurde aufgefordert, sich dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ anzuschließen. Körner: „Diese Vereinigung war ein von den Sowjets gefördertes Projekt, hochrangige deutsche Offiziere für den Kampf gegen Hitlerdeutschland zu gewinnen und instrumentalisiert für ihre politischen Ziele einzusetzen.“

1953 übersiedelte Paulus nach Dresden und wurde, so Körner, von der DDR-Führung als Galionsfigur zur Einbindung ehemaliger Nazi-Anhänger in den Separatstaat benutzt. „Diese politischen Wandlungen machten ihn für die Bevölkerungsmehrheit sowohl in West- wie auch in Ostdeutschland unglaubwürdig“, hat Körner dokumentiert, „er saß politisch zwischen allen Stühlen.“ Besonders in der westdeutschen Öffentlichkeit wurde Paulus als Verräter und Wendehals abgestempelt.

Paulus, Vater von drei Kindern, starb nach schwerer Erkrankung am 1. Februar 1957 in seiner Villa in Dresden. Von seiner Grabstelle in Dresden wurde die Urne später in das Familiengrab auf dem Hauptfriedhof in Baden-Baden umgebettet. Dort ist auch seine 1949 verstorbene Frau Elena Rosetti-Solescu beerdigt. Sie stammt aus rumänischem Adel.

Paulus sei „sicherlich eine nicht unbedeutende Person“ der Zeitgeschichte, schreibt Körner. Die Erinnerung an ihn führe auch heute noch zu eher negativen Urteilen: „Seine politische Haltung, die von sehr weit rechtskonservativen Einstellungen hin zu einem willfährigen Handlanger kommunistischer Diktaturen gekennzeichnet war, wird nie vom Verdacht auf persönliche Vorteilnahme zu lösen sein.“ (Manfred Schaake)

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