Leiterwagen gegen Panzer: Wie Felsberger das Kriegsende erlebten

+
Die Zeitzeugen Fritz Schäffer, links, und Werner Fenge an der roten Schule in Felsberg: Dort schickte ein deutscher Soldat diejenigen zurück, die flüchten wollten: „Die Amerikaner schießen nicht mehr.”

Felsberg. Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Zeitzeugen aus Felsberg berichten, wie sie den Einmarsch der Amerikaner in der Region erlebten.

„Wir haben damals unwahrscheinlich viel Glück gehabt." Fritz Schäffer (81) und Werner Fenge (75) sind heute noch dankbar dafür, dass sie den Krieg überlebt haben. Nach ihren Schilderungen gab es Ostern 1945 keine Probleme, als die Amerikaner nach Felsberg einmarschierten.

Die Menschen hatten große Angst. „Am Gründonnerstag hörten wir Einschläge aus Richtung Möllrich und Rhünda, unsere Eltern sagten, die Amis kommen”, erzählt Fritz Schäffer. In Höhe der Sankt-Jacobs-Kapelle schaute er noch zu, als man einen Leiterwagen quer auf die Lohrer Straße stellte und die Wehrmacht einen Schützengraben aushob, um die Amerikaner aufzuhalten.

Würste im Garten vergraben

Daheim packte Schäffer, dessen Vater 1942 in Russland gefallen war, mit seiner Mutter und seinen Schwestern Martha und Else Brot, Wurst, Kissen und ein paar Habseligkeiten auf einen Handwagen, um in Richtung Böddiger zu flüchten. Schäffer: „An der Roten Backstein-Schule fragte uns ein Soldat, wo wir hinwollten. Er sagte, wir schießen nicht, und die Amerikaner schießen auch nicht mehr, macht euch wieder heim.” Ähnlich erlebte es Werner Fenge, der mit seiner Mutter, Bruder Willi, Cousin Gerhard und Cousine Marianne ebenfalls mit dem Handwagen „und ein paar Klamotten zum Überleben” flüchten wollte: „An der Baumschule sagte uns ein deutscher Soldat, dass wir keine Angst mehr zu haben brauchen.” Zuvor, erzählt Fenge, hatte man für den Notfall Würste im Garten vergraben.

In Felsberg, berichten Schäffer und Fenge, gab es keinerlei Gegenwehr, als die Amerikaner von Rhünda aus zunächst auf die Burgstadt schossen: „Der Spuk war nach einer Stunde vorbei.” Fenge: „Angehörige der Hitlerjugend wollten Felsberg noch mit Panzerfäusten verteidigen. Das war völlig sinnlos, und plötzlich waren sie spurlos verschwunden.”

Fenges Cousine Marianne Pfaff (85): „Aus dem Amtsgericht hing schon die weiße Fahne, als alle Felsberger den Befehl bekamen, die Stadt zu verlassen. Die Amis kommen, sagte man uns.” Sie setzte ihre Oma, die nicht mehr laufen konnte, in einen Handwagen: „Wir wollten nach Böddiger. Plötzlich kamen amerikanische Flieger, wir suchten Deckung in Graben. Zum Glück ist nichts passiert.”

Als ein Rot-Kreuz-Jeep der Amerikaner als erstes Fahrzeug durch Felsberg rollte, hingen an allen Häusern weiße - teilweise auch rote - Fahnen und Betttücher, erzählen die Zeitzeugen. Der Küster Hellwig Hasper, so erfuhr Fritz Schäffer von seiner Schwester, hatte die weiße Fahne auf der Burg und am Kirchturm gehisst.

Etwa für ein Vierteljahr lang hatten sich die Amerikaner in Felsberg einquartiert. Fenge: „Sie haben uns freundlich behandelt und gut versorgt. Sie gaben uns Schokolade - so was kannten wir doch gar nicht.”

Mehr zum Kriegsende im Edertal lesen Sie in der Montagsausgabe der Melsunger Allgemeinen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.