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Lisa-Marie Sauer aus Felsberg spricht über ihre Transsexualität 

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Von: Clara Veiga Pinto

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Transfrau Lisa-Marie Sauer (38) aus Felsberg mit ihrer Verlobten Joey Blattmann (33): Als sie sich kennenlernten, war Lisa-Marie noch ein Mann. Um ihre Freundin zu unterstützen, gießt Blattmann Kerzen in den Farben, die für queere und transsexuelle Menschen stehen.
Transfrau Lisa-Marie Sauer (38) aus Felsberg mit ihrer Verlobten Joey Blattmann (33): Als sie sich kennenlernten, war Lisa-Marie noch ein Mann. Um ihre Freundin zu unterstützen, gießt Blattmann Kerzen in den Farben, die für queere und transsexuelle Menschen stehen. © Clara Pinto

Queere Menschen, das sind Menschen die in ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität nicht der Mehrheit entsprechen.

Felsberg – Wir beleuchten das Thema regional.

Lisa-Marie Sauer aus Felsberg ist ein glücklicher Mensch. Ihr zufriedenes Lächeln steckt an. Doch das war nicht immer so. Die 38-Jährige wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, ist also transsexuell. Ihr Deadname – also ihr ehemaliger Name, den sie nicht mehr verwendet – ist André. Heute wird sie nur noch Lisa-Marie genannt. Schon im Kindergartenalter merkte sie, dass sie lieber ein Mädchen wäre. Badeanzüge waren interessanter als Badehosen und Röcke faszinierten Sauer schon immer. Doch der Weg zu dem Menschen, der sie heute ist, war nicht einfach.

Eine Stütze für die gebürtige Leipzigerin war und ist ihre Verlobte Joey Blattmann. Das Paar lernte sich 2017 kennen. „Da war Lisa-Marie noch ein Mann“, sagt die 33-Jährige. Sie erlebte die Verwandlung ihrer Freundin mit: den größer werdenden Wunsch, eine Frau zu sein, die Hormontherapie und schließlich die geschlechtsangleichenden Operationen.

Blattmann stand Lisa-Marie Sauer in dieser Zeit bei, unterstützte sie, wo sie konnte. Doch das war nicht immer einfach und stellte ihre Beziehung unzählige Male auf die Probe. „Auf einmal hatte sie lange Haare und Brüste. Das war manchmal zu viel für mich, weil das alles in kurzer Zeit passiert ist“, sagt sie.

Bis 2017 verdrängte sie ihren Wunsch

Bis 2017 verdrängte Sauer ihren Wunsch – eine Frau zu sein. Sie führte ein normales Leben, hatte mehrere heterosexuelle Beziehungen und war sogar verheiratet. „Ich habe das immer wieder als Phase abgetan und wollte es nicht wahrhaben“, sagt Lisa-Marie Sauer heute über diese Zeit. Vor ihren Freunden, Verwandten und ihrer Ehefrau musste sie ihre Identität verstecken. „Ich habe ein Doppelleben geführt. Wenn meine Ex-Frau aus dem Haus war, bin ich in Kleidern und Röcken durch die Wohnung gehüpft“, erinnert sie sich und lacht. Doch irgendwann konnte die 38-Jährige ihr wahres Ich nicht mehr verstecken: „Meine damalige Frau hat mich dann vor die Tür gesetzt. Ich habe drei Monate in meinem Wohnmobil gelebt.“

Einige Zeit später lernte sie ihre heutige Verlobte im Internet kennen. „Sie hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt und klargestellt, wer sie ist“, sagt Joey Blattmann. „Für mich war das absolut kein Problem, dass sie gerne Frauenklamotten getragen hat. Ich habe sie alles ausprobieren lassen.“

Kurz vor einem gemeinsamen Urlaub platzte dann der Knoten: „Bitte hilf mir, so rauszugehen, wie ich wirklich bin“, bat Lisa-Marie Sauer ihre Freundin. Daraufhin rief Blattmann ihre beste Freundin an. Gemeinsam schminkten sie die 38-Jährige zum ersten Mal und zogen sie weiblich an. „Erst habe ich mich nur im Dunkeln in Frauenklamotten aus dem Haus getraut“, sagt sie. Nach dem Urlaub kam dann der Umschwung: Ihre Hosen im Schrank mussten neuen Kleidern Platz machen.

Ihre Freunde akzeptierten das. Ihre Arbeitskollegen nicht: Sie wurde gemobbt, von Betriebsfeiern ausgeladen und beschimpft. Ihre Verlobte baute sie immer wieder auf. „Du gehst als Frau zur Arbeit, nicht als Mann“, sagte sie immer wieder zu ihrer Freundin, die sich mehr und mehr zurückzog. In ihrem Kopf herrschte Unverständnis: „Meine Arbeit mache ich doch immer noch gleich. Egal, ob ich André oder Lisa-Marie bin.“

Schwere Depressionen

Die 38-Jährige versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht es ihr ging. Irgendwann folgten schwere Depressionen und ein Burnout. Ein achtwöchiger Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik baute sie wieder auf. Viele Monate war Sauer krank. Und wieder war ihre Verlobte ihr Fels in der Brandung. „Wenn Lisa-Marie anrief, ließ ich sofort alles stehen und liegen“, berichtet Blattmann.

Allerdings war das nicht das Einzige, was Sauer in den vergangenen Jahren belastete. Nachdem ihr und ihren Liebsten schon lange klar war, dass sie eine Frau und kein Mann ist, wollte sie nun den nächsten Schritt gehen und ihren Körper angleichen lassen. Doch das ist in Deutschland mit viel Bürokratie verbunden.

Transpersonen, die ihren Vornamen, ihren Geschlechtseintrag auf dem Personalausweis und ihre Geschlechtsmerkmale ändern wollen, müssen sich dafür persönlichen und intimen Fragen stellen. Es wird beispielsweise häufig gefragt, wie oft der Antragsteller masturbiert. Einige psychologische Gutachten sind nötig, um zu beweisen, dass der Antragsteller transsexuell ist.

Neben unzähligen Therapiesitzungen musste Sauer im Papierkrieg die Nerven behalten. Namensänderung, Hormontherapie, Bart- und Brusthaarentfernung, Brustaufbau – das alles stand an. Und schließlich die geschlechtsangleichende Operation. Bis diese Anträge genehmigt wurden, dauerte es drei Jahre. Nach den Operationen hatte sie täglich Schmerzen.

Mittlerweile ist alles geschafft. Die Operationen sind problemlos gelaufen, die Narben verheilt. Für Sauer war die Transition, also die Umoperation zur Frau, die beste Entscheidung ihres Lebens. „Ich fühle mich lebensfroher, offener und besser. Ich fühle mich endlich wie ich selbst“, betont sie. Schon die erste Operation sei wie ein Befreiungsschlag gewesen. „Jetzt kann ich das Leben genießen, dachte ich mir damals.“

Kerzengießen aus Solidarität

Um ihre Verlobte und transsexuelle Menschen zu unterstützen, hat Blattmann bei ihrem Hobby, dem Kerzengießen, etwas Neues ausprobiert: Sie gießt Kerzen in den Farben der transsexuellen Menschen (blau, rosa und weiß) und in Regenbogenfarben, die für alle queeren Menschen stehen.

Aber nicht alle in Sauers Umfeld sind so tolerant wie ihre Verlobte: Ab und zu erfährt die 38-Jährige noch Diskriminierung – am Telefon zum Beispiel. „Weil meine Stimme noch relativ tief ist, glauben mir manche Menschen nicht, dass sie tatsächlich mit Lisa-Marie Sauer sprechen“, erklärt sie.

Auch einige Bekannte taten sich anfangs schwer, sie Lisa-Marie statt André zu nennen. „Anfangs hatte ich dafür Verständnis. Joey ist der Name André auch noch zweimal rausgerutscht“, sagt sie.

Doch für Menschen, die gar nicht erst versucht haben, sich umzugewöhnen, habe sie kein Verständnis. „Auf diese Menschen kann ich gut verzichten. Wem mein Leben nicht gefällt, der kann gehen“, so ihr Lebensmotto.

(Clara Pinto)

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