1. Startseite
  2. Lokales
  3. Melsungen
  4. Felsberg (Hessen)

Melgershäuser unterstützt Struwwelpeter-Ausstellung in Magdeburg

Erstellt:

Von: Manfred Schaake

Kommentare

Einmalige Sammelleidenschaft: Udo Frank Kürschner besitzt etwa 500 Struwwelpeter-Exponate. Darunter sind auch mehr als 100 Jahre alte Originale.
Einmalige Sammelleidenschaft: Udo Frank Kürschner besitzt etwa 500 Struwwelpeter-Exponate. Darunter sind auch mehr als 100 Jahre alte Originale. © Manfred Schaake

Der Struwwelpeter ist die Leidenschaft des Melgershäusers Udo Frank Kürschner. Teile seiner Sammlung sind nun im Kulturhistorischen Museum Magdeburg.

Melgershausen – Der Struwwelpeter – zwischen Faszination und Kinderschreck: So heißt die Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Sie ist bis zum 29. Januar zu sehen und enthält Raritäten aus der Sammlung von Udo Frank Kürschner aus Melgershausen.

Der ehemalige Exportkaufmann hat sich 1977 mit dem Struwwelpeter-Virus infiziert. Er las in einem Zeitungsartikel, dass das Buch in fast alle Sprachen übersetzt worden ist. „Weil ich mich für Sprachen interessiere, wollte ich mehr darüber wissen“, sagte er. Dann ist seine Sammlung weiter gewachsen. Seine Bücher hat er bei Reisen in der ganzen Welt erworben. „Er fuhr bis nach New Orleans“, sagt seine Frau Ursula, die ihn beim Sammeln unterstützt.

Etwa 230 der 250 Exponate der Ausstellung stammen von Kürschner: Bücher, Figuren, Anstecknadeln, Postkarten, Plakate und Krawatten-Entwürfe. Etwa 500 Exponate hat Kürschner. Dazu gehören Würfel- und Kartenspiele.

Kuratorin Dr. Karin Kanter hat ihn in Melgershausen besucht. Kürschner sagt: „Sie wusste nicht, was sie mitnehmen sollte.“ Er ist stolz, dass viele seiner Raritäten präsentiert werden. „Ein Sammler muss nicht immer in seinem Kämmerlein bleiben.“ Seine Schätze wurden bereits in elf Ausstellungen gezeigt. Zu sehen waren seine Raritäten auch in Bad Wildungen, Bad Schwalbach, Hamburg, Jena und Karlsruhe.

1844 erschien das erste erzählende deutsche Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ des Arztes Dr. Heinrich Hoffmann (1809 -1894). Der Geheime Sanitätsrat, der in Frankfurt eine Klinik baute, schenkte 1844 seinem damals dreijährigen Sohn das selbst gemalte Büchlein.

Hoffmann schuf eine neue Bildsprache und Ausdrucksweise, so Kürschner. Begriffe wie Zappelphilipp, Suppenkasper und Hans Guck-in-die-Luft seien in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Die Ausstellung behandelt Hoffmanns Werk in drei Abteilungen. In einem Kapitel werde die Biografie des Autors beleuchtet. Präsentiert werden frühe Ausgaben und Übersetzungen aus aller Welt.

Ein Fokus liegt laut Museum auf der Politisierung des Struwwelpeters, der durch Adaptionen vor allem aus den Kriegsjahren des 20. Jahrhunderts illustriert wird. In einem Kapitel geht es um alle Geschichten des Buches. Kürschner sagt: „Seit 177 Jahren haben sie Künstler inspiriert, die das Werk und die Figuren abwandelten, nachahmten oder karikierten.“ Der Struwwelpeter sei heute mehr als eine Kindergeschichte – „ein Politikum“.

Eine Meißner Porzellan-Figur entworfen als „Chaot“ von Peter Strang.
Eine Meißner Porzellan-Figur entworfen als „Chaot“ von Peter Strang. © Manfred Schaake

Die „Geschichte vom schwarzen Buben“, so das Museum, sei eine der ersten Fabeln gegen Rassismus. „Themen wie Vielfalt und Toleranz, Gender, Medien und Pädagogik werden in der Ausstellung angesprochen und sollen Besuchern die Bandbreite der Lesarten und Interpretationen zeigen.“

Kürschner hat Struwwelpeter-Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen und in fast allen deutschen Mundarten. Seine erste war hebräisch. Ihm geht es um die Geschichte hinter der Geschichte. Als Exportkaufmann kam er in der Welt herum, hat 45 Länder bereist. Erst hat er Briefmarken gesammelt. Als er und seine Frau 1977 ein Buch über Struwwelpeter lasen, brachte ihn seine Frau auf die Idee, sich damit zu befassen. Es wurde eine Leidenschaft. Er sagt: „Fasziniert haben mich die Übersetzungen.“

Es gebe alte deutsche Kinderbilderbücher, die Generationen überdauert hätten und heute noch aktuell seien. „Aus deutscher Sicht ist das vor allem der Struwwelpeter“, sagt Kürschner. Da Hoffmann in Frankfurts Läden kein Bilderbuch fand, „wie es der Fassungskraft seines dreijährigen Sohnes entsprechend schien“ gestaltete er in einem Schreibheft ein Büchlein. Kürschner sagt: „Den Struwwelpeter, der in dieser Zeichnung noch Haar- und Nagelkind hieß, setzte er auf die letzte Seite.“

Das Buch erschien laut Kürschner in fast allen europäischen Sprachen, auch in Estnisch, Litauisch, Rätoromanisch, Katalanisch und Baskisch. Der Struwwelpeter wurde mehrmals vertont. Die erste musikalische Bearbeitung für Singstimme mit Pianobegleitung stamme bereits aus dem Jahr 1875.

Eine spanische Rarität von 2008: Illustration von Roberto Bergado, Texte von Juan Antonio Hormaechea.
Eine spanische Rarität von 2008: Illustration von Roberto Bergado, Texte von Juan Antonio Hormaechea. © Manfred Schaake

Kaum ein zweites deutsches Kinderbilderbuch habe die Gemüter so aufgewühlt wie Struwwelpeter, sagt Kürschner: „Während er sich bei Kindern zur Lieblingslektüre entwickelte, riefen einzelne Geschichten bei Eltern, Pädagogen und Psychoanalytikern Widerstand hervor. Sie werden nicht müde, regelmäßig ihre Forderung zu wiederholen, man möge Struwwelpeter aus Kinderstuben verschwinden lassen.“

Allen Kritiken zum Trotz ist der Struwwelpeter laut Kürschner zu einem weltweiten Bestseller der Kinderbuch-Literatur geworden und habe seinen Siegeszug bis heute fortgesetzt. „Heute erheben sich vermehrt Stimmen, die meinen, das Mohrenkind aus der Geschichte von den schwarzen Buben der politischen Korrektheit unterordnen zu müssen. „

Ihr Kinder hört mir zu und lasst den Mohren hübsch in Ruh! Was kann denn dieser Mohr dafür, dass er so weiß nicht ist wie ihr?“ Kürschner sagt: „Die Kritiker haben nicht erfasst, dass Hoffmann damit frühzeitig für Toleranz gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe eintrat.“ (Manfred Schaake)

Auch interessant

Kommentare