Serie Fachklinik Böddiger Berg

Mit dem Abschluss in ein drogenfreies Leben: Schule für Ex-Abhängige in Felsberg

Mareike Keller (Psychologin) und die Leiterin der Fachklinik am Böddiger Berg für Suchtkranke, Annette Wenzel.
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Im Gewächshaus der Fachklinik am Böddiger Berg: von links Psychologin Mareike Keller mit der Leiterin der Fachklinik Annette Wenzel.

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution in Felsberg. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für suchtmittelgefährdete oder -abhängige Menschen. In loser Folge stellen wir die Fachklinik und ihre Mitarbeiter vor.

Felsberg – Drogensucht, Kriminalität, schwierige Familienverhältnisse – der Großteil der Patienten der Fachklinik am Böddiger Berg ist schon in frühen Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Schule war für die meisten nur Nebensache. Einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Ausbildung können deshalb nur wenige vorweisen.

An der Fachklinik am Böddiger Berg haben sie nun die Chance, ihren Haupt- und Realabschluss nachzuholen. Die Fachklinik ist die einzige Entzugs-Einrichtung in Nordhessen, die Menschen dieses Angebot bietet. Das erklärt die Leiterin der Fachklinik am Böddiger Berg, Annette Wenzel.

Die Schule am Berg

Das Schulangebot der Fachklinik würde viele Süchtige ansprechen, sagt Wenzel. Die meisten der 54 Patienten seien männlich und zwischen Anfang und Ende 20, wenn sie die Langzeittherapie am Böddiger Berg antreten. Ein Schulabschluss über den zweiten Bildungsweg würde vielen noch mal eine neue Chance fürs Leben geben. „Das bemerken die Patienten auch, wenn sie hier erst einmal angekommen sind“, sagt Wenzel.

Die Schule wird zum Teil auch über das Jugendamt finanziert. Ein festangestellter Lehrer und weitere Honorarkräfte unterrichten die Schüler solange, wie ihr Aufenthalt in der Klinik dauert. Maximal sind das zehn Monate, wenn der Kostenträger die Rentenversicherung ist. Sind die gesetzlichen Krankenkassen Kostenträger, sind es bis zu sechs Monate und beim Jugendamt vier. „Die Zeit reicht aber bei den meisten Patienten nicht aus“ sagt Wenzel. In den meisten Fällen wird im Anschluss ein Aufenthalt in einer betreuten Wohngruppe empfohlen.

Um ihren Real- oder Hauptschulabschluss nachholen zu können, werden die Patienten auf ihre Abschlussprüfungen in kleinen Klassen von je drei Patienten vorbereitet. Das sei wichtig, denn viele der Patienten müssten sehr stark gefördert werden. „Man muss sich das so vorstellen: Die Patienten sind zwar auf dem Papier beispielsweise 25 Jahre alt, aber viele von ihnen haben mit 14 Jahren angefangen, täglich große Mengen von Drogen – meist Cannabis – zu konsumieren, und da hat auch die geistige Entwicklung angefangen zu stocken“, sagt Wenzel. Die Prüfungen nehmen zum großen Teil Lehrer der Drei-Burgen-Schule ab.

Ein Abschluss in der Tasche würde auch bei vielen Patienten wieder das Selbstwertgefühl steigern. „Das ist wichtig für ein nachhaltig drogenfreies Leben“, sagt AnnetteWenzel.

Die Arbeit am Berg

Neben der Schule machen die Patienten eine Arbeits- und Beschäftigungstherapie. Auf dem 16 Hektar großen Grundstück der Klinik gibt es einen Garten mit Gewächshäusern für den Obst- und Gemüseanbau, einen Kiosk, eine Wäscherei und eine Metal- und Holzwerkstatt. „In diesen Bereichen werden die Patienten an ein normales Arbeitsleben herangeführt. Was allerdings eine Mammutaufgabe für das Personal ist. Um die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit der Patienten wieder herzustellen, arbeiten die Patienten maximal drei Stunden täglich. „Das ist ja eigentlich sehr wenig, aber für unsere Patienten ist das schon eine große Herausforderung“, sagt Wenzel. Arbeiten bis zum Ende durchziehen, sei für die meisten, die immerhin alle schon Erwachsen sind, eine neue Erfahrung, so Wenzel.

Die Belastbarkeit der Menschen habe in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. „Bei den meisten Patienten kristallisiert sich auch am Ende des Aufenthalts raus, dass sie erst einmal keiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen könnten, erklärt Psychologin Mareike Keller.

Dem Leistungsdruck würden viele nicht standhalten. „Wenn den Patienten in ihrer Vergangenheit etwas zu viel wurde, dann haben sie konsumiert, um vor den Problemen zu fliehen.“

Den Umgang mit Herausforderungen im Alltag hätten viele nie gelernt. Das ist nun Aufgabe des Teams der Fachklinik, die den Menschen durch die Arbeit- uns Schultherapie ein drogenfreies Leben ermöglichen wollen.

Therapie nach Haft 

Für einen Platz in der Fachklinik können sich Suchtabhängige bewerben, wenn sie erfolgreich aus einer Entgiftung kommen, erklärt Anette Wenzel. Es gibt 54 Reha-Plätze. Mal ist der Erwachsenenbereich und mal der Jugendbereich stärker gefragt. Eine Tendenz würde es über die Jahre noch immer nicht geben, sagt Wenzel. Im Schnitt würden immer etwa fünf bis sechs Menschen direkt nach ihrer Haftentlassung in die Fachklinik kommen.

„Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die Freiheitsstrafe, also die Strafvollstreckung zurückgestellt wird, wenn derjenige eine Therapie bei uns macht“, sagt Wenzel. Voraussetzung ist, dass die Tat im Zusammenhang mit der Sucht des Patienten gestanden hat, also wenn jemanden eine Haft wegen Beschaffungskriminalität oder Dealen droht, sagt Wenzel.

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