Neuer Verein setzt sich für Förderung jüdischer Ahnenforschung ein

Die Aufgabe des neuen Vereins ist unter anderem die Dokumentation durch Sortierung und Zuordnung von Personen, Dokumenten und Grabsteinen zur Förderung des Andenkens an Juden und Verfolgte des NS-Regimes.
Felsberg/Kassel – „Der Zweck des Vereins ist die Förderung der Jüdischen Genealogie und die Erforschung der Schicksale der Juden.“ Das steht in der Satzung des Vereins „Jüdische Genealogische Gesellschaft des mittleren Deutschlands“. Er ist in der Synagoge Felsberg gegründet worden und hat seinen Sitz in Kassel.
Felsberg wurde deshalb gewählt, weil in der Synagoge sehr viel Vorarbeit geleistet worden sei mit der Theresienstadt-Bibliothek. Das betonte im HNA-Gespräch Christian Lehmann aus Eschenstruth, der Vorsitzende der Genealogischen Gesellschaft.
Lehmann engagiert sich auch im Verein zur Rettung der Synagoge Felsberg, dessen Initiative die Original-Wiederherstellung des 1939 von den Nationalsozialisten im Innern zerstörten Gebäudes zu verdanken ist. Das ideelle Zentrum des Vereins sei Felsberg, formuliert Lehmann. Der 70-Jährige war Lehrer, Kirchenmusiker und Chorleiter. Als Komponist ist er noch tätig.

Der Satzungszweck des neuen Vereins wird nach den Worten Lehmanns insbesondere verwirklicht durch Sortierung und eindeutige Zuordnung von Personen, Dokumenten, Digitalisaten und Grabsteinen „zur Förderung des Andenkens an Juden und Verfolgte insbesondere des Nationalsozialismus und der Gedenkpflege sowie des Völkerverständigungsgedankens und des Zurückdrängens von Antisemitismus“.
Eines der wichtigsten Ziele sei die Fähigkeit, den immer noch nach dem Schicksal der unbekannt deportierten und ermordeten Juden suchenden Familien Auskunft zu geben. „Denn das Bundesarchiv-Gedenkbuch und der ITS Bad Arolsen erfassen die Schicksale nicht hinreichend präzise“, sagt Lehmann. Und: „Wir werden die Mitgliedschaft in der Internationalen Jüdischen Genealogischen Vereinigung mit Sitz in den USA beantragen.“
Verschiedene Forschungsansätze geplant
Der Verein werde die Zusammenarbeit mit dem Holocaust-Museum in den USA, Yad Vashem und den jüdischen Museen in Deutschland pflegen. Und man strebe die Forschung nach den Verbindungen nordhessischer jüdischer Familien zu Galizien (Kolomea, Lemberg) in der heutigen Westukraine an. Der Dachverband ist laut Lehmann offen für alle an genealogischen Dokumenten der Juden Interessierten - für Juden und Nichtjuden, Forscher und Unterstützer.
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Der bisherige Bestand der Reichsvereinigung der Juden 1939 bis 1945 wurde mit etwa einer Million Seiten ab 2021 im Bundesarchiv Berlin für die Öffentlichkeit digitalisiert und zugänglich gemacht, erläutert Lehmann. Die Genealogie Sikaron an der Synagoge Felsberg habe den hessischen Teil sortiert, initialisiert und erforscht. Westfalen, Schlesien, Bayern und Berlin ist laut Lehmann in Arbeit: „Leider wurde diese Arbeit erst 75 Jahre nach Kriegsende begonnen, da vorher Datenschutzgründe geltend gemacht worden waren.“
Verein stellt die wichtigsten Ziele vor
Wenn das bisherige Tempo fortgeführt werde, sagt Lehmann, „wird es noch mindestens 100 Jahre dauern, bis alle jüdischen Heimatkaufverträge, persönlichen Dokumente der Deportierten, Testamente, Lebensversicherungen und Hypotheken sortiert sind“. Das sind nach Angaben des Vorstandes die nächsten wichtigsten Ziele des neuen Vereins:
- Einen guten Draht zu allen Schnittstellen zu finden: Jüdische Gemeinden, Landesverbände der jüdischen Gemeinden in Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, zum Zentralrat der Juden, zu Archiven, zur Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Stolperstein-Initiativen, zum Jüdischen Museum in Frankfurt und dem Sächsischen Staatsarchiv Leipzig.
- Mit einer Petition will sich der Verein dafür einsetzen, dass das Staatsarchiv Hamburg einen kostenfreien Zugang zu den Dokumenten der Juden aus dem Bestand der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (ab 1950 Stasi, bis 1990 Geheimes Staatsarchiv der DDR) gewährt.
- Jüdische Dokumente der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, der Jüdischen Gemeinden und der Jüdischen Logen und Stiftungen, die sich noch in den Händen der früheren Alliierten des Zweiten Weltkrieges befinden, sollen zurück nach Deutschland geholt werden.
- Die Synagoge Felsberg und das Robert-Weinstein-Haus will der Verein als ideelles Zentrum der genealogischen Forschung und als Archiv entwickeln.
- Genealogischen Forschern, die sich mit jüdischen Personen befassen, soll ein Archivierungsort „für die Ewigkeit“ angeboten werden, wie es Christian Lehmann formuliert.
(Manfred Schaake)