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Sie schützen jetzt die Umwelt: Ziegenzüchter pflegen städtisches Gelände in Niedervorschütz

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Von: Manfred Schaake

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Nach dem ersten Arbeitseinsatz in diesem Jahr: Mitglieder des Ziegenzuchtvereins 1909 Niedervorschütz auf dem Gelände am Ziegenbockstall. Auf dem Tisch steht altes Gerät, mit dem damals die Ziegenmilch verarbeitet wurde.
Nach dem ersten Arbeitseinsatz in diesem Jahr: Mitglieder des Ziegenzuchtvereins 1909 Niedervorschütz auf dem Gelände am Ziegenbockstall. Auf dem Tisch steht altes Gerät, mit dem damals die Ziegenmilch verarbeitet wurde. © Manfred Schaake

Was machen Ziegenzüchter, wenn sie keine Ziegen mehr züchten und halten? Sie engagieren sich für den Natur- und Umweltschutz.

Niedervorschütz – Die Mitglieder des 1909 gegründeten Ziegenzuchtvereins Niedervorschütz pflegen in ihrer Heimatgemeinde ein 500 Quadratmeter großes städtisches Grundstück, schneiden Bäume und Büsche, mähen Rasen und unterhalten den 1952 in Eigenleistung erbauten Ziegenbockstall. In dem meckert schon lange kein Bock mehr.

Im Gebäude hängen noch heute hohe Auszeichnungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und Staats-Ehrenpreise. Sie beweisen, wie erfolgreich der Verein damals war. Ziegen gibt es in Niedervorschütz schon lange nicht mehr. Den Verein aber immer noch. Und so soll es auch bleiben.

Umweltschutz hat Tradition

Dass man sich von März bis Oktober an jedem letzten Donnerstag im Monat trifft, schnuddelt, das städtische Gelände sauberhält und auch mal feiert, hat Tradition. „Wir möchten diese Tradition erhalten und unser Dorfleben weiter unterstützen“, sagt der 83-jährige Fritz Walter, der seit Jahrzehnten Vorsitzender ist.

„Unsere Dorfgemeinschaft muss weiterleben“, fügt Karl Köbberling (70) hinzu, der mit Hans-Günter Herbert, Heinrich Belz, Hermann Kühn, Kurt Bernhard und Heiner Kramer zu den jüngsten Mitgliedern gehört. 40 Mitglieder waren es in den besten Jahren, heute sind es noch 22. Eine Auflösung des Vereins kommt für sie nicht in Frage. Sie machen weiter. Auch ohne Ziegen.

Niedervorschützer Dorfidylle: Die Familie Griesel mit ihren Ziegen vor dem Haus an der Hauptstraße. Ein Foto aus den 1920er-Jahren. 
Niedervorschützer Dorfidylle: Die Familie Griesel mit ihren Ziegen vor dem Haus an der Hauptstraße. Ein Foto aus den 1920er-Jahren.  © Repro: Manfred Schaake

Früher gab es bis zu 165 Ziegen im Dorf, erinnern sich Fritz Walter und Karl Röhn, mit 87 das älteste Mitglied. Und Niedervorschütz sei bis in die 1960er-Jahre der Inbegriff der Ziegenzucht in Nordhessen gewesen, hebt Walter heute noch voller Stolz hervor.

„Der Verein hatte von der Gemeinde einen Feldweg gepachtet, der zur Heu- und Grummeternte von fünf bis sechs Mann mit der Sense gemäht wurde“, erinnert sich Walter. Seine Sammlungen sind ein interessantes Stück Dorfgeschichte.

Mit ihrer Deutschen Weißen Edelziege reisten die Niedervorschützer einst zu landwirtschaftlichen Ausstellungen unter anderem nach München, Frankfurt und Hannover. Auf die Pokale und Urkunden sind sie heute noch stolz. Während der Ausstellungen schliefen die Züchter im Zelt neben den Tieren, damit ihnen vor der Bewertung und Prämierung ja nichts passierte.

Ziegenparade in Niedervorschütz: Ein Foto aus der Sammlung von Fritz Walter. Es entstand in den 1930er-Jahren. 
Ziegenparade in Niedervorschütz: Ein Foto aus der Sammlung von Fritz Walter. Es entstand in den 1930er-Jahren.  © Repro: Manfred Schaake

Für eine gute Zucht mussten immer neue, junge Böcke angeschafft werden. Dafür wurde 1952 eigens ein Stall gebaut, der 2007 aus- und umgebaut wurde. Dort sind heute noch die Geräte zu bewundern, mit denen die Ziegenmilch verarbeitet wurde. Denn früher galt die Ziege noch als die Kuh des kleinen Mannes.

August Steinbrecher, so erinnert man sich, hatte die letzten Ziegen im Ort. Als der älteste Verein im Dorf sein 105. Bestehen feierte, lieh man sich Ziegen von umliegenden Züchtern aus. Auch bei Festen in der Umgebung waren die Niedervorschützer mit geliehenen Ziegen und Handwagen ein besonderer Blickfang.

„Die Ziege – wir geben ihr das Futter, sie gibt uns Milch und Butter.“

„Ziegenzuchtverein – die Molkerei im Hause“ stand auf den mitgeführten Schildern und: „Die Ziege – wir geben ihr das Futter, sie gibt uns Milch und Butter.“

Wie gut sich Ziegen heute für den Landschafts- und Naturschutz eignen, zeigt sich alle Jahre wieder auf der Felsburg und der Altenburg. Auch in den Landschaftsschutzgebieten Geschellenberg bei Hilgershausen und Kartause sind Ziegen von heimischen Unternehmen im Einsatz.

In Niedervorschütz bleibt die Erinnerung an gute, alte Zeiten. Darüber wird heute noch gern diskutiert – beim monatlichen Umwelt- Arbeitseinsatz mit Rechen, Sense, Rasenmäher und Schubkarre rund um den längst leeren Bockstall. (Manfred Schaake)

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