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Synagoge in Felsberg wird am Sonntag eingeweiht

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Von: Manfred Schaake

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Treibendende Kräfte des Bauprojekts: Uwe Lengen, links, mit Christopher und Annette Willing. Lengen hat die Wiederherstellung angestoßen, das Ehepaar Willing engagiert sich mit vielen anderen im Rettungsverein und in der Gemeindearbeit.
Treibendende Kräfte des Bauprojekts: Uwe Lengen, links, mit Christopher und Annette Willing. Lengen hat die Wiederherstellung angestoßen, das Ehepaar Willing engagiert sich mit vielen anderen im Rettungsverein und in der Gemeindearbeit. © Manfred Schaake

Die am 8. November 1938 von den Nationalsozialisten im Innern zerstörte Synagoge in Felsberg ist wieder ein Gotteshaus.

Felsberg –Sie wurde für 1,3 Millionen Euro in den ursprünglichen Zustand versetzt und wird am Sonntag eingeweiht.

Von den Nazis einst zerstört

Abstellraum, Kneipe, Pizzeria, Wohnung und nun wieder Gotteshaus: Die Synagoge an der Ritterstraße in Felsberg präsentiert sich jetzt wieder in dem Zustand wie vor dem 8. November 1938. Damals zerstörten die Nationalsozialisten das Innere des 1847 fertiggestellten Gebäudes und trieben an diesem Abend auch den in der Nähe wohnenden stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Robert Weinstein (SPD) in den Tod. Das Inventar der Synagoge verbrannten sie zur Sonnenwendfeier auf der Burgwiese.

Dank des Engagements des Vereins zur Rettung der Synagoge, zahlreicher Spender, staatlicher Zuschüsse und viel Eigenleistung präsentiert sich das Gebäude der jüdisch liberalen Gemeinde Region Kassel Emet we Schalom – Wahrheit und Frieden jetzt wieder im ursprünglichen Zustand.

Ein neuer, schöner Hingucker: Die Synagoge von der Felsburg aus gesehen. Die Sanierung hatte mit den Dacharbeiten begonnen. Die hässlichen Eternitplatten wurden durch rote Ziegel ersetzt.
Ein neuer, schöner Hingucker: Die Synagoge von der Felsburg aus gesehen. Die Sanierung hatte mit den Dacharbeiten begonnen. Die hässlichen Eternitplatten wurden durch rote Ziegel ersetzt. © Manfred Schaake/Verein zur Rettung der Synagoge

Die Felsberger nennen das Gebäude nur Tempel, und wenn man in dieses Gasthaus ging, hieß es: „Wir gehen in den Tempel.“ Ein Nebenzimmer war viele Jahre Übungsraum des Spielmanns- und Fanfarenzuges der Eintracht. Dort, wo einst der Marsch geblasen und Schoppen getrunken wurden, wird nun gesungen und gebetet.

„Für mich geht ein Traum in Erfüllung.“ Das sagt im HNA-Gespräch Uwe Cornelius Lengen (81). Der Jude hat alles ins Rollen gebracht, war Mitbegründer des Vereins zur Rettung der Synagoge. Weihnachten 1994 zog der ehemalige Gastronom, ehemalige ehrenamtliche Richter und Ehrenmitglied des Hotel- und Gaststättenverbandes in sein Haus in Böddiger ein. 54 Jahre war er zuvor im Hotel- und Gaststättengewerbe tätig. Vom damaligen Böddiger Ortsvorsteher Georg Bachmann erfuhr er Näheres über die Synagoge.

Blauer Himmel: Bei der Rettung der Synagoge griff man auf alte Vorbilder zurück.
Blauer Himmel: Bei der Rettung der Synagoge griff man auf alte Vorbilder zurück. © Manfred Schaake/Verein zur Rettung der Synagoge

„Ich war erstaunt und sagte zu meinem Lebenspartner, der nächste Freitag ist unser Tag im Tempel“, erzählt Lengen. Am Tisch rechts in der Ecke habe man ganz heimlich Schabatt gefeiert: „Für mich ist das eine Synagoge, ein Gotteshaus – die Juden haben es ja nicht freiwillig abgegeben.“

Er habe sich, betont Lengen, „riesig gefreut“, in einem Ort mit Synagoge zu leben, die noch so gut erhalten sei: „Einmal Synagoge, immer Synagoge“. Sie werde derzeit falsch genutzt und zweckentfremdet, sagte er sich damals, „ich wollte, dass sie wieder in ihre traditionelle Bestimmung zurückgeführt wird – es ist Gottes Eigentum“.

Während des Krieges und danach war das Gebäude unter anderem Abstellraum für den Leichenwagen, der bei Beerdigungen von einem Pferd gezogen wurde, und für die Feuerwehrleiter. Anfang der 1950er-Jahre kaufte eine Brauerei die Synagoge. Die ging dann in Privateigentum über. Lengen sagt: „Ich sprach mit der Besitzerin, ich wollte die Synagoge kaufen und weiterführen, nicht als Gaststätte, sondern als Betraum unten und Wohnungen oben.“ Man sei sich aber persönlich nicht einig geworden.

Lengen sprach den Wasserbauingenieur Christopher Willing an, der später als Vorsitzender des Rettungsvereins der „Motor“ des Projektes wurde. Das Konzept war laut Lengen schon 2008 klar: Die Synagoge sollte wieder Synagoge sowie Begegnungsstätte für interkulturelle und interreligiöse Veranstaltungen werden und die 900-jährige Geschichte der Juden in Nordhessen vermitteln. Wer soll das bezahlen, lautete damals die Frage, erläutert Lengen. 2013 wurde dann der Rettungsverein gegründet. Lengen sagt: „Es war der politische Konsens, diesen Verein zu gründen, ich stand voll dahinter.“ Heute sei er glücklich darüber, nach einem langen Arbeitsleben und in seinem hohen Alter etwas bewegt zu haben, „dessen Erfüllung mich sehr stolz macht“.

Ein Bild aus alter Zeit: Der ehemalige Gottesdienstraum vor der Sanierung. Hier fanden früher Versammlungen und die Übungsstunde des Spielmannszuges statt.
Ein Bild aus alter Zeit: Der ehemalige Gottesdienstraum vor der Sanierung. Hier fanden früher Versammlungen und die Übungsstunde des Spielmannszuges statt. © Manfred Schaake/Verein zur Rettung der Synagoge

Lenge sagt: „Ohne die Tatkraft von Annette und Christopher Willing wäre dieser Traum nie erfüllt worden. Dafür bin ich unfassbar dankbar. Mein persönlicher Höhepunkt ist, wenn ich am 11. September die Torah-Rolle in die erneuerte Synagoge tragen darf.“

Termin: Mit einem liturgischen Festakt am Sonntag, 11. September, wird die Synagoge ab 15 Uhr feierlich eingeweiht.

(Manfred Schaaake)

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