Nach jahrelangen Kampf

Zu viel Lärm: Lkws dürfen in Niedervorschütz nachts nur noch Tempo 30 fahren

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Die Ortsdurchfahrt Niedervorschütz: Dort gilt künftig nachts Tempo 30 für Lastwagen. Das soll die lärmgeplagten Anwohner entlasten.

Niedervorschütz. Der jahrelange Kampf der vom Straßenlärm geplagten Anwohner der Bundesstraße 254 in Niedervorschütz hat zum Erfolg geführt: Nach langem Warten kommt Tempo 30.

Lastwagen mit einem Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen dürfen nachts auf der Hauptstraße nur noch Tempo 30 fahren.

Diese Anordnung des Landrats als Straßenverkehrsbehörde gilt für die Zeit von 22 bis 6 Uhr für die Hauptstraße zwischen den Hausnummern 12 und 52a. Das hat die Kreisverwaltung auf Anfrage der HNA mitgeteilt.

Immer wieder hatte es Streit um Berechnungsdaten und die Auswertung von Verkehrszählungen gegeben. Im Februar hatte das Regierungspräsidium Kassel auf HNA-Nachfrage erklärt, die neuen Zahlen seien ausreichend, zu einer Entscheidung zu kommen. Diese fiel aber erst jetzt. Das Regierungspräsidium hatte die nunmehr vom Landrat getroffene Anordnung befürwortet, teilt die Kreisverwaltung mit.

Schutz der Anwohner

„Die dauerhafte Lärmbelästigung soll im Interesse und zum Schutz der Anwohner in Niedervorschütz nicht weiter hingenommen werden“, begründete Landrat Winfried Becker die Anordnung der Tempo-Begrenzung.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Günter Rudolph hatte sich in den vergangenen Jahren mehrfach an die Landesregierung gewandt – zuletzt im Mai dieses Jahres.

„Ich freue mich, dass das Regierungspräsidium unserer Initiative nachgekommen ist und nun eine nächtliche Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 Kilometern pro Stunde für Lastwagen über 3,5 Tonnen gilt“, sagte Vizelandrat Jürgen Kaufmann, „damit verschaffen wir hoffentlich den Anwohnern eine ruhigere Nacht.“ Der Kreis hat Hessen Mobil gebeten, die entsprechenden Schilder möglichst schnell aufzustellen. Hessen Mobil geht davon aus, dass die Schilder in etwa vier Wochen stehen werden, teilte ein Sprecher mit. 

Lärmpegel wurde zum Teil überschritten

Bei der Bewertung der straßenverkehrsbehördlichen Entscheidung sind nach Angaben der Kreisverwaltung die „Richtlinien für straßenverkehrsrechtliche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Lärm“ zu beachten. Sie legen die Richtwerte für Lärmpegel in Wohn-, Misch- oder Gewerbegebieten fest, „bei deren Überschreitung entsprechende Maßnahmen in Betracht kommen“.

Die Lärmpegel wurden in schalltechnischen Gutachten von Hessen Mobil errechnet. In der Ortsdurchfahrt Niedervorschütz wurden laut Kreisverwaltung nächtliche Pegelüberschreitungen an einzelnen Häusern festgestellt. Einen Erlass des Hessischen Verkehrsministeriums für Tempo 30 nachts hatte das Regierungspräsidium 2016 nicht umgesetzt. Der Erlass beruhte auf Zahlen aus 2010. Die Kasseler Behörde wollte neue Zahlen.

Nachts wird gerast 

Laster dürfen auf der B 254 in Niedervorschütz nachts künftig nur noch Tempo 30 fahren. Diese Entscheidung sorgt für Freude bei den Anwohnern. „Man kann nur Hurra schreien. Das ist ein Grund für ein Straßenfest“, sagt Heinz Koch (79). 

Seit 63 Jahren lebt er an der stark befahrenen Bundesstraße. Der Lärm sei erschreckend, ja unerträglich. Seit mehr als 25 Jahren kämpfe man für die Verkehrsberuhigung. Eine Bürgerinitiative habe über 200 Unterschriften auch für einen gesicherten Überweg für Schulkinder gesammelt. Nichts sei passiert. In Tempo 30 nachts sieht Helmut Krug (60) eine große Erleichterung für die Menschen: „Damit kann ich gut leben.“ Sein Bauernhof liegt direkt an der Bundesstraße, und er kennt das Klagelied der Nachbarn über die rappelnden Tassen in den Schränken. 

Hoffen auf ruhigere Nächte: Die Niedervorschützer Heinz Koch, links, und Helmut Krug mit einem Tempo-30-Schild, das sie aber nur fürs Foto in die Kamera halten. Denn die Verkehrsbehörde des Landkreises hat das nächtliche Tempolimit für Lastwagen zwar schon angeordnet, Schilder stehen aber noch keine an der Straße. Laut Hessen Mobil sollen sie in etwa vier Wochen aufgestellt werden.

Ein großes Problem aber –darin sind sich Koch und Krug einig – wird durch Tempo 30 nicht gelöst. „Nachts wird auf der Hauptstraße rücksichtslos gerast“, kritisieren sie. Und bestätigen damit, was die Ortsbeiräte Harald Hamenstädt und Hedwig Geiser bereits im Vorjahr im HNA-Gespräch beklagt hatten. 

Das Problem schildern Krug und Koch so: Von Niedermöllrich kommend benutzen viele Laster-Fahrer am Ortseingang nicht die Verschwenkung nach rechts, sondern fahren bei vermeintlich freier Sicht links an der Verkehrsinsel vorbei geradeaus weiter. Um bei freier Straße das Tempo nicht verringern zu müssen, wird verbotswidrig die Gegenfahrbahn genutzt. Es komme aber auch vor – so schildert Krug – dass bei freier Sicht Pkw-Fahrer die Lastwagen überholen und dabei links an der Verkehrsinsel vorbeifahren. Nachts werde bis zu Tempo 120 gerast, sagen die Anwohner.

Hier müsse endlich streng kontrolliert werden. Auch der Wunsch nach einer festen Radar-Messanlage sei bisher nicht erfüllt worden. Der Fahrbahnteiler mit der Insel habe den Verkehr beruhigen sollen. „Die jetzige Lösung ist aber kontraproduktiv“, sagt Krug.

Felsbergs Bürgermeister: Lkw-Verkehr beeinträchtigt Gesundheit  

Die Anordnung des Landrats hat Felsbergs Bürgermeister Volker Steinmetz auf HNA-Anfrage positiv kommentiert. „Seit Jahren haben die Anlieger der B 254 in Niedervorschütz den lärmenden Verkehr zu ertragen“, sagt Steinmetz. „Insbesondere der nächtliche Lastwagen-Verkehr beeinträchtigt jedoch die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. 

Nach den Erkenntnissen des Lärmschutzgutachtens kann eine Geschwindigkeitsreduzierung des Nacht-Lkw-Verkehrs die Lärmbelastung nennenswert reduzieren. Ich bin froh, dass nun der Landrat seinem Ermessensspielraum genutzt hat und eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Lkw zwischen 22 und 6 Uhr in dem entsprechenden Abschnitt angeordnet hat. Ich hoffe, dass die Lkw-Maut auf Bundesstraßen zu einer weiteren Verkehrsberuhigung beiträgt.“ 

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