Buch veröffentlicht, Stolpersteine geplant

Von den Nazis vertrieben und misshandelt: Gedenken an eine der letzten jüdischen Familien in Gensungen

Buchautor Dr. Dieter Vaupel zeigt Fotos der jüdischen Familie Weinstein aus Gensungen.
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Stolpersteine zur Erinnerung: Buchautor Dr. Dieter Vaupel zeigt Fotos der jüdischen Familie Weinstein aus Gensungen.

Julius Weinstein war der letzte jüdische Bewohner des Felsberger Stadtteils Gensungen: Er starb 1939, vermutlich an den Folgen von Misshandlungen durch die Nazis im KZ Buchenwald.

Gensungen – Zum ersten Mal sollen im Herbst dieses Jahres Stolpersteine in Gensungen verlegt werden: Sie erinnern an Mitglieder der jüdischen Familie Weinstein, die in Gensungen lebte – bis sie vor den Nazis flüchten mussten oder durch die Gewalt des NS-Regimes den Tod fanden. Zudem hat der ehemalige Felsberger Schulleiter Dr. Dieter Vaupel gerade ein Buch über die Familie Weinstein und die Geschichte der Juden in Gensungen veröffentlicht.

Die Familie Weinstein
Der Viehhändler Moses Weinstein hatte um 1900 ein Wohnhaus für seine Familie an der damaligen Schulstraße in Gensungen (heute Eppenbergstraße) errichtet. Sein Sohn Julius Weinstein übernahm den Viehhandel seines Vaters und heiratete Frieda Gutkind aus Frielendorf. Mit ihren Söhnen Max und Alfred lebten sie weiterhin in Gensungen. Die Familie sei im Ort geschätzt gewesen, schreibt Dieter Vaupel – bis zur Machtergreifung der Nazis. Julius Weinstein wurde gezwungen, Haus, Scheune und Grundstücke zu verkaufen. Der Judenhass griff immer mehr um sich. „Die Weinsteins fühlten sich mehr als Deutsche denn als Juden“, sagt Vaupel. „Deshalb war das alles auch so unbegreiflich für sie.“

Die Flucht
Frieda Weinstein flüchtete 1936 mit ihren elf und 14 Jahre alten Söhnen Alfred und Max nach Brüssel, wo Angehörige von ihr lebten. Doch Julius Weinstein blieb zusammen mit seiner Mutter Therese in Gensungen. Möglicherweise war Therese Weinstein körperlich nicht mehr in der Lage, den Ort zu verlassen, und ihr Sohn wollte ihr beistehen. 1938 starb Therese Weinstein. Frieda Weinstein und ihre Söhne konnten indes nicht lange in Brüssel bleiben: Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien flüchteten sie erneut. Die Familie wurde bei der Flucht getrennt: Frieda und Max fanden in Südfrankreich Unterschlupf. Alfred flüchtete in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrten alle Familienmitglieder nach Brüssel zurück. Doch Julius Weinstein sahen sie nicht wieder.

Julius Weinsteins Tod
„Dass Julius Weinstein in Gensungen geblieben ist, ist ihm zum Verhängnis geworden“, schildert Dieter Vaupel. Er wurde 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Nach seiner Entlassung ging er nach Gensungen. Dort lebte inzwischen kein Jude mehr. Weinstein musste sich verstecken und lebte in elenden Verhältnissen. Er starb im Sommer 1939 – vermutlich an den Folgen der grausamen Misshandlungen im KZ. Weinstein wurde auf dem jüdischen Friedhof bestattet.

Das Buch
Das Buch „Gensungen war ihre Heimat“ von Dieter Vaupel, das sich mit der Geschichte der Familie Weinstein befasst, entstand in Zusammenarbeit mit Michelle Weinstein-Feiner, einer Enkelin von Julius Weinstein. Der Kontakt zwischen den beiden ist einem Zufall zu verdanken: Im Internet stieß Weinstein-Feiner im Herbst 2020 auf ein Buch von Vaupel über jüdisches Leben in Felsberg – und entdeckte auf dem Cover-Foto ihren Vater Alfred und ihren Onkel Max Weinstein. Daraufhin schrieb sie Vaupel an. Nach dem Austausch von E-Mails, auch mit weiteren Familienmitgliedern, und Recherchen in den Archiven entstand das Buch.

Die Stolpersteine
Michelle Weinstein-Feiner gab auch den Anstoß dafür, dass bald vier Stolpersteine an Julius, Frieda, Alfred und Max Weinstein erinnern werden. „Mein Wunsch war es, einen Stolperstein zum Gedenken an meinen Großvater Julius Weinstein verlegen zu lassen“, erklärt Michelle Weinstein-Feiner, die in Brüssel lebt. Diese Bitte habe ihr Vater Alfred kurz vor seinem Tod im Jahr 2010 geäußert. Er wandte sich mit seinem Anliegen damals auch direkt an die Stadt Felsberg. Nun habe sich Dieter Vaupel dafür eingesetzt, dass die Stolpersteine verlegt werden können. „Dafür bin ich ihm sehr dankbar“, sagt Michelle Weinstein-Feiner. Damit wird der Wunsch ihres Vaters nun doch noch erfüllt: Die Erinnerung an die Familie Weinstein sichtbar zu machen – dort, wo sie einst in Gensungen gelebt hat. (Judith Féaux de Lacroix)

Buch „Gensungen war ihre Heimat“ von Dr. Dieter Vaupel, Epubli-Verlag Berlin, 9,99 Euro.

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