Arbeiter entgingen nur knapp dem Tod 

Vor 61 Jahren: Flammendes Inferno in der Kartause Gensungen

Mit Fotos von der Kartause vor dem Großfeuer heute vor 61 Jahren: Heinz Kravzeck aus Gensungen.

Am 12. September 1957 schlug auf der Kartause in Felsberg-Gensungen ein Blitz ein. Er löste ein Großfeuer aus. Die Flammen zerstörten fast alle Gebäude des früheren Zisterzienserinnenklosters – ein Rückblick.

Die Verlängerung der Mittagspause sollte sich als Lebensretter erweisen. Normalerweise wären die acht landwirtschaftlichen Arbeiter der Staatsdomäne Mittelhof schon wieder auf dem Vorwerk Kartause gewesen, als am 12. September 1957 ein Kugelblitz die landwirtschaftlichen Gebäude des früheren Zisterzienserinnen-klosters entzündete. Doch die Arbeiter waren etwas länger zur Mittagspause auf dem Mittelhof geblieben.

Das berichtet Heinz Kravzeck (69) aus Gensungen. Sein aus Polen stammender Großvater Anton (1895 – 1978) war über 30 Jahre als Vorarbeiter und Gespannführer auf dem Mittelhof tätig, bevor er als Eisenbieger zum Bauunternehmen Fröhlich wechselte.

„Neben dem landwirtschaftlichen Arbeiter Anton Kravzeck zuckte ein greller Blitz nieder.“ Das berichtete unsere Zeitung am 13. September 1957. Es war aber anders, wie aus den Unterlagen von Heinz Kravzeck hervorgeht. Da heißt es: „Acht landwirtschaftliche Arbeiter, die auf der Kartause mit Mistfahren aus dem Schafstall beschäftigt waren, saßen gerade bei der Vesper, als der Blitz, vom mächtigem Donnerschlag begleitet, einschlug.“ Zur Mittagsvesper aber hatten sich die Arbeiter in den etwa 700 Meter entfernten Mittelhof getroffen, nicht auf der Kartause. Heinz Kravzeck weiß heute: „Mein Opa hat damals gesagt, lasst uns ein bisschen länger sitzen bleiben, weil wir heute schon gut gearbeitet haben.“ Damit, sagt Heinz Kravzeck, „hat mein Opa sich und seinen Mitarbeitern quasi das Leben gerettet, sonst wären sie auf der Kartause direkt vom Blitz getroffen worden“.

Flammendes Inferno: Nur einen Teil des Großfeuers aus der Kartause zeigt dieses Foto.

Augenzeugen beobachteten, dass der Kugelblitz an der Dachrinne entlang fuhr und den großen Stall gleichzeitig explosionsartig in Brand setze. Das Feuer griff auf mehrere Gebäude über. „Es war erschreckend“, sagen die ehemaligen Feuerwehrmänner Richard Wunsch (78) und Gerd Pockrandt (91). Sie gehörten zu den mehr als 70 Feuerwehrmännern aus Gensungen, Felsberg, Heßlar, Beuern, Melgershausen, Altenbrunslar und Niedervorschütz, die damals vor einer Feuerhölle standen.

Vom 700 Meter entfernten Helterbach musste eine Schlauchleitung verlegt werden. Wunsch: „Es dauerte 30 Minuten, bis das erste Wasser da war. Am Brandort hatten wir 800 Liter pro Minute.“ Viel zu wenig, um gegen das flammende Inferno etwas ausrichten zu können.

„Die Menschen zitterten“, beschreibt heute Walter Stahl vom Burghotel Heiligenberg die Situation vor Ort. Der damals 26-Jährige hatte in der Nähe der Kartause geackert, als das Großfeuer ausbrach. „Es war kein richtiges Gewitter, es war ein Blitz aus heiterem Himmel, und plötzlich stand das ganze Anwesen in hellen Flammen“, sagt er heute, „ein Glück, dass keine Menschen in den Gebäuden waren“.

Heinz Kravzecks Vater Georg (1922 – 1984) war Lastwagenfahrer bei Heinrich Klapp. Von der Autobahn kommend sah er die riesige Rauchwolke über der Kartause. „Er ist sofort zum Brandort gefahren und hat geholfen, die Schafe aus dem Stall zu holen“, berichtet Sohn Heinz.

Als Stall diente damals auch die ehemalige Kirche, von denen nur die Außenmauern stehen geblieben sind. Unter Lebensgefahr wagten sich damals Landarbeiter, Feuerwehrleute und Polizeibeamte in den Stall. Sie rissen die Tiere – darunter die äußert wertvollen Karakul-Schafe den Domänenpächters Hayo Hayessen – ins Freie.

„Mein Vater litt fast zwei Wochen unter einer Rauchgastvergiftung“, sagt Heinz Kravzeck. Bei den Löscharbeiten erlitt auch der Landarbeiter August Schützenmeister eine Rauchvergiftung. Erwin Mündel wurde bei den Löscharbeiten durch herabstürzende Ziegel „stark am Kopf verletzt”, berichtete unsere Zeitung.

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