Sprechstunden in Melsungen und Felsberg 

Wenn das Gedächtnis streikt: Interview mit Demenzberaterin 

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Symbolfoto. 

Melsungen/Felsberg – Demenz zählt mittlerweile zu den Volkskrankheiten. Wir sprachen mit Demenzberaterin Birgit Schwalm über ihre Arbeit und die Schwierigkeiten, die die Krankheit mit sich bringt.

Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft schätzt die Zahl der Erkrankten in Deutschland auf 1,7 Millionen, Tendenz steigend. Wer einen Demenzkranken betreut, steht anfangs vor vielen Fragen, weiß Demenzberaterin Birgit Schwalm. Sie bietet in Melsungen seit einigen Jahren Demenzsprechstunden an. Das Angebot wird es ab August auch in Felsberg geben. Wir sprachen mit Schwalm über ihre Arbeit und die Schwierigkeiten, die die Krankheit mit sich bringt.

Frau Schwalm, muss ich mir Sorgen machen, dass ich an Demenz erkrankt sein könnte, wenn ich mal nicht weiß, wo ich meinen Autoschlüssel hingelegt habe?

Nein, das ist einfach nur ein Zeichen von Unaufmerksamkeit. Bei einer Demenzerkrankung hätten sie den Schlüssel in der Hand und wüssten nicht mehr, welche Funktion er hat. Auffällig werden Demenzkranke vor allem dadurch, dass sie ihren Alltag nicht mehr alleine meistern können.

Welche Fragen werden in den Demenzsprechstunden häufig gestellt?

Die meisten Fragen drehen sich darum, wie man mit dem Erkrankten umgehen soll. Es gibt aber auch viel Unsicherheit, was beispielsweise die Beantragung von Pflegegraden angeht.

Gibt es allgemeine Regeln, wie man mit Demenzkranken umgehen sollte?

Ich empfehle immer wieder, Streit mit Demenzkranken zu vermeiden. Wenn der Kranke sagt, dass er ein blaues Hemd trägt, es aber eigentlich rot ist, dann ist es eben blau. Es ergibt keinen Sinn, sich mit einem an Demenz Erkrankten über solche Kleinigkeiten auseinanderzusetzen. Die Kranken fühlen sich im Recht und verteidigen ihre Ansichten. Die Demenz bringt fehlende Einsichtsfähigkeit mit sich. Deshalb sollte man Diskussionen vermeiden.

Warum ist es für Angehörige so schwer, mit der Krankheit umzugehen?

Weil der Demenzkranke oft völlig anders denkt und handelt als es ein Gesunder tun würde. Seine Handlungen sind für einen Gesunden teilweise überhaupt nicht nachvollziehbar. Angehörige sagen ganz häufig, dass der Erkrankte einfach nicht das tue, was sie sagen. Und das führt ganz oft dazu, dass sich die Angehörigen gekränkt fühlen, weil sie denken, ihre Hilfe wird abgelehnt. Ich rate immer wieder dazu, Verständnis aufzubringen. Das ist der erste und der wichtigste Schritt im Umgang mit einem Demenzkranken. Wenn ein Demenzkranker böse und aggressiv wird, ist es meist die Krankheit, die das verursacht.

Wie reagiert man, wenn der Demenzkranke einen nicht mehr erkennt?

Das ist für viele Angehörige ein besonders schlimmer Moment. Wenn man die Angehörigen gut auf diese Situation vorbereitet, ist das sehr hilfreich, um besser damit klar zu kommen. Akzeptanz hilft, die Beziehung zu verbessern. Es kann auch sein, dass der Demenzkranke in ihnen eine andere Person sieht. Es bringt dann nichts, dies dem Kranken ausreden zu wollen.

Bleibt denn die emotionale Beziehung von einem Demenzkranken zu seinen Angehörigen bestehen oder geht das auch verloren?

Die Erfahrung zeigt: Je besser die Beziehungsebene vor der Krankheit war, desto besser ist die Chance, dass es auch während der Krankheit gut funktioniert. Demenzkranke sind äußerst emotional. Sie können sich auf ihr Gehirn nicht mehr verlassen, deshalb brauchen sie ihre sensiblen Fäden umso mehr. Ich erlebe oft, dass Demenzkranke meinen Namen nicht wissen, wenn ich sie besuche. Aber sie ordnen mich auf emotionaler Ebene ein. Beispielsweise ganz simpel als die Frau, die immer Brötchen mitbringt. Die Schwester im Pflegeheim können sie nicht benennen, aber sie wissen, dass es diejenige ist, die immer so laut spricht, die immer nett ist oder geschimpft hat. Emotionale Ereignisse können besser erinnert werden.

Gibt es Mittel und Wege, um die Krankheit zu verlangsamen?

Ja. Anhand von Studien hat man herausgefunden, dass Bewegung und kognitives Training sehr effektiv sind, um das Gedächtnis lange fit zu halten. Außerdem gibt es Medikamente, die helfen können. Demenzkranke scheitern insbesondere beim Kurzzeitgedächtnis, erzählen aber gern von früher. Angehörigen rate ich immer, die Geschichten anzuhören als hörten sie diese zum ersten Mal. Dem Kranken hilft das.

Der Kranke sollte also möglichst am normalen Leben teilnehmen?

Ja, das ist sehr wichtig. Ich kenne viele Demenzkranke. Keiner von ihnen will den ganzen Tag betüddelt werden. Sie wollen am Leben teilnehmen. Man muss ihnen immer wieder Angebote machen und herausfinden, was sie mögen und möchten und was nicht. Man darf sie nicht über- aber auch nicht unterfordern. 

Sprechstunden im Kreisteil

In Melsungen und ab August auch in Felsberg werden kostenlose Demenzsprechstunden angeboten. Melsungen: an jedem dritten Donnerstag im Monat, 16.30 bis 18 Uhr im Dienstleistungszentrum (1.OG). Informationen bei der Seniorenbeauftragten der Stadt, Cornelia Salzmann, Tel. 05661-708175

In Felsberg startet das Angebot am 1. August. Jeden ersten Donnerstag im Monat, 18 bis 20 Uhr, findet eine Demenzsprechstunde im Alten Bahnhof in Gensungen statt. Anmeldung bei der Felsberger Seniorenbeauftragten Christina Nolte, Tel. 05662/502-25.

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