FACHKLINIK BÖDDIGER BERG (5) Platz für suchtkranke Eltern

Wenn Mama auf Entzug ist: Zu Besuch im Eltern-Kind-Haus in Felsberg

Eltern-Kind-Haus in Felsberg am Böddiger Berg. Leiterin ist Annette Wenzel. Kerstin Eckhardt betreut das Haus.
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Vor dem Eltern-Kind-Haus der Fachklinik am Böddiger Berg in Felsberg: Die Leiterin der Fachklinik Annette Wenzel (links) und Eltern-Kind-Haus-Leiterin Kerstin Eckhardt.

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution in Felsberg. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für suchtmittelgefährdete oder -abhängige Menschen. In loser Folge stellen wir die Fachklinik und ihre Mitarbeiter vor.

Felsberg – Ihren Kindern endlich ein normales Familienleben bieten. Das wollen die Mütter und Väter, die im Eltern-Kind-Haus der Fachklinik am Böddiger Berg clean werden wollen. Wegen ihrer Drogensucht haben sie es riskiert, ihre Kinder an das Jugendamt oder Pflegefamilien zu verlieren. In der Fachklinik bekommen sie die Chance, es besser zu machen – vorausgesetzt sie kommen von den Drogen los.

Das Eltern-Kind-Haus ist die jüngste Einrichtung der Fachklinik und richtet sich an drogensüchtige Eltern, Schwangere und Alleinerziehende mit Kindern bis zwölf Jahre. 16 Plätze gibt es in Felsberg – die Nachfrage nach einem Platz sei groß. Die Wartelisten seien sehr lang – Ex-Abhängige aus ganz Deutschland würden sich dort bewerben, weiß die Leiterin des Eltern-Kind-Hauses Kerstin Eckhardt. Sie kennt das Eltern-Kind-Haus als es noch in Kinderschuhen steckte. Die Geschichten der Eltern und auch der Kinder prägen ihre Arbeit täglich.

„Das Eltern-Kind-Haus ist ein umfassendes Angebot unserer Fachklinik“, sagt Eckhardt. Die meistens der Patienten würde sich um einen Platz bemühen, weil sie dadurch die Chance hätten, ihre Kinder wiederzubekommen, weiß Eckhardt. Die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, der Polizei und Arbeitgebern müsse dabei immer ohne Weiteres funktionieren.

Mittlerweile sind es auch zunehmend Männer, die sich um das Kind kümmern und auf Entzug sind, so Annette Wenzel, Leiterin der Fachklinik. „In unserem Bereich fließen die meisten Tränen“, sagt sie. Es gibt auch immer wieder den Fall, dass Kinder bei einem Rückfall ihrer Eltern erneut vom Jugendamt in Obhut genommen werden müssen. „Ich erinnere mich an einen Fall, als die Polizei dabei sein musste, weil sich der Elternteil nicht trennen wollte – das war hart, aber es geht nicht anders“, berichtete Eckhardt. Auch sei es schon vorgekommen, dass das Kind noch in der Einrichtung sei, das Elternteil aber verschwunden. Das seien aber nur die seltenen unschönen Ereignisse im Eltern-Kind-Haus.

Während der Therapie werden die Mütter und Väter wieder an ihre Verantwortung als Eltern herangeführt, erklärt Eckhardt. Das sei das A und O. Viele der Patienten hätten sich nie für ihre Kinder verantwortlich gefühlt. „Die meisten haben ja nicht einmal richtig gelernt, für sich selbst Verantwortung zu tragen“, sagt sie. Das finge beim Aufbau einer Tagestruktur an.

Die Eltern, die hier untergebracht sind, hatten meist selbst keine gute Kindheit.“ 

Annette Wenzel, Leiterin der Kita

„Die Eltern lernen hier zum ersten Mal, wie ein Alltag mit Kind aussehen muss und wie man den Bedürfnissen eines Kindes gerecht werden kann“, sagt Eckhardt. Sie leben mit ihren Kinder gemeinsam in einem Zimmer. Sind die Kinder älter, etwa im schulpflichtigen Alter, ziehen sie in ein Einzelzimmer in der Fachklinik.

Um die Kindergartenkinder kümmern sich Erzieher vor Ort, wenn Mama und Papa eine Therapiesitzung haben. „In Regelkindergärten wären die meisten Kinder nicht gut aufgehoben“, sagt Eckhardt. Weil die Kinder in den ersten Jahren oft wegen der Sucht ihrer Eltern vernachlässigt wurden, müssten sie extra gefördert werden. Deshalb werden die Kinder auch mit in die Therapie einbezogen, sofern sie bereits verstehen, warum sie vorübergehend am Böddiger Berg wohnen. „Die Kinder nehmen die Probleme ihrer Eltern wahr – unsere Kinderpsychologen erklären ihnen kindgerecht die Situation und helfen, wenn sie traumatisiert sind“, sagt Eckhardt.

Sind die Kinder bereits schulpflichtig, gehen sie auf die umliegenden Schulen im Altkreis und werden von einem Taxiunternehmen zur Schule gebracht, erklärt Eckhardt. Danach lernen die Eltern, gemeinsam mit den Kindern Hausaufgaben zu machen, zu kochen und wie man die Freizeit mit Kindern gestalten kann, sagt Eckhardt.

„Dabei sehen wir immer wieder, dass die eigentlichen Kinder die Eltern sind.“ Erst jüngst habe eine Mutter zum ersten Mal Knete in der Hand gehalten. „Die Eltern, die hier untergebracht sind, hatten meist selbst keine gute Kindheit.“ Das bestätigt auch Annette Wenzel. Es gebe Patienten im Erwachsenen-Therapie-Bereich, die bereist als Kinder mit ihren Eltern im Elter-Kind-Haus untergebracht waren.

„Und die sagen, dass die Zeit in der Klinik die schönste ihrer Kindheit war – für uns hört sich das gut an, aber eigentlich ist es ja eine Bankrotterklärung“, sagt sie. Umso wichtiger sei es, dass die Eltern nach der Therapie – die dauert im Schnitt ein Jahr – im Anschluss weiter Unterstützung von der Familienhilfe bekommen, damit sich solche Schicksale nicht wiederholen, so Wenzel.

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