Bombardierung der Edersee-Sperrmauer 

"Es gab keine Vorwarnung": Zeitzeugen zur Flutkatastrophe 1943 

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Ein Bild der Verwüstung: das Haus Richter in Altenburg. Daneben wurde der Hof Freudenstein zerstört.

Felsberg. 50 Menschen starben nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg. Am Pfingstsonntag wird in Felsberg und Böddiger in der Nikolaikirche der Opfer der Flut gedacht. 

Die beiden Gräber neben der Felsberger Friedhofskapelle Sankt Jacob werden immer noch gepflegt. Zwei Menschen sind hier beerdigt, die in der Nacht zum 17. Mai 1943 in den reißenden Fluten der Eder ums Leben kamen. 47 Menschen starben nach der Bombardierung der Edersee-Sperrmauer durch britische Flieger im Edertal, drei in Altenburg. Die Opfer sind unvergessen.

Die Evangelische Kirchengemeinde Felsberg und Böddiger gedenkt am Pfingstsonntag ab 10.45 Uhr in der Nikolaikirche der Opfer der Flutkatastrophe.

In deiner schönsten Jugendzeit, rief dich Gott zur Ewigkeit“, steht auf dem Grabstein von Erwin Christian Kropf. Seine Hilfsbereitschaft musste er acht Tage vor seinem 14. Geburtstag mit dem Leben bezahlen. Er wollte helfen, Sachen zu bergen. Neben Kropf ist die 19-jährige Martha Rostalski aus dem Warthegau begraben. Sie arbeitete auf dem Bauernhof Freudenstein. Auch die 54-jährige Bäuerin Elise Freudenstein ertrank.

Aufräumarbeiten: Ein Mann räumt auf dem Hof Riese in Wolfershausen Schutt beiseite.

Der Hof Freudenstein – an der Stelle des heutigen Dorfgemeinschaftshauses – hatte erst wenige Jahre gestanden. Die Fluten zerstörten alles. Die inzwischen verstorbenen Zeitzeugen Heinz Richter, Willi Hellmuth und Dina Freudenstein erzählten uns vor Jahren: „Wir haben das Vieh aus den Ställen zum höhergelegenen Hof Boineburg gebracht.“ Bäuerin Freudenstein wollte noch wertvolle Sachen aus dem Haus holen. Ihr Sohn, der spätere Kies-Unternehmer August Freudenstein, wollte ihr das ausreden.

Er band die Mutter mit einer Gardinenleiste am Fenster fest, als das Wasser stieg. August musste mit ansehen, wie seine Mutter ertrank. Er schwamm noch zwei Kilometer bis Felsberg und hielt sich auf dem Dach eines Gartenhäuschens fest. Elsbeth Schneider (96): „Seine Hilferufe hörte man bis in die Stadt.“ Pioniere retteten ihn.

Fast vier Meter hoch war die Flutwelle, die die Altenburger so beschrieben haben: „Wie eine Nebelwand kam das Wasser. Es dröhnte, ein Grollen wie ein fernes Gewitter, ein fürchterliches Geräusch.“

Beim Hochwasseralarm wusste niemand, dass die Sperrmauer getroffen war. „Alles ist damals vertuscht worden”, beklagten die Altenburger. Und der Landwirt Adam Keim brüllte damals durch den Ort: „Wenn die Staumauer getroffen ist, gibt es eine Sintflut.“

Emmi Schnitzerling aus Felsberg schrieb am 17. Mai 1943 an ihre in Erfurt lebende Schwester: „Eine Sintflut. Ich kann mit Sodom und Gomorra nicht schlimmer vorstellen.“ Margret Hahn (78) erinnert sich, dass das Vieh aus der Felsberger Altstadt in die Ziegenhute an der Burgstraße getrieben wurde.

NS-Behörden schwiegen über die Katastrophe

Ein so schreckliches Hochwasser wie im Mai 1943 hatte die Eder noch nie geführt. Die NS-Behörden hüllten einen Mantel des Schweigens über die Katastrophe. „Es gab keine Vorwarnung“, beklagen Zeitzeugen in Wolfershausen heute noch. Maria Muster (1916 – 1996) hat einmal gesagt: „Offiziell wurde alles heruntergespielt.“ 

Sie war die Tochter von Altbürgermeister Wilhelm Zimmermann, der von 1924 bis 1952 im Amt war. Ein kleines Loch sei in der Sperrmauer, „ein kleines Hochwasser“ sei zu erwarten, wurde offiziell gemeldet. Schnell aber wussten Maria Muster und ihr Vater, dass eine Katastrophe kommen würde. Der Polizist Neuendorf, ein Freund Zimmermanns, hatte Dienst in Fritzlar. Er rief in Felsberg an: „Es wird ganz schlimm.“ Maria Muster, die selbst am kurz danach meterhoch überfluteten Steinweg wohnte, lief von Haus zu Haus und alarmierte die Menschen.

Zeitzeugen aus Wolfershausen zur Flutwelle

Beim Dorfrundgang können sich Bernhard Gerhold (86) und Georg Wicke (87) noch genau erinnern, wie hoch das Wasser am 17. Mai 1943 in Wolfershausen stand. Aus Neugier liefen sie damals auf die Ederbrücke, die den Fluten stand hielt. „Das Wasser stieg rasend schnell”, sagen sie heute, „und die Älteren haben uns gewarnt: Jungs, macht Euch schnell nach Hause.“ 

Auf dieser Brücke in Wolfershausen standen sie, als das Hochwasser kam: Die Zeitzeugen Bernhard Gerhold und Georg Wicke (zweiter und dritter von links). Mit im Bild Ortsvorsteher Otto Gerhold (rechts) und Joachim Dittmer, Initiator einer Erinnerungstafel am Dorfgemeinschaftshaus.

Tote waren in Wolfershausen nicht zu beklagen. Die Fluten zerstörten die Eisenbahnbrücke zwischen Wolfershausen und Grifte. Gerhold und Wicke erlebten mit, wie das Vieh ins Oberdorf und auf den Kirchhof getrieben, Kaninchen in den oberen Etagen der Häuser in Sicherheit gebracht wurden. 

Die Bombardierung der Sperrmauer kommentieren sie heute so: „Es war eine Katastrophe, der größte Irrsinn aller Zeiten.“ 61 Jahre nach der Bombardierung brachte der SPD-Ortsverein Wolfershausen auf Initiative von Joachim Dittmer am Dorfgemeinschaftshaus eine Erinnerungstafel an.

Sie zeigt den Hochwasserstand an der damaligen Schule. Die Tafel soll nach den Worten Dittmers stets daran erinnern, „dass ein Krieg sinnlos ist, da hauptsächlich nur Unschuldige die Opfer und Leidtragenden sind“. 

75 Jahre danach sagt Dittmer: „Die Staumauer-Zerstörung war eine bewusst herbeigeführte Naturkatastrophe, um die Bevölkerung zu demoralisieren.“ „Nie wieder Krieg“, sagten uns vor Jahren Zeitzeugen in Altenburg. Noch heute ist der Jahrestag der Bombardierung der Sperrmauer auch ein Tag der Mahnung. Der Mahnung zum Frieden. 

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