Seltenheit im Schwalm-Eder-Kreis

Dieser Hof ist in Frauenhand: In Büchenwerra managt Karina Köcher-Reuße den Milchviehbetrieb

Ihr Herz schlägt für die Landwirtschaft: Karina Köcher-Reuße (hinten rechts) mit ihren Kindern Julian und Jana und Mutter Petra Reuße im Kuhstall.
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Ihr Herz schlägt für die Landwirtschaft: Karina Köcher-Reuße (hinten rechts) mit ihren Kindern Julian und Jana und Mutter Petra Reuße im Kuhstall.

Milchviehhalter haben es heutzutage schwer, einen Nachfolger für ihren Betrieb zu finden. Weniger als 200 Betriebe gibt es im Schwalm-Eder-Kreis noch. Vor 20 Jahren noch dreimal so viele. Für Karina Köcher-Reuße (43) aus Büchenwerra stand schon immer fest, dass sie eines Tages den Betrieb ihres Vaters Bernhard Reuße (66) übernehmen möchte.

Büchenwerra - „Ein anderer Beruf kam für mich nie infrage“, sagt die Landwirtin. Der Hof ist, seitdem ihr Vater vergangenes Jahr gesundheitlich ausschied, komplett in Frauenhand. Eine Seltenheit im Schwalm-Eder-Kreis.

Fest auf dem Hof arbeiten neben Chefin Karina Köcher-Reuße ihre Mutter Petra (63) sowie die Angestellte Ida Helmke (22, Röhrenfurth). Und es klappe hervorragend – wenngleich es für Frauen auch Ungerechtigkeiten im männerdominierten Landwirtschaftsberuf gebe.

Die Reußes wohnen in Büchenwerra in einem Mehrgenerationenhaus. Die Eltern im Erdgeschoss, Karina Köcher-Reuße mit ihren Kindern Jana (10) und Julian (8) ein Stockwerk drüber. „Ja, es ist schon etwas komisch, mit 43 Jahren noch bei den Eltern zu wohnen“, sagt die Landwirtin. Aber nur so funktioniere es auf einem Hof, der in Familienhand ist.

130 Milchkühe haben die Reußes. Der Stall befindet sich wenige Hundert Meter vom Hof entfernt – im Feld in Richtung Ellenberg. Hinzu kommen 100 Hektar Ackerbau- und 50 Hektar Grünlandfläche, die die Reußes bewirtschaften. Für Hobbys oder mehrwöchige Urlaube bleibe da wenig Zeit. „Aber ein paar Tage Urlaub sind für jeden im Jahr drin“, sagt Karina Köcher-Reuße. Maximal fünf Tage am Stück könne sie mit den Kindern mal wegfahren, um den Kopf vom Hofleben freizubekommen. Länger sei aber nicht möglich. „Aber am Wochenende nehme ich mir gern mal Zeit, fahre einfach mal durch die Gegend, treffe mich mit Freunden“, sagt die 43-Jährige. Auch Spontantrips nach dem abendlichen Stallgang, beispielsweise mit den Kindern zum Eis-Essen an den Edersee, seien wichtig für sie – „um einfach mal kurz von allem abzuschalten“.

Das, von dem die alleinerziehende Mutter abschaltet, macht sie mit Leib und Seele. Alle Reußes brennen für die Landwirtschaft. Auch die jüngsten im Bunde helfen fleißig mit. „Meine Kinder haben auch kleine Aufgaben“, sagt die Landwirtin. „So wissen sie es besser zu schätzen, wenn wir in den Urlaub fahren oder wenn der Paketbote etwas bringt. Das Geld dafür muss ja schließlich irgendwo herkommen.“

Ähnlich haben auch sie ihre Töchter an die Landwirtschaft herangeführt, berichtet Petra Reuße. Die jüngere Tochter Melanie (38) bewirtschaftet mit ihrem Mann ebenfalls einen Hof in Guxhagen. „Wir haben unsere Kinder zwar immer mit Aufgaben in die Arbeit eingebunden, aber sie hatten viele Freiheiten und haben Handball im Verein gespielt“, berichtet Petra Reuße. Leben die Eltern den Beruf mit Leidenschaft vor, dann seien die Chancen groß, dass die Kinder eines Tages den Betrieb übernehmen, ist sich die 63-Jährige sicher.

Neben dem morgendlichen und abendlichen Melken der Kühe erledigt sie auch die Buchführung für den Hof. Zwei Nachmittage in der Woche sei sie damit durchaus beschäftigt. „Das ist viel mehr geworden in den vergangenen Jahren“, sagt Petra Reuße, die gebürtig aus Edermünde kommt. Als sie vor 40 Jahren zu Bernhard Reuße auf den Hof gezogen sei, habe der Schwiegervater wichtige Unterlagen für die Betriebsführung lediglich in einem Karton unter dem Bett aufbewahrt. Und heute muss beispielsweise detailreich dokumentiert werden, wie viel Dünger auf welches Feld ausgebracht wird. „Das ist wahnsinnig aufwendig geworden.“

Die Buchhaltung wolle sie so lange wie nur möglich weiter erledigen, um Tochter Karina dort den Rücken freizuhalten. „Vor ihr ziehe ich wirklich meinen Hut“, sagt die 63-Jährige. Sie ist bissig und zieht das alles durch.“ Die Landwirtschaft sei zu großen Teilen in männlicher Hand. „Karina muss sich da behaupten.“ Wenn es beispielsweise darum ginge, wer ein Stück Land zum Pachten bekomme, würde stets der Landwirt der Landwirtin vorgezogen.

„Die Leute bewundern es, wenn sie hören, welchen Beruf ich habe“, sagt Karina Köcher-Reuße. Aber bei einigen käme dann auch direkt die Frage: „Und schaffst du das denn überhaupt als Frau?“ Die 43-Jährige ärgert sich darüber ein bisschen: „Männer und Frauen machen dieselbe Ausbildung.“

Karina Köcher-Reuße hat ihre Ausbildung teils auf dem familieneigenen Hof gemacht, teils bei einem Betrieb in Niedersachsen. Anschließend hing sie die Weiterbildung zur Agrarbetriebswirtin dran – vergleichbar mit der Meisterschule im Handwerk. Als Agrarbetriebswirtin darf sie Lehrlinge ausbilden. Angestellte Ida Helmke hat ihre Ausbildung auch bei den Reußes gemacht und wurde übernommen.

Im ersten Lehrjahr sei sie damals an der Landwirtschaftsschule in Fritzlar die einzige Frau gewesen, berichtet Karina Köcher-Reuße. Das war vor 20 Jahren. Stark erhöht hat sich der Frauenanteil seitdem nicht. Vergangenes Jahr beendeten 16 Absolventen die Fachschule – darunter drei Frauen. Auch jetzt ernte sie immer mal wieder ungläubige Blicke, wenn sie die schweren Maschinen auf den Feldern bedient. „Ja, es ist ein harter Beruf.“ Aber auch ein Mann komme an seine Grenzen. Und wenn sie Hilfe braucht, dann ist nicht nur Pascal, der Patenonkel ihrer beiden Kinder stets zur Stelle sowie Vater Bernhard, der die ein oder andere Reparatur übernimmt, sondern auch mal die halbe Nachbarschaft. Nämlich dann, wenn das Silo, die Gras-Silage für die Kühe, abgedeckt wird. Das sei ein großer Spaß für alle. Dass man danach aussehe wie ein Schwein, gehöre einfach dazu.

Mai ist wichtiger Monat

Der Mai ist für die Milchviehbetriebe ein wichtiger Monat. Der erste Schnitt der Grünflächen steht an und liefert den Kühen Futter für mindestens ein halbes Jahr. Neben der Grassilage bekommen die Kühe bei Reußes auch Biertreber (Nebenprodukt vom Malz), selbst geerntetes Getreide, Stroh und Maissilage. Der erste Schnitt ist das beste Futter, erklärt Karina Köcher-Reuße. Zu keinem Zeitpunkt habe es bessere Inhaltsstoffe. Gutes Futter habe Auswirkungen auf die Milchleistung. 8500 Liter Milch gibt eine Kuh durchschnittlich im Jahr. Die Milch geht zur Hochwald-Molkerei. Wann gemäht wird, hängt maßgeblich vom Wetter ab. Es muss trocken sein, damit die Grassilage hochwertiges Futter wird. „Wenn ich sage, ‘jetzt mähen wir’ treffe ich eine sehr wichtige Entscheidung, von dem der ganze Betrieb wirtschaftlich abhängt“, sagt Köcher-Reuße.

So läuft der Tag ab

Bei Reußes beginnt der Tag mit einem gemeinsamen Frühstück von Tochter Karina und Mutter Petra. Halb sechs in der früh ist es dann. Um 6.15 Uhr stehen die beiden schon mit Gummistiefeln im Stall. Zweieinhalb bis drei Stunden sind sie und Angestellte Ida Helmke dann bei den Kühen beschäftigt. Anschließend stehen weitere Arbeiten an, beispielsweise neues Futter für die Kühe aufzuladen. Zum Mittagessen treffen sich dann alle wieder am Tisch. „Wir nehmen uns immer Zeit fürs Kochen und fürs Essen“, sagt Petra Reuße. 08/15-Essen komme nicht auf den Tisch, es werde immer anständig gekocht. Anschließend geht’s wieder raus. Gülle fahren, Mais legen – die Arbeit scheint unendlich. Im Winter stünden immer viele Reparaturarbeiten auf dem Programm, sagt Karina Köcher-Reuße. Die übernehme dann auch gern mal ihr Vater Bernhard oder der Patenonkel ihrer Kinder. Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken, das täglich um 16 Uhr stattfindet, steht der zweite Stallgang des Tages an, um die Tiere erneut zu melken. (Carolin Hartung)

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