HNA-Interview

Nach 18 Jahren gibt Guxhagens Bürgermeister Edgar Slawik das Amt ab: „Es war oft anspruchsvoll und fordernd“

Guxhagens Bürgermeister Edgar Slawik
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Guxhagens Bürgermeister Edgar Slawik

Im Mai geht die Ära Slawik nach 18 Jahren zu Ende. Er übergibt den Chefsessel im Rathaus an Susanne Schneider. Im Interview verrät er, dass es für ihn nie infrage kommen würde, Guxhagen zu verlassen.

Guxhagen – „Ich freue mich auf die Herausforderung.“ Das sagte Edgar Slawik im Jahr 2002, als er zum ersten Mal zum Bürgermeister von Guxhagen gewählt wurde. Und es wurde eine Herausforderung für ihn, bestätigt der 70-Jährige heute. Der ersten Amtszeit folgten zwei weitere.

Herr Slawik, haben Sie schon Ihre erste persönliche Bilanz gezogen?

Ja, natürlich zieht man Bilanz. Das passiert ganz automatisch. Beispielsweise währenddessen ich Unterlagen aussortiere. Ich habe eine große Blaue Tonne in meinem Büro, die ist voll mit Dingen aus den vergangenen Jahren.

Wie fällt die Bilanz aus?

Positiv. Die Entwicklung Guxhagens in den Jahren 2003 bis jetzt ist eine positive und ich bin froh, daran teilgehabt zu haben. Aber allein kann man das nicht bewegen. Man braucht die Fraktionen. Man braucht Mehrheiten. Wir haben ganz viele Beschlüsse im Parlament einstimmig gefasst oder mit wenigen Enthaltungen und kritischen Stimmen. Auch im Gemeindevorstand ist es ein sehr einvernehmliches Tun.

Und würden Sie Ihrer Nachfolgerin Susanne Schneider sagen, dass das Bürgermeisteramt eine schöne Aufgabe ist?

Mark Weinmeister hat mir damals einen Bauhelm zum Start gegeben, damit ich mich gegen herabfallende Trümmerteile schützen kann. Er hat mir leider nicht gesagt, wie ich Pfeile aus dem Hinterhalt abwehre. Ich konnte vieles nur mit einem enormen Kraftaufwand durchsetzen.

Das klingt nach einer weniger schönen Aufgabe.

Doch, es war auf jeden Fall schön. Ich bin gewählt worden von den Menschen und ich muss dann eben mit den Akteuren, die auch gewählt worden sind, klarkommen. Aber ich habe mich immer getragen gefühlt von vielen Leuten. Ich habe viel Zustimmung bekommen und da merkt man auch, dass es sich doch alles lohnt: Der Verlust an Freizeit, der Verlust des Familienlebens. Der Dienst war immer im Vordergrund. Dem wurde alles untergeordnet. Meine Frau hat das Familienleben organisiert.

Ich habe auch vor der Zeit als Bürgermeister viel gearbeitet und war viel unterwegs, aber da war wenigstens das Wochenende frei. Meine Kinder haben schon ein bisschen den Papa vermisst. Das merke ich heute.

Inwiefern?

Bei uns im Haus wohnt eine syrische Flüchtlingsfamilie zur Miete. Für die Kinder bin ich der Opa. Ich mache mit ihnen zum Beispiel Hausaufgaben. Dinge, für die ich bei meinen Kindern leider keine Zeit hatte, weil anderes wichtiger war.

Wofür wollen Sie künftig mehr Zeit haben?

Ich will ein bisschen das tun, was zu kurz gekommen ist. Wobei ich nicht mal richtig weiß, was zu kurz gekommen ist. Die Kinder sind aus dem Haus, der Sohn ist in München und die Tochter in Kassel. Wenn es endlich wieder möglich ist, werden die Besuche öfter sein. Und meine Frau freut sich schon, dass ich sie dann bekoche.

Was kochen Sie denn?

Na, Chefkoch.de (lacht). Nein, ich koche gern Hausmannskost. Aber auch italienisch und mal was Asiatisches wie Wokgemüse. Wir sind bemüht, uns weniger fleischlastig zu ernähren. Meiner Frau ist es bisher besser gelungen als mir. Ich will mich weiter in Vereinen engagieren. Und ein bisschen mehr Sport machen.

Weiter im Blu oder käme es infrage Guxhagen zu verlassen?

Nein, niemals. Wir haben hier unseren Lebensmittelpunkt und Freunde, sodass wir uns hier ausgesprochen wohl fühlen. Ich bin immer im Dorf unterwegs gewesen und wo ich angesprochen wurde, habe ich das gern angenommen. Ob das im Supermarkt war oder auf der Kirmes. Aber vieles lässt sich eben nicht gleich lösen, da hab ich gesagt: „Komm wir machen einen Termin, ruf mich mal an.“

Inwiefern hat Sie das Amt verändert?

Die Gemeinde war früher, als ich lediglich hier wohnte, nur ein abstraktes politisches Gebilde. Ich habe die Gemeinde als solches nur dann wahrgenommen, wenn ich irgendetwas brauchte. Wenn es zum Beispiel um einen Kindergartenplatz ging oder um einen Reisepass. Wenn ich jetzt durch die Gemeinde gehe, dann mache ich das mit einem anderen Blick. Man denkt dauernd, ach hier könnte man das machen, und hier müsste das mal erledigt werden. Es ist der Blick eines Kümmerers. Nur oft ist es schwierig, das auch in die Umsetzung zu bringen. Man muss ja auch die Verwaltung und die Fraktionen mitnehmen.

Klingt nach einem Amt, für das viel Durchhaltevermögen nötig war.

Ja, es war oft anspruchsvoll und fordernd. Und ich habe viel mitgenommen. Es ist etwas anderes, als ein Acht-Stunden-Job. Der kann auch fordernd sein, raubt einem aber meist nicht den Nachtschlaf. Ich habe oft noch nachts über Diskussionen nachgedacht, mich gefragt, warum manches nicht vermittelbar ist. So etwas treibt einen um. Dieses Amt ist wesentlich tief greifender als andere Jobs. Es ist sehr oft eine persönliche und emotionale Geschichte.

Sie wollten als parteiloser Kandidat auch Bürgermeister für alle Fraktionen sein. Auch für die, die Sie nicht unterstützt haben. Hat das geklappt?

Nein, das ist mir nicht gelungen. Rot-Grün konnte ihr Misstrauen gegenüber meiner Person und meiner Amtsführung nicht überwinden. In der ersten Amtsperiode wurde ich noch zu Gesprächen mit der SPD eingeladen, um zu erörtern, wie ich zu gewissen Dingen stehe. Aber es kam nie ein Feedback. Durch verschiedene Umstände ist dann auch ein Bruch mit dem CDU-Vorstand nach meiner letzten Wiederwahl entstanden. Bevor man in Ausschüsse und Sitzungen geht, ist der Austausch sehr wichtig. Man muss der Politik, die ja ehrenamtlich agiert, Ziele, Pläne und Hintergründe näherbringen, damit sie aufnehmen kann, um was es wirklich geht. Aber dieser Austausch ist mir leider nicht gelungen. Das hat mehr Kraft gekostet, um Dinge durchzusetzen und nach vorne zu bringen. Ich hatte gehofft, dass es in einer zweiten und dritten Amtszeit besser wird, aber nein. Mit einer großen Ausnahme: der Bahnhof. Hier konnte ich drei SPD-Mandatsträger überzeugen, sodass eine Mehrheit für den Ausbau da war und jetzt drei einheimische Gewerbetreibende einen zukunftsfähigen Standort gefunden haben.

Welche Ihrer Pläne wurden nicht realisiert?

Ich halte es für einen Fehler, den Schritt über die Autobahn zur Ausweisung eines Gewerbegebiets nicht gemacht zu haben. Es ist eine Theorie, zu sagen, wir schaffen dann punktuell Gewerbegebiete, wenn es akut ist. Das sieht man an der Schreinerei Günther. Als mir das in den Fokus geriet, war der Zug eigentlich schon abgefahren. Der Ankauf von Flächen durch die Gemeinde ist nicht genügend angegangen worden. Das war das Modell der SPD unter Becker: Die Gemeinde schafft Baurecht und alles andere wie Ankauf und Erschließung ist Sache der Investoren. Dann muss man aber mit Konsequenzen leben. Zum Beispiel mit dem langen Ruhen der Gewerbeflächen der Firma Lengemann im Klosterblick. Da bedauere ich, dass mir die Politik dort nicht so richtig gefolgt ist.

Gefolgt sind Ihnen allerdings bei dieser Kommunalwahl mehr als 1000 Wähler, die Ihnen die Stimme gegeben haben. Obwohl Sie das Mandat ja gar nicht annehmen dürfen. Also reiner Stimmenfang?

Ja, es war doch klar, dass ich bei der konstituierenden Sitzung noch Bürgermeister sein werde und das Mandat nicht annehmen kann. Es ging darum, meine Bekanntheit positiv für die GL zu nutzen. Ins Parlament könnte ich jetzt nicht, auch nicht in einen Ortsbeirat. Allerdings könnte ich in den Gemeindevorstand nachrücken.

Und?

Nein, erst mal nicht, denke ich. Obwohl ich mit Frau Schneider sehr gut zusammenarbeite. Wir können sehr offen miteinander umgehen. Ich möchte ihr die besten Startmöglichkeiten geben.

Was geben Sie Susanne Schneider mit auf den Weg?

Sie soll ihre Ziele, Pläne und Vorstellungen niemals aufgeben. Und sie soll als von den Bürgern gewählte Bürgermeisterin das Ohr offen haben für alle. Und damit auch zusammenarbeiten mit der Opposition. Aus dem Lager der Bürgerlichen sind viele Stimmen auf sie entfallen. Das sollte sie immer berücksichtigen. Und was auch wichtig ist: man wird meist an den kleinen Dingen gemessen. Die kaputte Straßenlaterne, die schnell repariert wird, zum Beispiel. (Carolin Hartung)

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