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Flexibilität in der Landwirtschaft: Schüler besuchen Milchviehhof in Büchenwerra

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Von: Fabian Becker

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Zu Gast auf dem Milchviehhof in Büchenwerra: Mia Grauer beim Melken einer Kuh.
Zu Gast auf dem Milchviehhof in Büchenwerra: Mia Grauer beim Melken einer Kuh. © Fabian Becker

Seit die Ukraine im Krieg ist, sorgen sich viele Menschen um die Lebensmittelversorgung. Wir werfen einen Blick auf die heimische Landwirtschaft.

Guxhagen – Durch den Krieg in der Ukraine sind Lebensmittel wie Mehl und Sonnenblumenöl Mangelware geworden. Umso wichtiger ist es, einen Blick auf die heimischen Lebensmittelproduzenten zu werfen.

Das hat eine Arbeitsgruppe (AG) zum Thema Ernährung der Integrierten Gesamtschule Guxhagen (IGS) gemacht. Die Schüler der zehnten Klassen waren dazu auf dem Milchviehhof von Karina Köcher-Reuße in Büchenwerra zu Gast.

Lebensmittelversorgung: Schüler besuchen Milchviehhof

Auf einem Hof voller Milchkühe steht morgens zuerst das Melken auf dem Programm. Daran versuchten sich die Schüler gleich zu Anfang ihres Besuchs. Erst zögerlich, dann zogen die Schüler unter Köcher-Reußes Anleitung deutlich fester an den Zitzen. Einige bekamen ein paar Tropfen Milch heraus, andere sogar einen Strahl.

Doch nicht alle Schüler finden es gut, dass Tiere zur Lebensmittelproduktion gehalten werden – allen voran Mia Grauer (16). „Ich finde es fragwürdig, Kühe für ihre Milch auszunutzen“, sagt sie. Sie verzichtet daher seit einem halben Jahr auf Fleisch.

Zu Gast auf dem Milchviehhof in Büchenwerra: Till Helmke mit Futter für die Milchkühe.
Zu Gast auf dem Milchviehhof in Büchenwerra: Till Helmke mit Futter für die Milchkühe. © Fabian Becker

Milchprodukte versuche sie nach und nach zu reduzieren. Vor ein paar Wochen hielt sie sogar einen Vortrag dazu in der AG. Seitdem haben sich ihr einige Mitschüler angeschlossen.

Schüler Till Helmke (16) sieht das anders. „Ich finde es in Ordnung, Fleisch zu essen, wenn es keine billige Supermarktware ist“, sagt er „Das ist weder gut für die Tiere, noch für die Gesundheit.“ Seine Familie schlachte daher selbst.

„Ich finde es aber auch gut, wenn Menschen ihr Fleisch vom Metzger holen und damit die Betriebe in der Region unterstützen.“ Fleisch essen und die Unterschiede von Massen- und biologischer Tierhaltung seien bereits vor dem Bauernhofbesuch viel von den Schülern besprochen worden, so Lehrer Sami Essid. „Das hat sich geändert, ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Schüler früher so viel über diese Themen gesprochen haben.“

Seit Corona-Pandemie: Mehr Menschen kaufen in Hofläden ein.

Was den Schülern nun bewusst geworden ist: Dass es für die heimischen Milchproduzenten schwierig ist, finanziell über die Runden zu kommen.

„Jeder Liter Milch kostet uns 55 Cent, wir bekommen aber nur 44 Cent dafür“, erklärt Köcher-Reuße. Überleben könne ihr Betrieb daher nur durch Subventionen sowie den Verkauf von Schlachttieren, Kälbchen und dem Getreide, das sie nicht zum Füttern braucht.

Einen Lichtblick gab es durch die Corona-Pandemie: „Seitdem kaufen mehr Menschen in Hofläden ein“, sagt die Landwirtin, die das auch von Kollegen gehört hat. Sie führt das darauf zurück, dass die Menschen mehr Zeit gehabt hätten, daher spazieren gegangen wären und dabei diese Einkaufsmöglichkeiten entdeckt hätten.

Winterweizen, Raps und Speiseöl aus dem Landkreis

Der Winterweizen ist die wichtigste Getreideart im Schwalm-Eder-Kreis, sagt Christine Weingarten, Referentin des Kreisbauernverbands. Er sei 2021 auf 60,1 Prozent der Getreidefläche angebaut worden, gefolgt von Wintergerste mit 26,5 Prozent.

Triticale mit 5,3 Prozent, Roggen mit 2,1 Prozent, Sommergerste mit 1,5 Prozent, Hafer mit 1,6 Prozent, Sommerweizen mit 0,9 Prozent, Dinkel mit 1,0 Prozent und Gemenge – gleichzeitiger Anbau verschiedener Pflanzen – mit 0,3 Prozent.

Auch Raps wird im Kreis angebaut. Als Ölfrucht wird er für Speiseöle, Biokraftstoffe, Rapsschrot sowie Eiweißfutter für Rinder und Schweine verwendet. Zudem pflanzen regionale Landwirte laut Weingarten Kartoffeln, Kohl, Zuckerrüben, Mais, Erdbeeren, Gemüse, Hülsenfrüchte und Spargel an.

Deutschland als größter Produzent: Milch, Schweinefleisch und Kartoffeln

Im Vergleich europäischer Länder gehörten deutsche Landwirte bei acht wichtigen Agrarprodukten zum Spitzentrio. „Bei Milch, Schweinefleisch und Kartoffeln ist Deutschland der größte europäische Produzent“, sagt die Referentin.

„Bei Getreide, Raps, Zucker, Rindfleisch und Eiern produzieren Franzosen die größte Menge.“ Ein Fünftel der europäischen Milch- und Schweineproduktion werde von deutschen Bauern erzeugt. Bei Obst und Gemüse habe Deutschland nur geringe Marktanteile.

Die Energiepreise sind nun auf einem Niveau, auf dem viele Landwirte die Fortführung ihrer Produktion infrage stellen müssen, sagt Weingarten. „Die Dieselpreise gehören zu einer Reihe gestiegener Kosten für Dünger, Pflanzenschutz und Futter.“ Landwirte bräuchten viel Diesel für den Betrieb ihrer Maschinen. „In der Regel haben sie einen Vorrat“, erklärt sie, „viele Vorräte sind aber aufgebraucht.“

Krieg hat Auswirkungen

Auch Gaslieferungen, zum Beispiel zum Heizen von Ställen, kämen ins Stocken, da einige Lieferanten keine großen Abgabemengen garantieren könnten. „Seit Kriegsbeginn kostet Gas dreimal so viel wie vorher, der Heizölpreis hat sich verdoppelt.“

Aber Deutsche gäben nur einen geringen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. „Es ist daher nicht zu erwarten, dass Verbraucher die gestiegenen Kosten finanzieren“, sagt Weingarten. Von einem Euro Verbraucherausgabe erhalte ein Landwirt derzeit durchschnittlich 21 Cent. „Der Erlös von Brotgetreide und Brotgetreideerzeugnissen liegt mit vier Prozent am niedrigsten.“

Kurzfristig ist die Versorgung mit Dünger laut Bauernverband gesichert. „Wenn sich die Situation nicht ändert, müssen wir uns für 2023 auf deutlich geringere Ernten einstellen“, sagt Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband. Demnach könnte es zu Ertragsrückgängen von bis zu 40 Prozent kommen, wenn Engpässe bei Gas und Dünger über 2022 hinaus anhalten. „Damit wäre Deutschlands Getreideversorgung ernsthaft gefährdet.“ (Fabian Becker)

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