Problem für Soloselbstständige im Handwerk

Änderungsschneiderin aus Guxhagen ist verzweifelt: Wegen Corona bleiben die Kunden weg

Petra Nachbar, Änderungsschneiderin in Guxhagen
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Petra Nachbar, Änderungsschneiderin in Guxhagen

Petra Nachbar möchte arbeiten, dürfte das in ihrer Änderungsschneiderei in Guxhagen auch, hat aber dennoch nichts zu tun. Die Coronakrise setzt der 53-Jährigen zu. Die Menschen wüssten nicht, dass sie geöffnet habe und viele hätten wohl auch Angst.

Guxhagen - So wie Nachbar geht es vielen Soloselbstständigen im Handwerk. Als der erneute Lockdown kam, waren zwar viele Branchen aufgeführt, eindeutige Regelungen zum Schneiderhandwerk fehlten aber in der Übersicht.

So habe nirgendwo gestanden, dass sie eigentlich arbeiten könnten. Die 53-Jährige kümmerte sich dann selbst bei Kreisverwaltung und Regierungspräsidium um eine klare Aussage. Dank ihres Hygienekonzepts und der Möglichkeit einer kontaktlosen Übergabe bekam sie die Zusage, arbeiten zu dürfen.

Aber das wisse eben niemand, klagt die 53-Jährige. In ihrer Branche verfügten die allermeisten Betriebe über kaum Rücklagen, die Betriebskosten liefen weiter, aber die Umsätze blieben aus.

„Wir können zwar einen Betriebskostenzuschuss beantragen, aber in meinem Fall – ich habe meine Werkstatt in meinen Haus – nutzt mir das nichts.“ Ihr fehle Geld für Lebensmittel, den Unterhalt des Autos, die Krankenkassenbeiträge und auch Beiträge zur Kammermitgliedschaft.

Ihre Branche fristet ein Nischendasein und darin liegt auch ein Problem. Das bestätigt Frank Ludewig, Innungsobermeister der Maßschneider in Kassel. Es gebe kaum noch wirkliche Schneidereien bei den Mitgliedsbetrieben in Nordhessen. Eine eigene Innung im Schwalm-Eder-Kreis gibt es schon länger nicht mehr – zuständig ist die Kreishandwerkerschaft in Kassel. Der allergrößte Teil seien kleine Ein-Mann- und Ein-Frau-Betriebe, sagt Ludewig. Er halte es für total sinnvoll, dass in seiner Branche weitergearbeitet werden dürfe. Es gebe kaum Kundenkontakt beziehungsweise könne dieser auf ein Minimum reduziert werden. Viele Arbeiten seien mit einer kontaktlosen Übergabe zu organisieren. So hat es auch Petra Nachbar in Guxhagen ermöglicht. Vor ihrem Betrieb gibt es eine Ablagemöglichkeit. Denn zu ihren Dienstleistungen gehöre auch eine Heißmangel für Tischdecken, Vorhänge und Ähnliches. Der Wäschekorb müsste nur abgestellt werden und könne nach getaner Arbeit wieder abgeholt werden.

Angst sei total unbegründet. Selbst Maßnehmen sei möglich. Mit Handschuhen, FFP2-Maske und Visier bestehe kein Ansteckungsrisiko. Was ihr fehlt, sei eine Unterstützung aus der Politik. Die müsste doch viel deutlicher machen, welche Branchen arbeiten dürften. Betriebe müssten schließlich ein Hygienekonzept vorweisen.

Was helfen könnte, wäre mehr Werbung für die Betriebe. Am besten für ganze Branche. Im Handwerk gebe es viele, die arbeiten dürften. Mitgefühl habe sie beispielsweise für die Friseure. Dort habe es ihres Wissens kaum Ansteckungen gegeben, aber schließen mussten die Betriebe dennoch.

Sie wisse nicht, wie sie die kommenden Wochen überstehen solle. Der Lockdown 2020 sei schlimm gewesen, aber sie sei durchgekommen. Mittlerweile sei fast ein Krisenjahr vorüber – unter widrigsten Bedingungen. „Wer kann das denn durchstehen?“

Sie arbeite weiter in der Erwartung auf wenigstens ein bisschen Umsatz. Die einzige Hoffnung für ihre Branche sei, dass die Bekleidungsgeschäfte möglichst bald wieder öffneten. Das sei nötig für das Kerngeschäft der Änderungsschneidereien.

Wenn die aktuelle Empfehlung laute, einen Kredit aufzunehmen, um den Lockdown zu überstehen, könne sie nur lachen. Den könne doch niemand in ihrer aktuellen Situation bedienen. Nicht jetzt und auch nicht nach der Wiedereröffnung der Geschäfte nach der Coronakrise. (Damai D. Dewert)

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