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Guxhagenerin kam nicht nach Hause

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Von: Fabian Becker

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Bemängelt fehlende Hilfe der Deutschen Bahn: Die Guxhagenerin Isabelle Heathcote (links) wurde am Frankfurter Hauptbahnhof stehen gelassen. Neben ihr steht ihre Betreuerin Lucia Stamac.
Bemängelt fehlende Hilfe der Deutschen Bahn: Die Guxhagenerin Isabelle Heathcote (links) wurde am Frankfurter Hauptbahnhof stehen gelassen. Neben ihr steht ihre Betreuerin Lucia Stamac. © Fabian Becker

Für Isabelle Heathcote (29) ist es besonders schwierig, in sehr stressigen Situationen zurechtzukommen.

Guxhagen – Die Guxhagenerin hat dissoziative Probleme infolge einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das wurde ihr am Frankfurter Hauptbahnhof zum Verhängnis. Sie bemängelt nun die fehlende Hilfe der Deutschen Bahn (DB), die schließlich dazu geführt habe, dass Heathcote über Nacht am Frankfurter Hauptbahnhof festsaß und Schmerzen hatte.

Die 29-Jährige kam mit sechs Jahren mit ihrer deutschen Mutter nach Guxhagen. Ihr englischer Vater und dessen Familie leben weiterhin in England. Dort war sie zu Besuch, bevor sie am Flughafen Frankfurt-Hahn ankam. „Wegen eines Sturms in England verzögerte sich mein Flug“, sagt sie. „Es gab nur noch drei Verbindungen nach Kassel.“ Um 1 Uhr hätte sie dort sein sollen.

Mit dem Bus fuhr Heathcote um 17.30 Uhr nach Koblenz, wo sie um 19 Uhr ankam. Fünf Minuten später fuhr sie mit dem Zug nach Limburg. Dort wollte sie den Anschlusszug über Gießen nach Kassel erreichen. „Doch der Zug nach Limburg hatte Verspätung“, sagt die Guxhagenerin. Sie sei gegen 21 Uhr in Limburg gewesen. „Der Anschlusszug war weg.“ Am Info-Schalter habe sie niemanden mehr angetroffen. „Schließlich habe ich mich entschieden, zum Frankfurter Hauptbahnhof zu fahren, weil ich wusste, dass der Schalter dort auch nachts besetzt ist.“

Zug kann auf Guxhagerin nicht warten

In der DB-App entdeckte Heathcote eine Zugverbindung von Frankfurt nach Fulda. „Dort hätten mich meine Betreuer Lucia Stamac und Bastian Hohmann abholen können.“ Doch die Abfahrtszeit der Bahn nach Fulda war wenige Minuten vor der Ankunftszeit des Zugs, mit dem sie nach Frankfurt fuhr. „Ich habe einer Schaffnerin meine Situation erklärt und sie gefragt, ob der Zug ab Frankfurt kurz warten kann, damit ich ihn noch bekomme“, sagt die Guxhagenerin. Das geht nicht, habe die Schaffnerin gesagt.

„In unserem Schienennetz sind täglich Tausende Züge unterwegs, die eng vernetzt sind“, sagt eine DB-Sprecherin. „Daher können Züge in der Regel leider nicht auf Reisende warten.“ Dann würden die Reisenden im wartenden Zug Anschlüsse verpassen. „So kann sich eine einzelne Verspätung schnell ins gesamte Netz übertragen.“

Die Schaffnerin habe Heathcote geraten, sie solle hoffen, dass der Zug Verspätung hat. Das hatte er nicht. Die 29-Jährige landete am Hauptbahnhof in Frankfurt. Sie ging zum Info-Schalter, denn in solchen Fällen stelle die Deutsche Bahn Hotel-Gutscheine aus oder bringe die Fahrgäste in Hotels unter. Die Übernachtung dort müssten die Fahrgäste erst mal selbst bezahlen, können die Summe aber später zurückfordern. „Es ist sehr schade, dass diese Formulare so schwierig formuliert sind“, sagt Heathcotes Betreuerin Lucia Stamac. „Die Arbeitsagenturen zeigen, wie es besser geht: mit Formularen in einfacher Sprache.“ So könnten sie auch von Menschen mit Behinderungen alleine ausgefüllt werden.

„Um Informationen für Reisende möglichst gut aufzubereiten, hat die DB viele Bereiche, Broschüren und Webseiten auf einfache Sprache angepasst“, sagt die Sprecherin. „Einige Unterlagen müssen jedoch einen bestimmten Wortlaut haben, zum Beispiel Verträge und rechtlich relevante Papiere.“ Mitarbeite im Bahnhof unterstützten beim Ausfüllen, wenn das gewünscht werde.

Bei dem Vorfall wurde die 29-Jährige an ein Hotel in Darmstadt verwiesen. 78 Euro sollte das kosten – Geld, das die Guxhagenerin nicht hatte. Zurück am Frankfurter Hauptbahnhof suchte sie eine Steckdose, um den Akku ihres Smartphones aufzuladen, um Kontakt ihren Betreuern halten zu und auf ihr digitales 9-Euro-Ticket zugreifen zu können. Doch die einzigen beiden Steckdosen, die sie fand, waren kaputt, eine weitere entdeckte sie in einer Ecke, in der sich gerade jemand Drogen spritzte.

Heathcote hielt es am Frankfurter Hauptbahnhof für sicherer, da Polizei vor Ort war, also fuhr sie zurück. Auch dort suchte sie nach einer Steckdose – vergebens. Schließlich lud die Frau am Info-Schalter, die sich an die Guxhagenerin erinnerte, ihr Smartphone 20 Minuten lang auf. Doch am Frankfurter Hauptbahnhof saß die Guxhagenerin erst mal fest. Es war etwa 2 Uhr in der Nacht, der erste Zug fuhr gegen 5 Uhr nach Kassel – mit der Guxhagenerin.

Chaos am Bahnhof und ich war nicht die Einzige

„Ich war nicht die Einzige, die am Bahnhof festsaß“, sagt sie. „Warum gab es nicht wenigstens einen sicheren und warmen Raum und eine Möglichkeit, mein Smartphone aufzuladen, um die App weiter nutzen und Kontakt nach Hause halten zu können?“

Die DB-Sprecherin sagt dazu: „Im Frankfurter Hauptbahnhof ist auch in den Nachtstunden die von der Caritas betriebene Bahnhofsmission am Bahnsteig 1.“ Dort gebe es rund um die Uhr betreute Warte- und Schlafmöglichkeiten. Die habe Heathcote nicht gesehen, vielleicht auch wegen ihrer Behinderung, erklärt Stamac.

„Für künftige Reisen kann die Guxhagenerin gern unsere Mobilitätsservice-Zentrale einbinden“, sagt die DB-Sprecherin. „Die Kollegen dort unterstützen bei der Vorbereitung der Reise und sorgen dafür, dass insbesondere Menschen, die bei ihrer Fahrt Unterstützung brauchen, gut von A nach B kommen.“ (Fabian Becker)

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