Von Breitenau in den Tod:

Holocaust-Gedenktag: Juden kamen von Guxhagen nach Auschwitz

Das Kloster Breitenau: Es diente 1933 bis 1934 als frühes Konzentrationslager, ab 1940 bis 1945 als Arbeitserziehungslager der Nationalsozialisten. Es war eine Vorstufe zum KZ und wurde als Sammellager genutzt , von wo aus Juden weiter zur Ermordung in Vernichtungs- und Konzentrationslager transportiert wurden. So auch Mathilde Popper ihre Tochter Mirjam sowie Richard Altschul. Foto: Carolin Hartung

Zum heutigen Holocaust-Gedenktag stellen wir die Schicksale der Familien Popper und Richard Altschul vor. Sie waren als Schutzhäftlinge im Straflager Breitenau in Guxhagen inhaftiert und wurden in Konzentrationslagern umgebracht.

Das ehemalige  Kloster Breitenau in Guxhagen hat eine düstere Vergangenheit. Als frühes Konzentrationslager und Arbeitserziehungslager während der NS-Zeit wurden von dort aus auch Hunderte Juden an Konzentrations- und Vernichtungslager in den Tod geschickt.

Familie Popper

Familie Popper aus Kassel wollte Deutschland eigentlich den Rücken kehren, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Doch die Auswanderung scheiterte. Nur eine aus der sechsköpfigen Familie überlebte – Tochter Pepi Laura.

Mathilde und Hermann Popper kamen aus Polen nach Kassel. Sie hatten vier Kinder, die Töchter Mirjam Marie, Flora und Pepi Laura sowie Sohn Siegfried. An der Obersten Gasse betrieben Poppers ein Gemischtwarenlädchen. Als Hermann Popper 1936 starb, führte Mathilde Popper das Geschäft zunächst mit ihrem Sohn weiter, musste es aber schließlich aufgeben. „Die Familie wollte gern auswandern“, sagt Historikerin Annika Stahlenbrecher, die seit zehn Jahren hauptamtlich in der Gedenkstätte arbeitet.

Mathilde Popper: Sie betrieb mit ihrem Sohn in Kassel ein Gemischtwarenlädchen. Mathilde wurde 1942 in Ravensbrück umgebracht.

Sohn Siegfried bat in einem Brief an  Adolf Hitler um Unterstützung zur Ausreise. „Doch der Brief war wohl der Auslöser, der die NS-Mühlen richtig in Gang brachte“, sagt Stahlenbrecher. Im September 1939 wurde er von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet, allerdings auch wieder entlassen. Er stand weiter unter Beobachtung.

Mathilde Popper sah in einer illegalen Auswanderung die einzige Möglichkeit für die Familie, zu entkommen. Doch der Versuch, mit einem Fluchthelfer Deutschland zu verlassen, scheiterte. Sie wurden entdeckt und die Mutter und ihr Sohn verhaftet. Das Verhörprotokoll Mathilde Poppers, das der Gedenkstätte Breitenau vorliegt, zeigt eindrücklich, wie die Mutter alle Schuld auf sich nehmen wollte, um die Kinder zu schützen, sagt Stahlenbrecher. 

Siegfried Popper gilt als verschollen.

Mathilde Popper kam im Juni 1941 nach Breitenau. Zwei Monate später folgte die Deportation ins Konzentrationslager Ravensbrück. Sie kam im April 1942 ums Leben. Ihre Tochter Mirjam kam einen Monat später nach Breitenau, ihre Tochter in ein Waisenhaus. Beide wurden wenige Tage später im Vernichtungslager Sobibor (Grenze Polen/Ukraine) umgebracht. Flora wurde bereits 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf eingeliefert – von hier wurden psychisch Kranke zur Ermordung deportiert. Siegfried Popper gilt als verschollen. Tochter Pepi Laura überlebte als einzige der Familie. Sie emigrierte 1937 in die USA.

Richard Altschul

Acht Monate verbrachte Richard Altschul im Arbeitserziehungslager Breitenau, dann wurde er zur Ermordung nach Auschwitz deportiert. Er galt bei den Nazis als nichtarischer Christ. Altschul war 1873 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren worden. „Doch er hat sich nie als Jude gesehen“, erzählt Stahlenbrecher. Deshalb ließ sich Altschul auch 1900 taufen. Als Mitglied in der Judenmission hatte er sich außerdem zur Aufgabe gemacht, Juden vom Glauben an Jesus Christus zu überzeugen.

Richard und Martha Altschul: Er wurde 1942 nach Breitenau gebracht, ein knappes Jahr später in Auschwitz vergast. Fotos: Stolper-Kassel

Den Großhandelskaufmann verschlug es aus Berufswegen nach Deutschland. Im Hessischen Brüderhaus Hephata in Treysa ließ er sich zum Diakon ausbilden. 27 Jahre, von 1906 bis 1933 arbeitete Altschul im Städtischen Altenheim in Eschwege. Auch Seuchen und ansteckende Krankheiten im Amtsbezirk fielen in seinen Zuständigkeitsbereich. Die Familie – seine Ehefrau Martha und die Kinder Heinrich, Karl und Margarethe – war äußerst angesehen in Eschwege. Als Altschul 1913 zum Beamten der Stadt befördert wurde, wollte das der Leiter von Hephata nicht hinnehmen. Altschul wurde gezwungen, als „nicht arischer Christ“ aus der Dikonengemeinschaft und dem Brüderhaus auszutreten. Erst neun Jahre später wurde er nach langem Bemühen wieder aufgenommen. Als sein Sohn Heinrich 1933 starb, versetzte die Stadt Eschwege Altschul in den Ruhestand. Er war damals 60 Jahre alt.

Daraufhin zogen er und seine Frau mit den Kindern nach Oberzwehren. Bei Hephata half das Ehepaar weiter aus. Die nationalsozialistischen Ideologien setzten sich innerhalb der Diakonenschaft immer weiter durch. Innerhalb Hephatas bekannten sich immer mehr Mitarbeiter zu den NS-Organisationen. Altschul wurde als Nicht-Arier zunehmend kritischer gesehen. Im Juni 1939 wurde er aus der Brüderschaft ausgestoßen, drei Jahre später holte ihn die Gestapo ab. Er wurde nach Breitenau gebracht, in „Schutzhaft“ genommen. Als Begründung heißt es in der Akte, er sei nicht im Besitz einer jüdischen Kennkarte, nutze den Deutschen Gruß und habe Umgang mit „Deutschblütigen“. 

An seine Frau schrieb er aus Breitenau in einem Brief: „Tausenden Menschen habe ich in wirtschaftlicher, seelischer Not, in Krankheit und am Sterbebett (...) beigestanden (...) Nun muss ich schutzlos darunter leiden, dass mir für mein Tun unlautere Motive unterstellt wurden (...).“ Im September 1943 kam Altschul nach Auschwitz. Dort wurde er vergast. Seine Ehefrau erhielt ein Schreiben, dass ihr Mann an einer Herzmuskelschwäche verstorben sei. Martha Altschul wohnte bis zu ihrem Tod in Oberzwehren, sie starb 1958. Sohn Karl war während der NS-Zeit nach Brasilien ausgewandert, Margarethe hatte geheiratet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.