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Ihre Mission lautet: Rehkitze retten – Florian Bayan berichtet über seine ehrenamtliche Arbeit

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Von: Damai Dewert

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Temperaturunterschied: Geflogen wird mit der Drohne und Wärmebildkamera meist in den Morgenstunden, damit die Wärmesignaturen der Kitze in den Feldern und Wiesen gut zu sehen sind.
Temperaturunterschied: Geflogen wird mit der Drohne und Wärmebildkamera meist in den Morgenstunden, damit die Wärmesignaturen der Kitze in den Feldern und Wiesen gut zu sehen sind. © Rehkitzrettung Nordhessen

Für den Reh- und Hasen-Nachwuchs ist es dieser Tage lebensgefährlich: Während der Mähsaison in der Region sterben an die 1000 Rehkitze und Hunderte Hasen.

Guxhagen – Für den Reh- und Hasen-Nachwuchs ist es dieser Tage lebensgefährlich: Während der Mähsaison in der Region sterben nach Schätzung des Vereins Rehkitzrettung Nordhessen an die 1000 Rehkitze und Hunderte Hasen.

Deutschlandweit würden 100 000 tote Kitze gemeldet, sagt Vereinsvorsitzender Florian Bayan – und die Dunkelziffer sei hoch. Mit Vereinsmitgliedern und dem Guxhagener Jagdpächter Uwe Borrmann waren sie jüngst in Guxhagen unterwegs, um Kitze mit einer speziellen Drohne mit Wärmebildkamera zu orten und zu retten.

Landwirte sind verpflichtet, vor der Maht einen Jagdpächter zu informieren. In diesem Fall gelang es immerhin, ein Kitz zu retten. Ein anderes Tier wurde zwar entdeckt, war bei Mähbeginn aber verschwunden. Es tauchte leider erst tot wieder auf. Das komme leider immer wieder vor, berichtet Florian Bayan.

Drohnenbilder auswerten: Vereinsvorsitzender Florian Bayan bei der ehrenamtlichen Arbeit.
Drohnenbilder auswerten: Vereinsvorsitzender Florian Bayan bei der ehrenamtlichen Arbeit. © Rehkitzrettung Nordhessen

Welche Felder müssen kontrolliert werden und in welchem Zeitraum?

Alles, was zwischen Ende April und Anfang Juli geerntet wird. In der Regel ist das Feldfutter – alle möglichen Wiesen- und Kleearten.

Was ist, wenn ein Jagdpächter ein Feld kontrolliert und erst Stunden später der Landwirt kommt, um zu mähen. Gibt es Vorgaben und Zeitfenster?

Das läuft nach unserer Erfahrung absolut suboptimal. Nehmen wir den geschilderten Fall. Wir fliegen am Morgen die Wiesen ab und finden, trotz Sonnenschein, zwei Kitze. Diese konnten nicht entnommen werden, da der Landwirt erst am Nachmittag mähen wollte. Also wurden sie markiert. Dies bedeutet, man entnimmt sie nicht, sondern geht hin und steckt einen Stab daneben. Wenn nach Stunden dann mit dem Mähen angefangen wird, können der Jäger oder der Landwirt zu dem Stab gehen und das Kitz entnehmen.

Und wenn das Jungtier weg ist?

Das ist das Problem, denn hat die Ricke am Morgen mitbekommen, das jemand beim Kitz war, steht die Chance sehr hoch, dass sie es umsetzt. Und das auch in derselben Wiese. Das bedeutet, die Kitze sind noch in der Wiese, aber irgendwo anders. Die Chance, dass sie dann nicht zufällig gefunden werden, sondern getötet oder verstümmelt werden, ist riesig. Aber bevor nichts passiert, machen wir das mit dem Markieren aber trotzdem.

Die Kitze sollen ja nicht angefasst werden. Aber es gibt Boxen zur Aufbewahrung. Schildern Sie doch mal den Ablauf.

Der Landwirt, der Pferdewirt oder der Jagdpächter meldet sich bei uns. Am besten so früh wie möglich und gibt uns die Felddaten durch. Wir schauen vorab, ob es rechtlich überhaupt möglich ist, dort mit einer Drohne zu fliegen. Sofern ein Flug möglich ist, programmieren wir die Drohnen. Geflogen wird immer frühmorgens. Kalte Tage mit Bewölkung lassen längere Flüge zu. Sonnenstrahlen erwärmen die Wiesen und machen die Ortung schwieriger. Wird ein Kitz gefunden, wird es durch uns gesichert.

Wie stelle ich mir so eine Sicherung vor?

Der Pilot schwebt in einer Höhe von 50 bis 75 Metern über dem Kitz. Das Sicherungsteam geht mit zwei bis drei Leuten mit einer großen Box, einem Kescher, einem Funkgerät sowie Veterinärhandschuhen in die Wiese und wird vom Spotter via Funk gelotst. Der Spotter unterstützt den Piloten. Dem Kitz wird der Kescher übergestülpt, falls es ein Abspringer ist. Die Box wird mit Gras ausgelegt und das Kitz wird mit viel Gras in die Box umgesetzt. Sollte ein weiteres Kitz in der Nähe sein, wird dieses in dieselbe Box gelegt.

Wohin kommt dann die Box?

Die Box kommt, wenn möglich, an einen ruhigen Platz, am besten ohne direkte Sonneneinstrahlung. An der Box wird ein Schild befestigt, das erklärt, dass man sie in Ruhe lassen soll. Wenn es gut läuft, mäht der Landwirt sofort und wir entlassen das Kitz direkt danach wieder.

Aber es läuft nicht immer gut.

Leider nein. Wenn es nicht so gut läuft, mäht der Landwirt erst Stunden später. Die Kitze dürfen nach unserer Erfahrung aber allerhöchstens sechs Stunden in der Box bleiben. Beim Entlassen sollte man darauf achten, dass man die Kitze nie zusammen irgendwo hinlegt.

Warum?

Das Mähen der Wiese lockt Fressfeinde an. Diese wissen, wenn gemäht wird, wird oft auch etwas getötet, dies bedeutet Futter. Sollte ein Beutegreifer nun die entlassenen Kitze finden, hätte er gleich beide.

Warum die Pausen zwischen Flug und Maht?

Wir müssen fliegen, wenn es noch kühl ist. Die Landwirte sind beim Mähen auch sehr wetterabhängig.

n Guxhagen haben Uwe Borrmann, sein Sohn und Helfer das Feld erst begangen. Dabei ist es aber schwierig, Kitze zuverlässig zu finden. Sollten Drohnen der Standard sein?

Drohnen wären flächendeckend ein guter Ansatz. Allerdings darf man nicht überall damit fliegen. Eine Kombination aus Vergrämungsgeräten und Drohnen ist für mich aktuell die beste Lösung.

Was ist ein Vergrämungsgerät?

Das sind Boxen, die mit akustischen Signalen die Ricken dazu animieren, die Kitze aus der Wiese zu holen. Sie sollten etwa einen Tag vor der Maht aufgestellt werden.

Ihre Drohnen sind nicht günstig. Was kosten sie?

Die Drohnen, die wir fliegen, kosten in der Anschaffung etwa 6000 Euro. Mit Zusatzausstattung kommt man auf etwa 7500 Euro. Aktuelle Modelle, die einen Flug auch bei Regen ermöglichen, kosten bis zu 12 000 Euro. Diese Drohnen sind allerdings größer und können dadurch eher Probleme mit den Bestimmungen der Luftverkehrsordnung machen.

Was müssen Sie bei der Rettung der Kitze beachten – dürfen Sie das, oder ist das nur dem Jäger erlaubt?

Wildtiere aufsuchen, ihnen nachstellen und sie entnehmen, ist nur dem Jäger erlaubt. Wir fliegen und entnehmen nur dann, wenn der Jäger uns das Okay dazu gibt.

Warum liegen die Kitze überhaupt im Feld und welche Felder sind das?

Man findet sie nahezu in allen Feldsorten. Sie liegen dort, um Schutz vor Fressfeinden zu suchen.

Wie alt sind die Kitze, wenn sie fliehen, statt sich zu ducken?

Man geht davon aus, dass nach spätestens zwei Wochen der Fluchtinstinkt größer ist, als der Drückinstinkt. Allerdings sollte man bedenken, Kitze sind häufig noch nicht schnell genug. Mäht der Fahrzeugführer mit zu hoher Geschwindigkeit, erwischt er leider auch ein abspringendes Kitz.

Was passiert mit der Maht, wenn beim Mähen ein Kitz getötet wird?

Laut meinen Informationen müsste das Mähwerk gesäubert und desinfiziert werden. Das kontaminierte Wiesengras müsste fachgerecht entsorgt werden. Das Kitz ebenfalls. Der Vorfall müsste zumindest dem Jäger gemeldet werden.

Warum sagen Sie müsste?

Wir wissen, dass es in Ausnahmen auch Fälle gibt, in denen der Ablauf leider ein anderer ist. Nicht immer bekommt der Landwirt überhaupt mit, dass er ein Kitz erwischt hat. Dann bleibt die Ernte da, wo sie ist, die Geräte werden nicht gesäubert. Das Kitz verendet. Lebt es noch und der Landwirt bemerkt das, wird der Jäger informiert, der hat ja aber auch nicht immer sofort Zeit. Es kommt dann auch vor, dass der Maschinenführer es erlöst, indem er drüber fährt oder es anderweitig tötet. Das ist aber eigentlich illegal.

Mit welchen Verbänden kooperieren Sie in der Region?

Wir kooperieren mit dem Kreisjagdverein Wolfhagen. In Gudensberg haben wir unser Projekt ebenfalls vorgestellt. Eine Kooperation mit den Bauernverbänden wird angestrebt und soll über den Kreisjagdverein angestrebt werden. Von unserem Maschinenring haben wir bis heute keine Antwort bekommen. Ansonsten arbeiten wir mit zahlreichen Landwirten, Jägern und Pferdewirten zusammen. Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es im Südkreis auch einen Drohnenpiloten.

Warten auf die Maht: Maximal sechs Stunden dürfen die Kitze in Sicherheit in den Boxen bleiben.
Warten auf die Maht: Maximal sechs Stunden dürfen die Kitze in Sicherheit in den Boxen bleiben. © Rehkitzrettung Nordhessen

Zur Person

Florian Bayan (31) ist Gründer und Vorsitzender des Vereins Rehkitzrettung Nordhessen. Der Verein ist seit 2021 als gemeinnützig anerkannt. Der Verein ist deutschlandweit und mit der Schweiz sowie nach Frankreich vernetzt. Der Sitz des Vereins befindet sich in Oelshausen, dem Wohnort von Bayan, ist aber in ganz Nordhessen aktiv. In Ausnahmefällen fliegen die Mitglieder auch mal in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Der Verein hat derzeit 23 Mitglieder, davon ist etwa die Hälfte aktiv. Florian Bayan ist hauptberuflich Notfallsanitäter und Vater.

(Damai Dewert)

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