Zahl der Milchviehhalter sinkt auf unter 200

Milch-Preis bricht Bauern das Genick: Viele Landwirte im Schwalm-Eder-Kreis geben auf

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Haben 180 Rinder: Kerstin und Dirk Fehr aus Wollrode. 

Die Anzahl der Milchviehbetriebe im Schwalm-Eder-Kreis geht immer weiter zurück, da die Landwirte mit dem geringen Milchpreis nicht ihre Kosten decken können.  

  • Der geringe Milchpreis zwingt Milchviehbetriebe im Schwalm-Eder-Kreis zur Aufgabe ihrer Existenz.
  • Die trockenen Sommer verschärfen das Problem, weil die Kosten für Futtermittel steigen. 
  • Zudem bekommen die Bauern immer mehr Auflagen von der Bundesregierung. 

Im Schwalm-Eder-Kreis verschwinden die Milchviehbetriebe. Aktuell sind es weniger als 200. Vor 20 Jahren waren es laut Regionalbauernverband etwa dreimal so viele. Es sind aber nicht nur Betriebe, die verschwinden: Gerät ein Hof in Schieflage, hängt meist die Existenz einer ganzen Familie daran.

Die Entwicklung im Landkreis entspricht dem landesweiten Abwärtstrend. 2500 Milchviehbetriebe gibt es in Hessen. Vor 20 Jahren gab es noch 7700. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. Ein Ende des Abwärtstrends ist laut Stefan Strube vom Regionalbauernverband nicht in Sicht.

Stefan StrubeBauernverband

Das Problem sind die niedrigen Milchpreise. Mit 40 Cent pro Liter Milch könnte ein Deutscher Landwirt kostendeckend arbeiten. Aber diesen Preis zahlen die Molkereien schon seit Jahren nicht mehr. 

Waren es in Deutschland laut dem Milch-Marker-Index 2017 noch durchschnittlich 37,4 Cent pro Kilogramm, waren es im Oktober 2019 noch 34,23 Cent. Mit einer höheren Milchproduktion wollen die Landwirte den niedrigen Preis ausgleichen – ein Überangebot entsteht, ein Teufelskreis. 

Der Milch-Preis ist zu niedrig, um die Kosten der Bauern zu decken

Das Überangebot sei ein großes Problem, sagt Milchviehhalter Dirk Fehr aus Wollrode im Schwalm-Eder-Kreis in der Nähe von Kassel. Denn dadurch könne der Handel die Preise drücken. Strenge Auflagen und trockene Sommer lassen außerdem die Kosten in die Höhe schnellen. Insbesondere für die kleinen Betriebe zeichne sich keine Verbesserung ab, sagt Strube. Der Strukturwandel werde sich fortsetzen. 

Die Betriebe werden wachsen, die Anzahl der Landwirte mit wenigen Tieren wird schrumpfen. Die Krux: „Einerseits will die Politik die kleinen Betriebe fördern, andererseits erreichen sie mit neuen Gesetzen genau das Gegenteil“, sagt Strube. 

Gerade die kleinen Betriebe träfen neue Auflagen hart. Das habe sich jüngst gezeigt, als die betäubungslose Ferkelkastration beschlossen wurde. „Das hat viele Sauenhalter, die den Betrieb nur im Nebenerwerb führen, zum Aufgeben gezwungen.“ Den Bauern mit Finanzspritzen unter die Arme zu greifen, löse das Problem nicht, sagt Fehr.

Industrie sieht Schuld für geringen Milch-Preis bei den Bauern

Laut dem Milchindustrie-Verband lag 2018 die Kuhmilcherzeugung bei 33,1 Millionen Tonnen, von denen 31,7 Millionen Tonnen in den Molkereien verarbeitet wurden. Davon waren 16,6 Millionen Tonnen für den Export bestimmt. 

Etwa 12,2 Millionen Tonnen Milchprodukte werden jährlich nach Deutschland eingeführt. Das Milch-Überangebot auf dem Markt sei die Schuld der Landwirte, so die Milchindustrie. Sie produzierten zu viel, um niedrige Preise auszugleichen. 

Schwalm-Eder-Kreis: 600-Einwohner-Dorf Wollrode hat drei Milchviehbetriebe

In den vergangenen 70 Jahren ist die Zahl der Milchviehbetriebe in Hessen von 150 000 auf 2500 gesunken. In Wollrode gibt es noch drei Betriebe, eine Besonderheit. Einer davon gehört Familie Fehr.

Niedrige Milchpreise und hohe Erzeugungskosten sorgen seit Jahren für eine dramatische Entwicklung in der Milchviehwirtschaft. 30 Prozent Gewinn büßten die Milchbauern 2019 ein. Auch Dirk (48) und Kerstin Fehr (46), die in Wollrode 180 Rinder halten, kämpfen für bessere Milchpreise. 

„Wir stehen permanent unter Druck, immer effizienter zu arbeiten“, sagt Kerstin Fehr. Geld für Anschaffungen wie einen neuen Traktor anzusparen, sei nicht möglich.  

Die Probleme der Bauern im Schwalm-Eder-Kreis: Industrie will günstigen Preis für Milch

Die beiden vergangenen Sommer waren extrem trocken im Schwalm-Eder-Kreis, sagt Dirk Fehr. Auf die Futterqualität habe dies einen enormen Einfluss. Fehrs betreiben auch Ackerbau. Für die 180 Rinder, von denen 95 Milchkühe sind, baut der Familienbetrieb Gras, Mais, Weizen und Gerste zur Fütterung an. 

Der heiße Sommer 2018 habe allerdings den Mais stark eintrocknen lassen. Und die Grasernte sei im dritten Schnitt (August) äußerst mager ausgefallen. „Wir hatten gerade mal ein Fünftel von der normalen Menge“, sagt Kerstin Fehr. Weniger Futter von schlechterer Qualität führt dazu, dass die Kühe weniger Milch geben. 

Um Kosten zu sparen, haben die Fehrs vergangenes Jahr die Zahl der Kühe um zehn reduziert. Futter zu kaufen wäre die andere Option gewesen. Die Fehrs entschieden sich dagegen. „Uns wurde in Aussicht gestellt, dass der Milchpreis steigen wird, da das Angebot insgesamt zurückgehen wird“, sagt Dirk Fehr. „Aber das ist nicht eingetreten. Man fragt sich da wirklich, wo plötzlich die Milch auf dem Markt herkommt.“ 

Die Bauern seien von der Milchindustrie abhängig. „Und die will günstige Preise“, sagt Dirk Fehr. „Und auch die Politik ist an günstigen Preisen interessiert. Schließlich bleibt dann mehr Geld für andere Konsumgüter übrig.“

Es werde gezielt über Bedarf produziert, um die Preise drücken zu können. Hinzu kämen immer strengere Auflagen, die die Landwirte erfüllen müssen. Das kürzlich von der Bundesregierung verabschiedete Agrarpaket beinhalte weitere Auflagen. „Mehr Bürokratie, gedrosselte Düngung gleich geringere Ernteerträge und weniger Einkommen“, sagt Dirk Fehr.

Der Familiebetrieb im Schwalm-Eder-Kreis

Im Vergleich zu einigen anderen Milchviehbetrieben im Schwalm-Eder-Kreis geht es den Fehrs trotz des geringen Preises für Milch wirtschaftlich noch gut, sagen sie selbst. Fehrs Hof ist ein Familienbetrieb.

Dirk Fehr hat ihn vor 20 Jahren von seinen Eltern übernommen. Zwei der drei Töchter (13, 15 und 17 Jahre) helfen beim Melken mit, auch die Eltern sind involviert.

„Die Familienarbeitsplätze sind unser großer Vorteil“, sagt Kerstin Fehr. Denn in der Familie schaue niemand während der Arbeit auf die Uhr. „Wenn es im Stall länger dauert, dann ist das so. Und wenn danach noch gemäht werden muss, dann wird das auch noch erledigt“, sagt Dirk Fehr.

Die beiden beschäftigen eine Mitarbeiterin. Ein Nachbarsmädchen in Teilzeit. „Wir könnten die Arbeit auch zu zweit schaffen, aber dann hätten wir ja überhaupt keine Freizeit mehr“, sagt Kerstin Fehr. „Wir stecken wirklich viel in den Betrieb.“ Aber man stehe als Bauer permanent unter Druck, überdurchschnittlich gut zu sein. Weiterbildungen mit dem Ziel, immer effizienter zu arbeiten, stünden daher regelmäßig auf dem Programm.

Die Wünsche der Gesellschaft an die Bauern

„Die Gesellschaft stellt viele Wünsche an uns“, sagt Dirk Fehr. „Und das setzten wir auch gerne um.“ Aber dann müssten auch die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Es könne nicht sein, dass deutsche Bauern für die Haltung von Rindern höchste Standards erfüllen müssen und gleichzeitig Fleisch von argentinischen Rindern importiert wird, die knietief im Dreck stehen und mit Kraftfutter gemästet werden. „Das passt doch alles nicht.“

Milch-Angebot steigt, Preis geht in den Keller

Bis zum Jahr 2015 war der Milchmarkt durch die EU-Milchquote reguliert. Es war festgelegt, wie viel Milch die Bauern in der EU produzieren dürfen. Das gleichbleibende Angebot sollte den Milchpreis stabil halten. Die EU-Kommission begründete die Abschaffung der Mengenbegrenzung damit, dass die EU auch den chinesischen Markt erschließen könne. Andernfalls würde man Kanada und den USA den Markt schenken. 

Nach Abschaffung der Quote war die Nachfrage nach Milch weltweit gut, die Futtermittel günstig. Die Aussicht, für den Weltmarkt zu produzieren, bringt viele Landwirte dazu, zu investieren. Es gibt Fördergeld, aber trotzdem verschulden sich viele Landwirte. 

Als die Nachfrage nach Milch auf dem Weltmarkt zurückgeht, reagieren die Landwirte mit einer erhöhten Produktion. Die Folge: Das Angebot steigt, die Preise gehen in den Keller. Hinzu kommen Wettbewerber aus dem Ausland.

Von Carolin Hartung

Der geringe Milchpreis sorgte bereits 2016 bei den Bauern für Probleme. So mussten Landwirte aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg ihre Kühe verkaufen. 

Auch im Kreis Kassel hatten die Bauern Probleme mit dem geringen Preis für Milch. 2016 konnten sie bei der EU und der Bundesregierung ein Notprogramm beantragen. 

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