Melsunger schreibt über seine ehemalige Heimat im Sudetenland

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Fleißiger Schreiberling: Josef Friedrich wurde 1946 aus seiner Heimat Zetschowitz in Tschechien vertrieben. Seit dem lebt er in Melsungen. Von dort aus schreibt er in der Sudentendeutschen Zeitung über seine ehemalige Heimat und die Egerländer Trachtengruppe.

Melsungen. Mit einem Lächeln sitzt Josef Friedrich vor Schwarz-weiß-Fotos und mehreren Ausgaben der Sudetendeutschen Zeitung. Als er beginnt in Mundart zu sprechen, leuchten seine Augen. „Unser Dialekt ist ein bisschen wir bayrisch“, sagt der 84-Jährige.

Er ist Sudentendeutscher und wohnt in Melsungen.

Als 18-Jähriger wurde er aus Zetschowitz in Tschechien vertrieben. „Hier ist mein Wohnort, aber Zetschowitz ist immer noch meine Heimat“, sagt Friedrich. Am 4. Mai 1946 ist er in einem Zug-Waggon in Melsungen angekommen.

„Das können wir nicht vergessen“, sagt seine Ehefrau Maria über die Deportation. Die beiden kennen sich schon seit Kindertagen und saßen im selben Zug. Mit ihnen kamen 1200 weitere Heimatvertriebene, aufgeteilt auf 30 Waggons, nach Melsungen. Von da aus ging es auf Traktoren und Wagen weiter in die Ortsteile.

Obwohl Friedrich die meiste Zeit seines Lebens in Melsungen verbrachte, fühlt er sich noch immer verbunden mit Zetschowitz. Er ist Vorsitzender der Egerländer Trachtengruppe des Heimatkreises Bischofteinitz und schreibt seit sechs Jahren für die Sudetendeutsche Zeitung über seine alte Heimat.

„So lange ich kann, werde ich versuchen die Erinnerung daran in Schwung zu halten“, sagt der 84-Jährige. So spricht er Zuhause mit seiner Frau nur Mundart. Jeden Montag trifft er sich in Wolfershausen mit den anderen Heimatvertriebenen aus der Trachtengruppe. „Wir singen Mundart-Lieder und machen Witze“, sagt der 84- Jährige.

In Friedrichs Büro stapeln sich die Ausgaben der Sudetendeutschen Zeitung. In vielen davon steht auch ein Artikel des 84-Jährigen. Darin geht es um die Geschichten anderer Heimatvertriebener, die Auftritte der Egerländer Trachtengruppe oder alte Gebäude in seiner tschechischen Heimat. „Ich habe 18 Jahre da gelebt: Ich weiß, wo welcher Stein liegt“, sagt er. Mit der Egerländer Trachtengruppe brachte er die traditionelle Musik seiner Heimat sogar in die Vereinigten Staaten von Amerika. „34 Tage in Tracht, das war schon was“, sagt er.

Auch in Kanada ist er mit der Gruppe aufgetreten. „Bei der Weltausstellung in Vancouver“, sagt der 84-Jährige. Um den großen Auftritt ging es ihm dabei nicht. Friedrich liegt vielmehr die Tradition aus seinen Kindertagen und der Jugend am Herzen. „Ich reiße keine Bäume mehr aus, aber ich tue, was ich kann, um sie am Leben zu halten“, sagt der 84-Jährige.

Obwohl Friedrich sich immer noch mit Zetschowitz verbunden fühlt, eine Rückkehr kommt für ihn nicht in Frage: „Heute bin ich ein überzeugter Bartenwetzer“, sagt er.

Von Verena Koch

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