Probleme nicht aussitzen

Junge Union und Jusos aus dem Schwalm-Eder-Kreis im Interview zu Olaf Scholz

Olaf Scholz (Dritter von links) bei seinem Besuch in Melsungen im September 2021. Am Mittwoch übernahm der SPD-Politiker das Kanzleramt. Archivfoto: Richard Kasiewicz
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Olaf Scholz (Dritter von links) bei seinem Besuch in Melsungen im September 2021. Am Mittwoch übernahm der SPD-Politiker das Kanzleramt.

Nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel ist jetzt Olaf Scholz Bundeskanzler. Wir haben darüber mit Nils Stöbel von der Jungen Union und Pascal Banschbach von den Jusos im Landkreis gesprochen.

Altkreis Melsungen – Für die jüngere Generation ist das neu – sie kennt die deutsche Politik ausschließlich mit Angela Merkel als Kanzlerin und prägender Figur. Doch nun ist Olaf Scholz Bundeskanzler. Wir haben mit Nils Stöbel von der Jungen Union und Pascal Banschbach von den Jungsozialisten (Jusos) im Schwalm-Eder-Kreis über die ungewohnte Situation gesprochen.

Herr Stöbel, Herr Banschbach, wie ungewohnt wird es für Sie, nicht mehr Kanzlerin zusagen, sondern Kanzler?

Stöbel: Es wird auf jeden Fall eine Umgewöhnung. Selbst, wenn ich nur das Wort „Kanzler“ höre, muss ich automatisch an Angela Merkel denken. Für mich ist Merkel „der“ Kanzler. Sie ist die einzige Person, die ich in diesem Amt kenne. Olaf Scholz ist für mich Finanzminister. Bis sich das wirklich ändert, wird es auf jeden Fall eine Weile dauern.

Banschbach: Wahrscheinlich wird es erst mal ungewohnt. Ich kenne ja eigentlich nur die Kanzlerin – 2005 war ich fünf Jahre alt, einen Kanzler gab es für mich nicht. Aber Kanzlerin Scholz wird mir nicht herausrutschen, denke ich (lacht).

Wenn Sie Olaf Scholz jetzt treffen würden, was würden Sie ihm unbedingt mal sagen wollen?

Stöbel: Ich würde ihm sagen, dass er das Land boostern muss. Die Immunisierung von Merkel ist jetzt weg und es muss ein neuer Booster her. Wenn Scholz als Booster nicht wirkt, haben wir ein Problem.

Banschbach: Natürlich würde ich ihm erst mal gratulieren zur Wahl als Kanzler. Und ich würde ihm sagen, dass er wie im Wahlkampf auch jetzt weiter eng mit der Partei zusammenarbeiten muss, damit er gut regieren kann.

Angela Merkel war bekannt für ihre Raute, die sie mit den Händen geformt hat. Was wird die typische Geste von Olaf Scholz sein?

Stöbel: Ich denke dabei an Scholz mit verschränkten Arme, während sich Robert Habeck und Christian Lindner zanken (lacht).

Banschbach: Ich glaube nicht, dass er eine solche Geste braucht.

In welcher Sache wird Olaf Scholz Angela Merkel nie das Wasser reichen können?

Stöbel: Der Respekt, den sich Merkel auf internationaler Ebene erarbeitet hat, wird schwer zu toppen sein. Ich kann mir Scholz zum Beispiel mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron nicht in der Art vorstellen, wie mit Merkel. Und es liegt an der CDU, dass Scholz nicht die Zeit bekommt, sich ein ähnliches Ansehen zu erarbeiten.

Banschbach: Durch ihre menschliche und meiner Meinung nach auch richtige Entscheidung hat Merkel bei der Flüchtlingskrise 2015 besonders außerhalb von Deutschland viel Ansehen bekommen. Außerdem wirkte sie durch ihre ruhige Art immer sehr unangreifbar.

Und was wird Scholz auf jeden Fall besser machen als Merkel?

Stöbel: Ich hoffe, dass es unter seiner Kanzlerschaft im Bundestag wieder mehr Diskussionen mit verschiedenen Meinungsbildern geben wird und nicht wie häufig bei Merkel alles im Kanzleramt entschieden wird.

Banschbach: Er wird Probleme im Gegensatz zu Merkel auf jeden Fall nicht aussitzen, sei es die Digitalisierung oder bei der Gesundheitsversorgung. Scholz wird durch seine Entscheidungen und Aussagen vielleicht mehr polarisieren, aber er wird Probleme nicht aufschieben.

Versprüht Olaf Scholz im Alter von 63 Jahren für Sie als junge, in der Politik engagierte Menschen eine Art Aufbruchsstimmung?

Stöbel: Wenn man es realistisch betrachtet, braucht es auch wirklich eine lange Zeit, um als Politiker in diese Position zukommen. Aber natürlich wird Aufbruch eher mit jüngeren Leuten in Verbindung gebracht. Bei Barack Obama war das ja zum Beispiel so, als er 2009 mit Ende 40 Präsident der USA wurde. Generell kommt für mich bei Scholz aber keine Aufbruchsstimmung auf, weil er sich für mich „merkeliger“ gibt als Merkel selbst.

Banschbach: Die Bundestagsfraktion der SPD ist deutlich jünger geworden. Etwa ein Viertel der Abgeordneten sind bei den Jusos oder im Juso-Alter. Das prägt natürlich auch einen Kanzler, wie die Fraktion aussieht, die hinter ihm steht. Dadurch wird der Kanzler die Probleme und Wünsche junger Menschen besser mitbekommen. Ich würde das also nicht vom Alter des Kanzlers abhängig machen wollen. (William Abu El-Qumssan)

Zu den Personen

Nils Stöbel (23) ist Verbandsvorsitzender der Jungen Union (JU) Homberg-Melsungen und kommt aus Spangenberg. Er studiert aktuell Rechtswissenschaften an der Universität Marburg und wohnt auch dort. Er ist seit sechs Jahren bei der JU. Wenn es das Studium zulässt, verreist Stöbel gern.

Pascal Banschbach (21) ist seit Sommer vergangenen Jahres bei der Jugendorganisation der SPD (Jusos) im Schwalm-Eder-Kreis engagiert und lebt momentan in Melsungen. Banschbach studiert im dritten Semester Elektrotechnik an der Universität in Kassel. In seiner Freizeit spielt er gerne Fußball.

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