30 Jahre Mauerfall 

Im ihrem Wohnzimmer: Körlerin teilte Begrüßungsgeld an DDR-Bürger aus

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Sie gab damals in ihrem Wohnzimmer Begrüßungsgeld für DDR-Bürger aus: Marianne Wölling (79) aus Körle. 

Die Körlerin Marianne Wölling wird den 10. November 1989 wird wohl nie vergessen. Als Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung gab sie in ihrem Wohnzimmer das Begrüßungsgeld an DDR-Bürger aus.

In ihrem Wohnzimmer spielten sich damals historische Szenen ab. Als Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung gab sie damals das Begrüßungsgeld an die DDR-Bürger aus – in ihrem Wohnzimmer.

Noch am Abend zuvor verfolgte die heute 79-Jährige mit ihrer Familie vor dem Fernseher, wie die Mauer fiel. „Wir haben uns so mit den Menschen gefreut“, erinnert sie sich. Weil Marianne Wölling bei der Gemeinde für den Bereich Sozialamt, Renten und Standesamt zuständig war, sollte sie auch am nächsten Tag das Begrüßungsgeld im Bürgermeisteramt an die DDR-Bürger ausgeben.

Konnte nicht von zu Hause weg

Das Problem: „Meine Mutter lag krank im Bett und mein Sohn hatte Geburtstag. Für seine Feier sollte ich noch Dutzende Frikadellen braten“, erzählt die Seniorin. „Ich konnte nicht von zu Hause weg.“ 

Deshalb vereinbarte sie mit dem damaligen Bürgermeister Fritz Ochs, dass sie die Ausgabe des Geldes übernimmt, aber von ihrem Wohnzimmer aus. Die ersten DDR-Bürger hätten bereits gegen neun Uhr morgens vor ihrer Haustür gestanden, erinnert sich Wölling. „Wir hatten an die Tür der Gemeindeverwaltung einen großen Zettel gehängt, dass das Begrüßungsgeld bei mir an der Meißnerstraße abgeholt werden kann“, sagt die 79-Jährige.

Kaum hing der Zettel, seien die ersten Trabis bei Wöllings vorgefahren. „Die haben mich alle gefunden.“ In ihrem Wohnzimmer, das auch heute noch Wöllings Wohnzimmer ist, gab sie das Geld aus. „Aber ich weiß nicht mehr, wie viele Leute kamen. Vielleicht 50 oder 70. 

Aber alle machten einen fröhlichen Eindruck, nahmen das Geld, guckten es kurz an und steckten es dann ganz schnell ein“, erinnert sich Wölling, die 20 Jahre Vorsitzende des VdK Körle war. 

„Und immer, wenn das Geld alle war, habe ich Horst Jacob von der VR-Bank angerufen“, sagt die Körlerin. Jacob habe dann mehrmals vorbeikommen müssen, um für Nachschub zu sorgen. 100 Mark gab es für jeden DDR-Bürger.

In den eigenen vier Wänden

Für die Neuankömmlinge gab’s in Wöllings Wohnzimmer aber nicht nur Geld und einen Stempel in den Pass, sondern auch ein Tässchen Kaffee. „Es hat sich alles hier in den vier Wänden abgespielt“, sagt die Seniorin und schaut sich um. Und während seine Frau die DDR-Bürger versorgte, sorgte Ehemann Karl-Heinz dafür, dass die Frikadellen in der Pfanne nicht anbrannten.

Die DDR-Bürger seien verwundert gewesen, dass sie ihr Geld in einem Privathaus ausgehändigt bekamen, sagt Marianne Wölling. „Unser Haus war damals noch recht neu. Die Leute haben das richtig bewundert.“ Neidisch sei aber niemand gewesen. „Uns ist das Geld dafür ja auch nicht zum Schornstein hereingeflogen.“

Die darauffolgenden Tage gab Marianne Wölling weiter Begrüßungsgeld aus – dann aber im Bürgermeisteramt. Auch eine Kleiderkammer wurde in den Räumen des Deutschen Roten Kreuzes in Körle für die Neuankömmlinge eingerichtet. Dort half Wölling mit, Kleidung auszugeben.

Eines ist ihr aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben. Einige Zeit nach der Grenzöffnung habe es an ihrer Tür geklingelt. Davor stand eine ehemalige DDR-Bürgerin mit einem Blümchen. „Sie wollte sich bei mir bedanken. Denn sie habe nie das Gefühl gehabt, dass sie um etwas betteln musste. Wenn ich daran denke, rührt mich das immer noch zu Tränen.“

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