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Körler Biobauern kritisieren Plan für neues Gewerbegebiet

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Von: William-Samir Abu El-Qumssan

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Sind mit der Bewertung der Ackerfläche unzufrieden: von links Maria Beier (Nabu), Stefan Strube (Regionalbauernverband) und die Landwirte Ute und Martin Reichert. Im Hintergrund das Feld, auf dem das neue Gewerbegebiet in Körle entstehen soll.
Sind mit der Bewertung der Ackerfläche unzufrieden: von links Maria Beier (Nabu), Stefan Strube (Regionalbauernverband) und die Landwirte Ute und Martin Reichert. Im Hintergrund das Feld, auf dem das neue Gewerbegebiet in Körle entstehen soll. © William Abu el-Qumssan

Mehr als 2,5 Hektar landwirtschaftlich genutzte Flächen werden pro Tag in Deutschland versiegelt – für Wohn- und Gewerbegebiete. Das soll auch mit 2,1 Hektar Ackerland in Körle passieren.

Körle – Rund 2,1 Hektar Ackerland in Körle sollen einem Gewerbegebiet weichen. Das Gebiet wird vom Landwirtspaar Ute und Martin Reichert bewirtschaftet, sie sind Pächter des Ackers. Was den Reicherts an dem Bauvorhaben besonders sauer aufstößt: der Entwurf des Bauvorhabens der Gemeinde, dem auch ein Umweltbericht zugrunde liegt.

„Wir wünschen uns eine neue Prüfung des Gebiets“, sagt Martin Reichert zum Entwurf, der den Bau eines Gewerbegebietes an der Straße An der Eiche vorsieht. In dem kritisierten Bericht heißt es: „Die Artenvielfalt sowie die ökologische Bedeutung der intensiv genutzten Fläche sind gering.“ Reichert dazu: „Das ist eine falsche Darstellung des ökologischen Zustandes unserer Ackerfläche. Diese Fläche wird schon seit 1985 ununterbrochen nach den Richtlinien von Bioland bewirtschaftet.“

Weiter heißt es, dass Ackerwildkraut nur fragmentarisch anzutreffen sei. Auch das ist laut Reichert nicht korrekt: „Keine Ackerfläche von uns hat so ein starkes Potenzial an Beikrautflora wie eben diese Fläche.“ In dem Bericht ist weiterhin von der Nutzung von „chemischen Spritzmitteln und intensiver Mineraldüngung“ die Rede. Das ist laut Maria Beier vom Nabu im Schwalm-Eder-Kreis „grob falsch“. In dem Bericht werde ausschließlich von konventioneller Landwirtschaft ausgegangen.

Körle: Ackerland weicht Baugebieten

Die Reicherts wissen, dass sie den Bau des Gewerbegebiets und den damit verbundenen Verkauf der Landfläche wohl nicht verhindern werden. Doch es gehe ihnen vor allem darum, auf die schwindenden landwirtschaftlichen Flächen aufmerksam zu machen. In Körle mussten in den vergangenen Jahren mehrere Flächen für Neubaugebiete weichen. Die Reicherts haben schon andere Pachtflächen verloren. „Außerdem fehlt uns in dem Bericht die Wertschätzung unserer Arbeit“, sagt Ute Reichert.

Stefan Strube, Geschäftsführer vom Regionalbauernverband Kurhessen, fügt hinzu, dass mit einer besseren Bewertung der Ackerfläche auch die nötigen Ausgleichsmaßnahmen für die Natur umfangreicher ausfallen müssen. Zu den bisher geplanten Ausgleichen gehören eine Ausweitung der angrenzenden Streuobstwiese und Regenrückhalteflächen. Maria Beier mahnt jedoch, dass solche Ausgleichsflächen immer erst mal schön klingen, sie aber auch gepflegt werden müssten.

Körles Bürgermeister gesteht Fehler ein

Die Gemeinde nimmt die Kritik ernst und hat bereits reagiert: „Wir nehmen den Einwand der Pächter zum Anlass, eine naturschutzfachliche Begutachtung für das Gebiet in Auftrag zu geben“, sagt Bürgermeister Mario Gerhold. Diese erfolge durch einen Diplom-Biologen und brauche bis Ende des Jahres.

„Das verzögert natürlich die Planung, dient aber der Sache“, sagt Gerhold. Der Umweltbericht müsse nach der Begutachtung mit Sicherheit angepasst werden. Er wisse um den ökologischen Anbau der Familie Reichert und es sei sein Fehler, nicht auf die falschen Annahmen hingewiesen zu haben.

Gerhold weist aber darauf hin, dass es sich bei einem Bebauungsplan um ein zweistufiges Verfahren handele und sich die Gemeinde aktuell in Stufe 1 befinde. „Es ist Sinn und Zweck, in diesem Verfahren solche Widersprüche aufzuklären“, sagt der Bürgermeister. Eine erneute Prüfung des Gebiets hätte sich somit automatisch aus dem Verfahren des Bebauungsplans ergeben.

Dass sich aus der neuen Bewertung des Gebiets eine neue Flächenauswahl für das Bauvorhaben ergibt, bezweifelt der Bürgermeister aber. „Ein Flächenverbrauch für das Gewerbegebiet ist nicht zu vermeiden.“

Er rechnet aber damit, dass umfangreichere Ausgleichsmaßnahmen gefordert werden. (William Abu El-Qumssan)

Deshalb will die Gemeinde Körle auf dieser Fläche bauen – Naturschutzbund kritisiert Wahl des Gebietes

Für Bauvorhaben von Kommunen müssen immer wieder landwirtschaftliche Flächen weichen. Bebaute Flächen sind auch nach einem Abriss nie wieder für Landwirtschaft nutzbar. Da sind Interessenskonflikte wie in Körle zwischen Landwirten und der Gemeinde unvermeidbar.

Körles Bürgermeister Mario Gerhold begründet die Wahl der Baufläche so: „Körle ist aufgrund natürlicher Barrieren (Bahnstrecke, Fuldaaue) in den gewerblichen Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt.“ Im bestehenden Gewerbegebiet An der Eiche sind acht Firmen ansässig mit schätzungsweise 125 Arbeitsplätzen. Deshalb sei es sinnvoll, eine gewerbliche Entwicklung an ein bestehendes Gewerbegebiet anzuschließen.

Maria Beier vom Naturschutzbund im Schwalm-Eder-Kreis kritisiert die Wahl des Gebiets, sie spricht von „der Vernichtung eines Biotop-Verbundes. Der Verbund von angrenzenden Feldern werde durch den Neubau unterbrochen. Sie verweist auf Baulücken oder ungenutzte Flächen als Alternativen.

Gerhold sieht hingegen keine solcher Flächen, die in Betracht kommen.

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