Heimleitung weist Anschuldigungen zurück

Frau erhebt schwere Vorwürfe gegen Pflegeheim in Söhrewald

+
Vorwürfe erhebt eine Körlerin gegen ein Heim in Eiterhagen. Unser Symbolbild zeigt einen Bewohner eines Altenpflegeheims in Neu-Isenburg.

Eine Frau aus Körle erhebt Vorwürfe gegen ein Pflegeheim in Söhrewald. Ihr Mann soll unter anderem zwei Wochen lang keine neue Unterwäsche bekommen haben. Die Heimleitung widerspricht.

Als Marianne Pohl aus Körle ihren Ehemann Georg zur Kurzzeitpflege in die Seniorenheimat Langeleben nach Eiterhagen brachte, ahnte sie noch nicht, in welchem Zustand sie ihn zwei Wochen später dort vorfinden würde. „Es war so schlimm“, berichtet die 84-Jährige. 

Sie befürchtet, dass ihr dementer Mann, seitdem sie ihn dorthin gegeben hatte, nicht ein Mal Unterwäsche und Strümpfe gewechselt bekommen hat. „Die Füße stanken so sehr. Die musste ich ihm gleich waschen, als wir zuhause waren. Es war ekelhaft.“

Seniorin will andere warnen 

Es könne nicht sein, dass Menschen in einem Heim derart behandelt werden, meint die Seniorin. Deswegen hat sie sich auch entschieden, mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich möchte andere warnen“, sagt sie. „Ich kann über das, was dort passiert ist, nicht einfach hinwegsehen.“

Pohl und ihr Mann leben seit über 30 Jahren getrennt, aber noch im gemeinsamen Haus. Als er vor etwa fünf Jahren erkrankte, übernahm die Seniorin die amtliche Betreuung. „Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Und er hat keine Angehörigen, außer einer 90-jährigen Cousine“, sagt die 84-Jährige.

Als sich Marianne Pohl Anfang des Jahres eine Auszeit nehmen wollte, beschloss sie, den 83-Jährigen zur Kurzzeitpflege nach Eiterhagen zu geben. „Von Körle ist das nicht so weit, deswegen habe ich mich für dieses Heim entschieden“, sagt sie. 

Mehrseitiger Fragebogen 

Bei der Aufnahme habe sie einen mehrseitigen Fragebogen ausfüllen müssen. Unter anderem musste sie Lebensumstände, Pflegegrad und Essensgewohnheiten ihres Mannes angeben. Auch über die Auswirkungen der Demenzerkrankung informierte die Seniorin dort. Denn ohne Hilfe wasche sich ihr Mann nicht. Auch die Wäsche wechsele er nicht von allein. 

Weil Georg Pohl unter Ekzemen an den Knöcheln leidet, hatte die Seniorin extra eine vom Arzt empfohlene Salbe mitgebracht, die zweimal täglich aufgebracht werden sollte. „Als ich ihn nach 14 Tagen besucht habe, war die Salbe kaum gebraucht und die Wunden um ein Vielfaches vergrößert. Dabei waren die Stellen vorher so schön abgeheilt.“

Zwei Wochen keine neue Kleidung?

Die Wunden hatten sich mittlerweile über den ganzen Fuß ausgebreitet und neue Wunden an Bauch und Rücken gebildet, erzählt Marianne Pohl. Die mitgebrachte Wäsche habe nach zwei Wochen noch genau so im Schrank gelegen, wie sie die 84-Jährige dort hineingelegt hatte. 

„Gebrauchte Wäsche sollte gesammelt und von mir gewaschen werden. Das bedeutet, er hatte die kompletten zwei Wochen dieselbe Kleidung an“, ärgert sich die Körlerin. „Und wenn ihm keiner bei der Körperpflege hilft, dann passiert gar nichts.“ 

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt. 

Aber genau das habe Marianne Pohl auch eindrücklich im Vorfeld geschildert. Die Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes, die nicht namentlich genannt werden möchte, bestätigt Marianne Pohls Aussagen: Der gesundheitliche Zustand Pohls habe sich durch den Aufenthalt im Heim verschlechtert. „Die Hygiene wurde dort extrem vernachlässigt. Als ich die Wunden gesehen habe, dachte ich gleich, dass er die Krätze hat“, sagt die Pflegerin. Eine Untersuchung beim Hautarzt bestätigte den Krätze-Verdacht allerdings nicht.

Heimleitung weist Vorwürfe zurück

Im Heim habe die Seniorin direkt eine Mitarbeiterin auf den Zustand ihres Mannes angesprochen – die Heimleitung war zu dieser Zeit nicht vor Ort. „Die redete sich damit raus, dass es so viele Krankheitsfälle im Heim gegeben habe.“

Ihre Beschwerde hat Marianne Pohl schriftlich eingereicht. Auf eine Stellungnahme wartet sie bis heute. Unserer Zeitung gegenüber weist die Heimleitung die Vorwürfe zurück. Vom Pflegepersonal könne sich niemand daran erinnern, dass Marianne Pohl eine Beschwerde über „vermeintliche Pflegemängel“ hervorgebracht hätte. Das teilt Monika Röttger, Betreiberin des Heims Langeleben in Eiterhagen, auf Anfrage mit. 

„Da im Dezember kein nennenswerter Krankenstand vorlag, wäre es auch fernliegend gewesen, diesen als Erklärung oder gar Entschuldigung vorzubringen.“ Eine eingehende Beschwerde „wäre selbstverständlich“ bearbeitet worden, heißt es weiter. Die Rücksprache mit den behandelnden Pflegekräften habe ergeben, dass Georg Pohl umfassend versorgt worden sei. 

Die von Marianne Pohl mitgebrachte Hautsalbe sei verwendet worden. Um die Ausstattung mit Kleidung habe sich Marianne Pohl nur „sehr zurückhaltend“ kümmern können. Deshalb habe man aus eigenen Beständen ausgeholfen. Das müsse den Eindruck erweckt haben, dass mitgegebene Kleidung nicht genutzt worden sei. 

Mängel lassen sich laut Betreiberin nicht bestätigen 

Georg Pohl sei auch im Heim dem betreuenden Arzt vorgestellt worden. Bei Einzug hätten vielfältige Ekzeme vorgelegen. Nach Auskunft des stellvertretenden Pflegedienstleiters sei Georg Pohl von ihm Anfang Januar 2019 in einem „pflegerisch einwandfreiem Zustand“ nach Hause entlassen worden, heißt es von Röttger weiter. „Die vorgetragenen Mängel lassen sich also weder nach Überprüfung der Pflegedokumentation noch nach Befragen der beteiligten Pflegekräfte bestätigen.“ 

Die im Nachhinein durch einen Pflegedienst und einen Hautarzt festgestellten körperlichen Beeinträchtigungen seien nicht im Heim entstanden. „Ich kann nicht die Verantwortung für Vorgänge übernehmen, die nach unserer Überprüfung nicht auf den Aufenthalt in meinem Pflegeheim zurückzuführen sind.“ Die Krankenkasse habe den Aufenthalt bezahlt, der Eigenanteil stehe noch aus.

Fragen und Antworten zu Beschwerden über Mängel in Pflegeheimen

In Hessen unterliegen alle stationären und ambulanten Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen staatlicher Aufsicht. Zuständig ist das Amt für Versorgung und Soziales. Die Behörde überprüft die Einrichtungen, berät diese und ist Ansprechpartner bei Beschwerden. 

Sechs dieser Behörden gibt es in Hessen, ein Amt in Kassel. Dorthin hat sich auch Marianne Pohl gewandt und ihre Beschwerde eingereicht. Auch ans Heim selbst hat sie eine Beschwerde geschickt. Obere Aufsichtsbehörde ist das Regierungspräsidium Gießen. 

Wie ist das weitere Vorgehen nach Eingang einer solchen Beschwerde? 

In der Regel erfolgt eine anlassbezogene unangemeldete Prüfung in der Einrichtung, teilt Thorsten Haas, Sprecher des RP Gießen, mit. Im vorliegenden Fall sei die Beschwerde mit einem bereits eingeleiteten Prüfungsverfahren bearbeitet worden. 

Da es sich um eine Kurzzeitpflege handelte, war der Aufenthalt in der Einrichtung bereits beendet. „In diesem Fall kann nur noch die Dokumentation ausgewertet werden. Es wird dann auch bei anderen Bewohnern geprüft, ob dort ähnliche Mängel vorliegen.“ 

Gingen schon öfter Beschwerden über das Heim in Eiterhagen ein?

Seit 2017 gingen sieben Beschwerden ein. Seit Ende 2017 fanden fünf anlassbezogene Prüfungen der Betreuungs- und Pflegeaufsicht Kassel statt. 

Welche Konsequenzen ziehen nachgewiesene Mängel nach sich? 

Nach dem Hessischen Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen (HGBP) erhält der Betreiber mit einer angemessenen Frist die Gelegenheit, Abhilfe zu schaffen und die Möglichkeit, hierzu beraten zu werden. Werden die Mängel nicht innerhalb der gesetzten Frist abgestellt, wird die Beseitigung der Mängel angeordnet, teilt das RP Gießen weiter mit. 

Werden weiter gravierende Mängel mit bereits drohender oder eingetretener Gefährdung des Wohls der Betreuungs- und Pflegebedürftigen festgestellt, kann beispielsweise ein sofortiger Belegungsstopp angeordnet werden. Zur Durchsetzung von Anordnungen kann Zwangsgeld verhängt werden. 

Lesen Sie auch: 24 Patienten in drei Stunden: So hart ist der Alltag im Pflegedienst

Wie sehen die Überprüfungen der Pflegeeinrichtungen aus?

Laut Regierungspräsidium unterscheidet die Betreuungs- und Pflegeaufsicht zwischen einer anlassbezogenen Überprüfung (häufig sind dies konkrete Beschwerden), Regelprüfungen und einer Schwerpunktprüfung zum Beispiel bei großen Hitzeperioden. 

In der Regel erfolgen alle Prüfungen unangemeldet und nach dem gleichen Vorgehen: Eröffnungsgespräch mit der Einrichtungs- und Pflegedienstleitung (insbesondere zum Grund und Umfang der Prüfung), Überprüfung von Sachverhalten in der Einrichtung, dem Wohnbereich, beim Betroffenen beziehungsweise bei Bewohnern, Überprüfung vorhandener Unterlagen, Abschlussgespräch und gegebenenfalls mit direkter Beratung zur Mängelbeseitigung. Im Nachgang erfolgt die schriftliche Zusammenfassung des Prüfergebnisses. 

Wo kann man sich über die Qualität der Pflegeheime informieren? 

Es gibt inzwischen mehrere Internetportale, die Qualitätsaussagen zu Pflegeeinrichtungen treffen. Zwei bekannte Seiten sind der Pflegenavigator der AOK und das Heimverzeichnis unter www.heimverzeichnis.de.

Lesen Sie auch: Frühjahrsserie Pflege: Sie sind 365 Tage im Jahr im Dienst

Hier liegt das Seniorenheim:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.