Traditionsbetrieb seit 1902

Nach dem 31. August ist Schluss: Fleischerei Wilke in Körle schließt

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Führen den Betrieb in vierter Generation: Karlheinz Wilke (links) und Beate Abel. 

Die Fleischerei Wilke in Körle schließt zum 31. August dieses Jahres. Die neun Mitarbeiter bekamen bereits ihre Kündigungen. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht, teilt Geschäftsführerin Beate Abel mit.

Immer strengere Auflagen und die erfolglose Suche nach geeigneten Mitarbeitern habe schon über mehrere Jahre den Betrieb erschwert und die Kosten in die Höhe getrieben. „Das Fass zum Überlaufen gebracht hat aber die Parkplatzsituation.“

Seitdem die Bauarbeiten für das neue Ortszentrum in Körle begonnen haben, seien immer mehr Kunden fern geblieben. „Monat für Monat kommen weniger Kunden, weil sie einfach keinen Parkplatz finden.“ Die Verkehrssituation in der Ortsdurchfahrt sei unerträglich. „Und wir haben nicht die Hoffnung, dass für uns mehr Parkplätze übrig bleiben, wenn die Ortsmitte fertig gebaut ist“, sagt Fleischermeister Karlheinz Wilke. „Wo keine Parkplätze da sind, sind auch keine Kunden.“ Der Umsatzverlust pro Tag mache derzeit zwischen 200 und 300 Euro aus“, schätzt Abel.

Vom Umsatz bleibe ohnehin viel weniger übrig, als noch vor einigen Jahren. Die Auflagen, die kleine und mittelständische Unternehmen mittlerweile zu erfüllen hätten, seien enorm. „Und es kommt dauernd etwas neues hinzu“, sagt Wilke. Während beispielsweise Schlachteabfälle früher verkauft werden durften, damit daraus zum Beispiel Seife hergestellt wurde, müssten Fleischereien jetzt für die Entsorgung ihrer Abfälle bezahlen. Hinzu kämen Anschaffungen wie ein neues Kassensystem für 50 000 Euro, damit sich Mitarbeiter des Finanzamtes aufs System schalten können. 

Fleischermeister Karlheinz Wilke

„Und das ist für uns totes Kapital“, sagt Abel. Die Entscheidung, die Fleischerei zu schließen, hätten sich die beiden nicht leicht gemacht. „Aber wir können einfach nicht mehr, die Situation macht uns krank“, sagt Beate Abel. Sieben-Tage-Wochen, in denen die Tage um 4 Uhr beginnen und um 20 Uhr enden, gingen zunehmend auf die Gesundheit. 

„Die Parkplatzsituation ist tatsächlich mit Beginn der Bauarbeiten seit Juni 2018 schlechter geworden, dies ist aber unvermeidbar, denn für die Baustelle wird der Platz benötigt“, sagt Bürgermeister Mario Gerhold. „Hilfsweise haben wir schon das halbseitige Parken auf dem Gehweg zugelassen.“ Wenn der neue Platz fertig ist, stünden im Umkreis von nur 50 Metern über 40 Parkplätze bereit. Damit habe die Gemeinde alles, was im Ortszentrum machbar war, möglich gemacht. 

Traditionsbetrieb: Fleischerei gibt es seit 1902

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können – so beschreibt Beate Abel den Moment, als sie den Mitarbeitern am Montag mitteilte, dass die Türen der Fleischerei Wilke ab dem 1. September geschlossen bleiben werden. „Die Entscheidung war für uns ein schwerer Schritt, wir haben lange gekämpft“, sagt die 53-Jährige. Sie führt mit ihrem Lebenspartner Karlheinz Wilke (53) den Betrieb in vierter Generation. 

Seit 1902 gibt es die Fleischerei. „Kleine und mittelständische Betriebe werden kaputt verwaltet“, ärgert sich Wilke. Ständig kämen neue Auflagen hinzu, die erfüllt werden müssten. „Wir haben alleine für den Arbeitsschutz jetzt 15 000 Euro ausgegeben.“ Es fange schon bei kleinen Dingen an, wie beleuchteten Notausgangsschildern: „Es reicht nicht, dass dort ein Schild auf den Notausgang hinweist, nein, es muss auch leuchten, wenn der Strom ausfällt. Und solche Anschaffungen kosten alle Geld.“ 

Regelmäßig komme das Veterinäramt und nehme Proben. „Das ist ja auch gut und richtig so. Aber früher wurden solche Kontrollen mal vom Kreis bezahlt. Jetzt bleibt alles an uns hängen“, sagt Beate Abel. Hinzu kämen sinkende Umsatzzahlen. „Damit hätten wir noch leben können, aber der ganze Kostenapparat rundherum wird einfach immer größer.“ Vor vier Jahren musste Wilke ein neues Kassensystem anschaffen. „Obwohl unsere Kassen tadellos funktionierten“, sagt der Fleischermeister. 

Doch bei den einmaligen Anschaffungskosten bleibe es ja häufig nicht. Für Software, die beispielsweise Allergene ausweist, muss der Betrieb monatliche Lizenzgebühren bezahlen. „Das sind alles Kosten, die die Kunden vorne im Laden gar nicht sehen“, sagt Abel. „Und die ständige Personalsuche macht uns krank“, sagt Beate Abel. Man finde einfach keine geeigneten Mitarbeiter. Gerade einmal fünf Tage Urlaub hätten die beiden im vergangenen Jahr gehabt. „Mehr ist leider gar nicht drin.“ Den Mitarbeitern wolle man bei der Suche nach neuen Anstellungen keine Steine in den Weg legen. „Wenn jemand ein neues Jobangebot hat, kann er selbstverständlich vorzeitig gehen“, sagt Abel. Langjährige Mitarbeiter bekommen wegen der Kündigungsfrist noch bis Ende des Jahres ihr Gehalt ausgezahlt. 

Fleischerei belieferte Supermärkte in der Region

Die Schließung der Fleischerei sei eine traurige Nachricht für Körle und die Region, sagt Bürgermeister Mario Gerhold. „Aber wir hoffen, dass sich ein Betriebsnachfolger findet, der Freude an der Führung eines solchen Geschäfts hat. Im Rahmen unserer Möglichkeiten würden wir bei der Suche gern helfen.“ 

Die Entwicklung der Körler Ortsmitte mit neuer Arztpraxis, neuen Wohnungen, Kindergarten, Café und anderen Geschäften stelle sich aber trotzdem positiv dar. „Es ist viel los im Ort und das ist ja ein gutes Zeichen. Schade, dass die Fleischerei Wilke an dieser Entwicklung nicht mehr teilnimmt“, sagt Gerhold. 

70 Prozent der Produkte bei Wilke sind aus eigener Herstellung. Die Schweine kommen aus Guxhagen und werden in Schwalmstadt geschlachtet. Die Schweinehälften werden im Körler Betrieb zerlegt, verarbeitet und verpackt. Wilke liefert seine Produkte auch an neun Rewe-Märkte in der Region. Unter anderem in Kassel, Guxhagen und Grifte. Etwa 400 Kilogramm Ahle Wurscht produziert Wilke in der Woche. 

„Uns fällt es wirklich schwer, alles aufzugeben, aber es geht nicht mehr“, sagt Abel. „Wir hoffen, dass unsere Kunden uns auch die letzten Monate noch treu bleiben.“ Wie es nach der Schließung weitergeht, sei noch offen, so Abel. Die Fischteichanlage will Wilke weiter betreiben. Er züchtet unter anderem Regenbogen-, Lachsforellen und Saiblinge.

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