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So autark ist Körle: Woher die Kommune ihre Energie bezieht

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Von: Damai Dewert

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Nachwachsender Rohstoff: (von links) Diplom-Ingenieur Thomas Bakowies, Architekt Oliver Steyer und Körles Bürgermeister Mario Gerhold im Lager eines Heizwerks des Nahwärmenetzes.
Nachwachsender Rohstoff: (von links) Diplom-Ingenieur Thomas Bakowies, Architekt Oliver Steyer und Körles Bürgermeister Mario Gerhold im Lager eines Heizwerks des Nahwärmenetzes. © Carolin Hartung/Gemeinde Körle

Woher beziehen unsere Städte und Gemeinden ihre Energie, wie autark sind sie? Fossile Energieträger wie Öl und Gas verteuern sich aktuell wegen des Kriegs in der Ukraine.

Körle – Wir beleuchten in loser Folge die Situation der Kommunen im Kreisteil Melsungen. Den Anfang machen wir mit Körle.

Strom

In Körle leben etwa 3000 Menschen. Sie verteilen sich auf 1450 Haushalte. Betreiber des Stromnetzes der Kommune ist die EAM. Der Versuch der Rekommunalisierung über die Fulda-Eder-Energie scheiterte. Die Gemeinde Körle bezieht ihren Strom aber von den Städtischen Werken Kassel. Er wird nach Aussage von Bürgermeister Mario Gerhold zu 100 Prozent aus regenerativer Energie erzeugt. Wegen des liberalisierten Strommarktes kann keine Aussage darüber getroffen werden, von welchem Anbieter die Haushalte ihren Strom beziehen.

Wärme

Beim Wärmebezug gibt es kein einheitliches Bild für die gemeindeeigenen Liegenschaften. Körle setzte bis vor 20 Jahren hauptsächlich auf Ölzentralheizungen. Bis 2000 hätten etwa 98 Prozent der Haushalte eine eigene Ölheizung gehabt, schätzt Gerhold. Seit 2000 gibt es ein Nahwärmenetz – etwa zehn Prozent der Haushalte sind mittlerweile daran angeschlossen.

Seit 2015 ist die Gemeinde außerdem zentral an das Erdgasnetz angebunden. Wie viele Haushalte welchen Energieträger nutzen, sei auch hier wegen des liberalisierten Gasmarktes nicht genau zu eruieren. Bei kommunalen Liegenschaften gebe es jedenfalls keine Gasanschlüsse.

Wasser

Die Gemeinde Körle ist beim Wasser autark. Laut Gerhold stammt es aus zwei Tiefbrunnen. Auch die Wasseraufbereitung liegt in Gemeindehand. Das Leitungsnetz hat eine Länge von 35 Kilometern und wird ebenfalls von der Gemeinde betrieben.

Nahwärmenetz

Eine Besonderheit in Körle ist das Nahwärmenetz. Als Ende der 1990er-Jahre das Neubaugebiet Hollunder mit 95 Bauplätzen erschlossen und ausgewiesen werden sollte, traf es sich, dass der Architekt Oliver Steyer und Körles Büroleiter zusammen joggten. So sei die Idee entstanden, ein Nahwärmenetz aufzubauen.

Das versprach den Einsatz von erneuerbaren Energien, Geld zu sparen, eine regionale Wertschöpfung zu haben und für eine gewisse Autarkie zu sorgen. Für den verstorbenen damaligen Bürgermeister Fritz Ochs seien das total nachvollziehbare und sinnvolle Punkte gewesen, sagt Steyer, der in Körle ein Architekturbüro betreibt.

Das Projekt sei außerdem nur möglich gewesen, ergänzt Gerhold, weil man die Grundstückskäufer vertraglich an das Nahwärmenetz binden konnte und auch gemeindeeigene Gebäude angeschlossen werden konnten.

Für das Nahwärmenetz in Körle entschied man sich für Biomasse. Das heißt, in einem zentral gelegenen Heizwerk wird der nachwachsende Rohstoffe Holz verbrannt. So wird Wasser erwärmt und in die Haushalte geleitet.

Ohne den Anschluss des Neubaugebiets wäre das finanzielle Risiko für die Gemeinde zu hoch gewesen. „Wir mussten natürlich eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung machen“, sagt Steyer. Die Kosten mussten gegen den damals sehr niedrigen Ölpreis von 20 Cent gerechnet werden. Für die Verbraucher habe es sich gerechnet und das tue es heute mehr denn je, sagt Steyer.

Während der Preis für einen Schüttraummeter Holz damals bei etwa fünf Euro lag und sich bis heute verdreifacht habe, hätte sich der Ölpreis im selben Zeitraum verfünffacht.

2010 kam eine zweite Anlage „Alter Schulgarten“ im Ortskern dazu. Es werden 35 Gebäude versorgt. Ausgangspunkt für diese zweite Anlage seien die dort vorhandenen Gebäude der Gemeinde gewesen, sagt Gerhold. Dazu gehören die alte Grundschule, das alte Bürgermeisteramt und die alte Feuerwehr. „Wir suchten damals nach einer Alternative zu den Ölheizungen.“

Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit habe man die Nachbarn gefragt – das Interesse sei groß gewesen. Im ehemaligen Bauhof wurde also eine zweite ein neue Heizzentrale mit Holzhackschnitzel gebaut.

Die angeschlossenen Häuser sind deutlich schlechter gedämmt als im Neubaugebiet – die Verbräuche also höher. „Wir erwägen daher, das Nahwärmenetz zu erweitern“, sagt Gerhold. Die Wärmeerzeugung in den Biomasse-Heizanlagen hat im Jahr 2021 umgerechnet folgende Heizölmengen ersetzt: Heizhaus am alten Schulgarten 98 000 Liter Heizöl, Heizhaus auf dem Hollunder 200 000 Liter Heizöl.

Versorgungssicherheit

Als weitgehend unkritisch bezeichnet Steyer die Wärmeversorgung. In den meisten Häusern gebe es noch Kaminzüge und Schornsteine. Der positive Bescheid eines Schornsteinfegers vorausgesetzt, ließen sich zum Beispiel Öfen nachrüsten, um zu heizen. In Deutschland müsse niemand erfrieren, sagt Steyer.

Windenergie produziert die Kommune nicht selbst. Ein Windrad ist zwar in der Gemarkung in Betrieb. Es befinde sich aber im Besitz einer dänischen Investorengruppe. Der erzeugte Strom wird ins Stromnetz eingespeist. Davon profitiert die Kommune nur über Pachteinnahmen, weil sie Eigentümerin des Grundstücks ist.

Ausblick

„Für uns gehört es dazu, uns Gedanken über Alternativen zu machen.“ Die Gemeindeverwaltung werde aktuell schon über eine Photovoltaikanlage versorgt. Der Strom des Abwasserpumpwerks solle künftig auch über eine PV-Anlage erzeugt werden. Es fehlte aber noch eine Genehmigung der Naturschutzbehörde. Der Jahresverbrauch der Pumpanlage liegt laut Gerhold bei 160 000 kW/h. Das entspricht einem Jahresverbrauch von 60 Einfamilienhäusern, der so mit Sonnenenergie gedeckt werden könnte. (Damai Dewert)

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