Weniger Arbeit und mehr Platz für die Tiere

Körler Landwirte betreiben seltenen Kompostierungsstall

Kühe in einem Kompostierungsstall in Körle
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Hier gibt’s Futter: Die Kühe können sich im Kompostierungsstall entscheiden, wann sie fressen, liegen oder nach draußen wollen.

Seit einem Jahr hat Familie Reichert in Körle ihren neuen Kompostierungsstall in Betrieb. Das Fazit der Bio-Landwirte Ute und Martin Reichert: Weniger Arbeit im Stall und mehr Platz für die Kühe.

Körle – Kompostierungsställe sind bislang noch selten: um die 60 gibt es in ganz Deutschland, zwischen fünf und sechs in Hessen, sagt Martin Reichert (59). In den Niederlanden und in Österreich gebe es die meisten der Kompostierungsställe.

Der 90 mal zwölf Meter große Stall in Körle teilt sich in drei Bereiche. Eine Fress- und Futterzone, einen Laufgang und eine große Liegefläche. Jeder Milchkuh – 90 Tiere sind derzeit im Stall – steht eine Liegefläche von zehn Quadratmetern zur Verfügung. Und dort ein weicher Untergrund: Dieser besteht aus Holzhackschnitzel und Dinkelspelz, erklärt Martin Reichert, hinzu kommen Kot und Urin der Kühe. „Zweimal am Tag wird das durchgegrubbert.“ Und alle zwei bis drei Wochen wird Material aufgefüllt. Durch einen ständigen Rotteprozess entsteht eine 60 Zentimeter tiefe Kompostmatte – deshalb auch der Name Kompostierungsstall.

Ute und Martin Reichert sind Bio-Landwirte

Die Kühe der Bio-Landwirte Ute und Martin Reichert standen vorher in einem üblichen Boxenlaufstall. „Für die Kühe waren das dort deutlich engere Verhältnisse“, sagt Martin Reichert. „Wir wollten etwas Neues. Einen Stall, in dem wir den Tieren das Maximum an artgerechter Haltung bieten können“, sagt Ute Reichert (54). Der Stall ist rundherum offen, die Kühe atmen den ganzen Tag frische Luft und haben Tageslicht. Und außerdem haben sie die Möglichkeit, eigenständig nach draußen auf die Wiese zu gehen. Im Stall hätten die Tiere nun drei- bis viermal mehr Platz als noch im alten Boxenlaufstall, der sich neben dem Wohnhaus der Familie befindet, sagt Martin Reichert. Schon bei einer Außentemperatur von 20 Grad habe man den Kühen dort angemerkt, dass es ihnen eigentlich viel zu warm im Stall wird, sagt Ute Reichert. Viel Luft und Licht mache sie nun deutlich weniger anfällig für Infektionen. Auch zur Klauengesundheit trage der Stall bei. Da die Medikamentengabe in der Bio-Milchviehhaltung stark reglementiert ist, müssen Reicherts besonders darauf achten, dass die Tiere gesund bleiben.

Als der neue Stall fertig war, stockten die Reicherts den Tierbestand auf. Von 75 auf derzeit 90 Kühe. Das Konzept des Stalls sieht eine maximale Anzahl von 120 Kühen vor – davon 100, die gemolken werden. Sechs bis acht Wochen bevor das Kalb kommt, werden die Tiere nämlich nicht mehr gemolken. Die Kühe werden „trockengestellt“. Dafür geht’s nebenan in einen mit Stroh ausgelegten Stall.

Die Kompostmatte, die den Kühen als Liegefläche dient, heizt durch den Rotteprozess ordentlich auf. Bis zu 50 Grad warm wird es tief im Inneren, erklärt Ute Reichert. Die Wärme wird von Bakterien erzeugt und sorgt dafür, dass die Feuchtigkeit verdunstet. Übrig bleibt nach dem Rotteprozess wertvoller Dünger, der wie Erde riecht. „Unser wesentliches Ziel ist auch eine nachhaltige Förderung der Bodenfruchtbarkeit durch besten Dünger“, sagt Ute Reichert. Gemistet werden muss zweimal im Jahr.

Die Biomilch von Reicherts aus Körle wird derzeit nach Würzburg an die Bayerische Milchindustrie (BMI) geliefert. Sie kommt nicht als Frischmilch in den Handel, sondern wird überwiegend zu Pulver verarbeitet. Dieses findet sich dann beispielsweise in Bio-Baby-Nahrung oder in Puddingpulver. Ein geringer Anteil der Milch wird auch zu Käse verarbeitet. Eine Direktvermarktung ab Hof sei derzeit nicht geplant.

Das Futter der Körler Milchkühe besteht unter anderem aus Kleegras, Wiesengras, Maissilage und Weizen. Auch Wintererbsen und Ackerbohnen sind mitunter dabei.

Familie Reichert bewirtschaftet 55 Hektar Grünland und 75 Hektar Ackerfläche in siebengliedriger Fruchtfolge. Genveränderte Futtermittel aus den USA beispielsweise kommen bei den Körler Bio-Kühen nicht in den Futtertrog.

Das geschieht mit Bullenkälbern

Mit etwa zweieinhalb Jahren bekommt eine Kuh ihr erstes Kalb, erst dann gibt sie Milch. Jedes jahr werden sie künstlich befruchtet. Denn eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie Nachkommen zur Welt gebracht hat. Etwa drei Jahre bleibt sie anschließend eine Milchkuh bei Reicherts. „Unser Ziel ist, dass sie älter werden“, sagt Ute Reichert. Und das möglichst gesund. Obwohl Reicherts seit 25 Jahren überzeugte Bio-Landwirte sind, können sie sich der konventionellen Tierhaltung nicht komplett entziehen. Weibliche Nachzucht bleibt auf dem Hof, aber männliche Kälbchen sind für den Milchviehbetrieb nutzlos. „Leider muss man es so sagen, Bullenkälber sind ein Abfallprodukt.“ Derzeit gebe es keine andere Lösung, als die Bullenkälber mit zwei bis drei Wochen in die konventionelle Masthaltung zu verkaufen. Und das zu einem Spottpreis. Schließlich handelt es sich um Milchrassen, für die Mast sind sie wenig geeignet. „Wir würden uns von Herzen eine andere Lösung wünschen“, sagt Ute Reichert. 

Seit 25 Jahren Bio-Landwirte

Ute und Martin Reichert aus Körle sind seit 1995 überzeugte Bioland-Bauern. Beide sind Agrartechniker. Auf dem Hof in Körle arbeiten neben den beiden noch mit: der 86-jährige Altbauer Karl Friedrich Wenzel (Ute Reicherts Vater), die Söhne Julius (24, Landmaschinenmechaniker), Valentin (19, Landwirt) und Tochter Anne (22, Forstanwärterin) sowie Auszubildender Nils Hocke (17). Was sich die Landwirte wünschen: „Wir hoffen auf verlässliche Niederschläge, Verbraucher, die sich für Bioprodukte entscheiden und auf Landeigentümer, für die Nachhaltigkeit ebenso ein Thema ist wie für uns“, sagt Ute Reichert. Der Stall soll bei einem Hoffest im kommenden Jahr vorgestellt werden

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