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Landrat Winfried Becker spricht im Interview über die Corona-Zeit

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Von: Damai Dewert

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Kraftakt: Beim Impfzentrum des Landkreises in Fritzlar arbeiteten viele Organisationen zusammen. Der Ablauf klappte zumeist reibungslos. Archi
Kraftakt: Beim Impfzentrum des Landkreises in Fritzlar arbeiteten viele Organisationen zusammen. Der Ablauf klappte zumeist reibungslos. © Peter Zerhau / Landkreis Schwalm-Eder

Die Coronapandemie dauert schon zwei Jahre an. Die 7-Tage-Inzidenz lag am Montag im Landkreis bei über 1600.

Schwalm-Eder – Dennoch fallen viele Maßnahmen. Wir haben mit Landrat Winfried Becker über die Situation gesprochen.

Herr Becker, die meisten Corona-Maßnahmen enden. Dabei ist die Inzidenz hoch wie nie. Ist der Schritt politisch richtig oder setzt er ein falsches Signal?

Die Inzidenz im Landkreis ist tatsächlich so hoch wie nie. Sie lag am Montag bei 1688. Aber wir sehen auch, dass die Hospitalisierungsquote auf mittlerem Niveau bleibt. Es liegen zum Glück kaum Menschen mit schweren Verläufen in unseren Kliniken. Ich wünsche mir auch Lockerungen, aber der Zeitpunkt ist entscheidend. Ich hätte mir diese Lockerungen vier Wochen später gewünscht.

Also wird es Zeit für die Öffnung?

Noch mal, der Zeitpunkt ist entscheidend. Es muss eine geordnete Rückkehr geben. Ich selbst möchte möglichst in einen unbeschwerten Sommer gehen und ich weiß von den Menschen im Landkreis, dass sie diese Sehnsucht teilen. Ich bin allerdings dafür, dass wir einfache aber effektive Schutzmaßnahmen beibehalten.

Sie sprechen Masken an.

Genau. FFP2-Masken bieten den besten Schutz und sind einfach sowie unkompliziert anzuwenden. Auch Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen sollten wir beibehalten. Vor allem aber benötigen wir eine höhere Impfquote. Ich kann meine Bitte, sich impfen zu lassen nur wiederholen. Die Impfung bietet einen guten Schutz vor schweren Krankheitsverläufen.

Bundesweit liegt sie nur bei 76 Prozent. Aber der Landkreis impft weniger.

Also erst einmal wirkt die Impfkampagne. Das sehen wir. Die Menschen in den Krankenhäusern mit schweren Verläufen sind ungeimpft oder schwer vorerkrankt und häufig 75 Jahre und älter. Aber die Impfquote in der Gesamtbevölkerung ist noch zu niedrig. Das müssen wir weiter fördern. Deswegen bieten wir auch weiterhin Termine an – zum Beispiel am Hospital in Fritzlar.

Welche Möglichkeiten haben Sie, künftig auf hohe Inzidenzen zu reagieren?

Wir müssen abwarten, was das Land entscheidet – insbesondere wie der Ablauf zu den Hotspot-Regeln sein wird.

Sind der Bevölkerung harte Einschnitte noch vermittelbar – der Ukraine-Krieg überlagert viel, der Sommer steht vor der Tür.

Ich glaube auch, dass der Wunsch bei vielen Menschen groß ist, die Pandemie für beendet zu erklären. Das ist aber leider nicht so. Die zwei Jahre haben gezeigt, dass die allermeisten Menschen sinnvolle Schutzmaßnahmen unterstützen. Wir werden die kommenden Wochen abwarten müssen, wie sich die Inzidenzen entwickeln. Wenn am Wochenende 60 000 Menschen in einem Fußballstadion zusammenkommen dürfen, muss jeder für sich selbst entscheiden, dort hinzugehen. Überhaupt ist die Eigenverantwortung der Menschen sehr hoch. Da müssen wir alle gut abwägen, was wir tun und wie wir uns verhalten.

Wenn Sie auf die zwei Jahre zurückblicken, was nehmen Sie mit?

Ganz sicher, wie stark unsere Zivilgesellschaft ist. Das ehrenamtliche Engagement bei uns im Landkreis hat mich schwer beeindruckt. Es ist sicher ein Vorteil, im ländlichen Raum zu leben. Das Ehrenamt hat bei uns im Landkreis sehr gute Strukturen. Die vielfältigen Aufgaben waren und sind allerdings ein Härtetest. Krankenhäuser, Pflegeberufe sowie alle Hilfsdienste haben sehr gut zusammengearbeitet. Dafür bin ich den Menschen sehr dankbar.

Nennen Sie doch bitte ein Beispiel.

Das Impfzentrum in Fritzlar war ein solcher Kraftakt. Es ist uns aber gelungen, die vom Land beauftragte Aufgabe, in kürzester Zeit ein Impfzentrum aufzubauen und zu betreiben, zu stemmen. Zudem haben wir das mobile Impfen in den Kommunen, mit Dutzenden Terminen, auf die Beine gestellt. Ich bin allen Menschen, die daran beteiligt waren, wirklich sehr dankbar. In den Dank schließe ich die Hilfsorganisationen und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Landkreises ausdrücklich mit ein.

Wie ist der Landkreis wirtschaftlich davon gekommen?

Mit einem blauen Auge. Im Großen und Ganzen haben wir das gut gemeistert. Gerade zu Anfang gab es viele Anfragen. Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass es einige Branchen und Betriebe schwerer getroffen hat. Zum Beispiel die Veranstaltungstechnik, Gastronomie, Hotellerie und Tourismus. Zudem hatte und hat es die gesamte Hotel- und Gaststättenbranche schwer. Wir leben im Schwalm-Eder-Kreis von einem allgemeinen Wirtschaftsboom für die Region Nordhessen. Unser Mittelstand ist sehr gut aufgestellt und stellt das Rückgrat unserer heimischen Wirtschaft. Die stabil eher niedrigen Arbeitslosenzahlen belegen das.

Was bleibt aus den zwei Jahren Gutes?

Eine Pandemie hat nie etwas Gutes. Aber die Menschen im Landkreis sind zusammengerückt und haben angepackt. Die Pandemie hat aber auch offen gelegt, woran es fehlt – zum Beispiel bei der Digitalisierung. Wir haben in kürzester Zeit viel bewegt und umgesetzt, haben aber auch noch viel zu tun.

Nehmen Sie für sich persönlich etwas mit?

Ich habe beobachtet, dass die Menschen unsere Region und unsere einmalige Natur neu betrachten und nutzen gelernt haben. Das geht mir genauso. Ein Spaziergang oder eine Radtour sind tolle Erlebnisse. Da gibt es eine neue Wertschätzung für unsere ländliche Region. Ich gehe mit meinem Hund um zwei Ecken und stehe im Grünen. Das hat für die Menschen hier und auch für mich sicher vieles einfacher gemacht, als in einer Dachgeschosswohnung mitten in Frankfurt zu wohnen. Die Menschen sind aber auch näher zusammengerückt. Nachbarschaftshilfe und das aufeinander achten werden wieder aktiver gelebt. Ich habe gelernt, dass ich auch online Nähe herstellen kann. Erst in den letzten Tagen habe ich mit unseren polnischen Freunden in Pila eine Videokonferenz gehabt. Wir haben uns sehr gefreut, uns zu sehen und zu sprechen und dabei über die aktuell schwierige Situation ausgetauscht.

Zur Person

Winfried Becker (61) wurde 1960 in Marburg geboren. Von 1989 bis 2003 war er Bürgermeister in Guxhagen. Von 2003 bis 2015 war er Erster Kreisbeigeordneter. Seitdem ist er Landrat. Becker ist verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt in Guxhagen.

Winfried Becker Landrat
Winfried Becker Landrat © Privat

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