Kauf der Bahntrasse im Oktober

Das gespaltene Dorf: Beiseförther streiten über das Thema Schwerverkehr

Sie finden Beiseförth lebenswert: Sandra Giesen mit Sohn Jan (5 Jahre), Sigrid Giesen, Reinhold Garde, Christel Garde, Tatjana Garde mit Sohn Sebastian (3 Jahre) und Andreas Garde (von links) wohnen gern in dem Dorf – trotz des Lkw-Verkehrs. Sie ärgern sich über die aus ihrer Sicht einseitige Berichterstattung.
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Sie finden Beiseförth lebenswert: Sandra Giesen mit Sohn Jan (5 Jahre), Sigrid Giesen, Reinhold Garde, Christel Garde, Tatjana Garde mit Sohn Sebastian (3 Jahre) und Andreas Garde (von links) wohnen gern in dem Dorf – trotz des Lkw-Verkehrs. Sie ärgern sich über die aus ihrer Sicht einseitige Berichterstattung.

Das Thema Schwerverkehr beschäftigt die Bewohner des Malsfelder Ortsteils Beiseförth nach wie vor – und spaltet sie auch.

Nach dem Bericht der HNA vom 5. August („Lastwagen vor der Fensterbank“), in dem Dorfbewohner anonym die unzumutbare Verkehrsbelastung beklagten, melden sich nun weitere Beiseförther zu Wort, die einen etwas anderen Blick auf die Situation haben.

Sie kritisieren, dass durch die Berichterstattung ein einseitig negatives Bild von Beiseförth entstehe. „Es ist schön hier, und wir wohnen gern hier“, sagt Sandra Giesen. Die 41-Jährige lebt mit Mann und Kindern mittendrin in Beiseförth – dort, wo Mühlenstraße und Brunnenstraße aufeinandertreffen. Auch an ihrem Haus fahren die Lastwagen vorbei.

„Ich finde es schade, dass der Schwerverkehr einzig mit der Firma Schumacher in Verbindung gebracht wird“, sagt Sandra Giesen. Schließlich führen die Lastwagen beispielsweise auch zum Bäcker. „Gottseidank sind wir ein Dorf, das Arbeitsplätze hat“, sagt die 41-Jährige. „Dafür nehmen wir den Lkw-Verkehr in Kauf.“ Das sieht auch ihre Schwiegermutter Sigrid Giesen (70) so: „Ein Dorf lebt von Arbeitsplätzen.“

Zu dem geplanten Verkehrskonzept, das in den kommenden Jahren Beiseförth entlasten soll, sagt Sandra Giesen: „Mir wäre es lieber, es würde alles so bleiben, wie es jetzt ist, und das Verkehrskonzept würde nicht umgesetzt.“ Denn künftig müssten sich die Lastwagen dann durch die Mühlenstraße schlängeln – dort sei es sehr schmal, und zudem liefen dort viele Kinder entlang, die zum Spielplatz wollten. Auch Sigrid Giesen fürchtet: „Irgendjemand wird sich immer gestört fühlen“ – egal, wo man den Verkehr entlang leite.

Das Thema Verkehr spaltet den Ort, das hat Anwohner Reinhold Garde (72) beobachtet: „Jetzt streiten sich Leute, die sich vorher nie gestritten haben.“ Natürlich finde es keiner schön, wenn die Lastwagen vor dem eigenen Haus entlang fahren würden, räumt der 72-Jährige ein, der seit seiner Kindheit erst an der Brunnen-, dann an der Brückenstraße wohnt. „Aber es ist ein wichtiges Produkt, das bei Schumacher hergestellt wird, gerade jetzt. Und das muss nun mal von A nach B transportiert werden.“ Gemeint ist, dass Schumacher unter anderem Desinfektionsmittel herstellt – in Zeiten von Corona besonders gefragt. Zudem profitiere die ganze Gemeinde von den Gewerbesteuern, die durch Schumacher in die Kasse fließen.

Ähnlich sieht das Reinhold Gardes Sohn Andreas Garde. „Ich lasse jedem seine Meinung. Aber es ist eben nicht die Meinung des ganzen Dorfes“, sagt der 43-Jährige über die Beschwerden von Anwohnern über die Verkehrsbelastung. Andreas Garde hat vor einem Jahr ein Haus an der Brückenstraße gekauft. „Ich hatte bislang noch nie das Gefühl, dass meine dreijährigen Kinder hier gefährdet sind“, sagt er.

Andreas Garde saß lange für die SPD in der Malsfelder Gemeindevertretung, inzwischen hat er dieses Amt aufgegeben, um mehr Zeit für die Familie zu haben.

Deshalb hat er die Debatte um das Verkehrskonzept genau verfolgt: „Die Gemeinde hat sich in den öffentlichen Sitzungen seit mehreren Jahren intensiv mit dem Erwerb des Bahngrundstücks befasst.“ Dass der vereinbarte Kauf und damit eine zeitnahe Umsetzung des Verkehrskonzepts noch nicht erfolgt sei, könne man der Kommune nicht anlasten, betont Andreas Garde.

Kauf der Bahntrasse im Oktober

Es gibt gute Neuigkeiten in Sachen Malsfelder Verkehrskonzept: Die Gemeinde kann voraussichtlich im Oktober endlich das Bahntrassen-Stück von der Deutschen Bahn AG kaufen, das benötigt wird, um die neue Verkehrsführung zu realisieren.

Das teilte Bürgermeister Herbert Vaupel auf HNA-Anfrage mit. Zum symbolischen Preis von einem Euro werde die Gemeinde das Bahngelände erwerben.

Dann könnte das Baurechtsverfahren für die Übergangslösung anlaufen – diese sieht vor, dass der Straßenbelag unter dem Viadukt oberhalb der Ortslage abgefräst wird, sodass auch Lastwagen die Stelle passieren können. Das Baurechtsverfahren nehme etwa ein Dreivierteljahr in Anspruch, sodass die Übergangslösung voraussichtlich in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 realisiert werden könne.

Die Verkehrsbelastung in den Malsfelder Ortsteilen ist auch Thema eines Antrags, den die Gemeinschaftsliste Hochland-Fuldatal (GL) zur nächsten Gemeindevertretersitzung am Donnerstag, 3. September, stellen will. Der Antrag enthält folgende Punkte:

1. Der Gemeindevorstand soll Vereinbarungen mit der Deutschen Bahn AG treffen, die es ermöglichen, bereits vor einem Erwerb der Bahntrasse in dem Bereich zu bauen. Dies betrifft die geplante Ortseinfahrt Malsfeld und die Anbindung der Firma Schumacher in Beiseförth.

2. Die Verkehrssituation in Beiseförth soll kurzfristig entschärft werden. Eine mögliche Übergangslösung könnte laut der GL eine Ampelanlage sein, ähnlich, wie sie sonst an Baustellen eingesetzt werden. So könnte man den Begegnungsverkehr von Lastwagen vermeiden.

3. Im Haupt- und Finanzausschuss soll regelmäßig über den aktuellen Sachstand berichtet werden.

Zum Antrag der GL äußerte sich auf Anfrage der HNA auch Bürgermeister Vaupel. Natürlich könne man von den Behörden prüfen lassen, ob eine Ampellösung in Beiseförth möglich sei. „Ich gehe aber nicht davon aus, dass uns das gestattet wird“, sagte Vaupel.

Von Judith Féaux de Lacroix

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