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Malsfelder Erzieherinnen übersetzen jetzt

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Von: Fabian Becker

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Vor der Malsfelder Fuldatalhalle: Die Erzieherinnen und Dolmetscherinnen, Tatjana Schuler (von links) und Tetiana Maar helfen den geflüchteten Ukrainern. Bürgermeister Michael Hanke sagt: „Ohne ihre Übersetzungen, wäre die Unterbringung der Geflüchteten sehr schwierig gewesen.“
Vor der Malsfelder Fuldatalhalle: Die Erzieherinnen und Dolmetscherinnen, Tatjana Schuler (von links) und Tetiana Maar helfen den geflüchteten Ukrainern. Bürgermeister Michael Hanke sagt: „Ohne ihre Übersetzungen, wäre die Unterbringung der Geflüchteten sehr schwierig gewesen.“ © Fabian Becker

Mehrere Hallen im Kreisteil Melsungen dienen als Erstaufnahme-Einrichtung für geflüchtete Ukrainer. Eine davon ist die Fuldatalhalle in Malsfeld. Wir berichten über das Engagement vor Ort.

Malsfeld – Eigentlich arbeiten Tatjana Schuler und Tetiana Maar als Erzieherinnen im Malsfelder Kindergarten Pusteblume. Doch durch den Krieg in der Ukraine sind sie auch Dolmetscherinnen geworden. Schuler kam vor mehr als 20 Jahren aus Russland nach Deutschland, Maar vor einigen Jahren aus der Ukraine. Beide sprechen Russisch, Maar auch Ukrainisch, daher betreuen sie die Ukrainer in der Malsfelder Fuldatalhalle.

Die Geflüchteten sind in der Erstaufnahme-Einrichtung in 40 Parzellen untergebracht, die jeweils 12 bis 16 Quadratmeter groß und mit Feldbetten, Tischen und Stühlen ausgestatten sind. Für zwei bis sechs Menschen ist in einer Parzelle Platz, heißt es vom Schwalm-Eder-Kreis, der die Unterbringung in der Halle organisiert.

Dort gibt es Duschen und Toiletten, auch für Behinderte. Zudem sind außen zwei Container mit weiteren Toiletten und Duschen aufgestellt. Ein Caterer liefert warmes Mittagessen. Frühstück und Abendessen wurden zunächst von Ehrenamtlichen des Deutschen Roten Kreuzes ausgegeben, inzwischen übernehmen das die Sicherheitsmitarbeiter. Körperpflege- und Hygieneartikel werden nach Bedarf ausgegeben.

PIan der Fuldatalhalle in Malsfeld: 40 Parzellen sind dort für geflüchtete Ukrainer eingerichtet. In den Sommerferien sollen sie zurückgebaut werden.
PIan der Fuldatalhalle in Malsfeld: 40 Parzellen sind dort für geflüchtete Ukrainer eingerichtet. In den Sommerferien sollen sie zurückgebaut werden. © Schwalm-Eder-Kreis

Für Kleidung können die Ukrainer Kleiderkammern aufsuchen. Auch dabei bekommen sie Hilfe von Schuler und Maar. Die Erzieherinnen helfen den Geflüchteten nicht nur beim Ausfüllen vieler Formulare, sondern auch bei Arztbesuchen. Einer davon ist Schuler besonders in Erinnerung geblieben: Eine Ukrainerin erhielt die Diagnose Krebs. „Sie hat nicht gezeigt, wie sie darüber denkt, aber meine Stimme hat gezittert, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll“, sagt Schuler. Die Erzieherin half der Ukrainerin dabei, nötige Überweisungen zu bekommen, nun steht ihre Operation in Kassel bevor.

„Eine unserer Hauptaufgaben ist, einfach zuzuhören und zu erklären, dass es besser wird“, sagt Maar. Schon wenn die beiden ihren Platz in den Containern gegenüber der Fuldatalhalle einnähmen, hätten sich dort lange Schlangen gebildet. Eine Frage, die dann oft gestellt werde, sei: Wo gibt es Arbeit? „Da wir mit den Geflüchteten die Formulare ausfüllen, wissen wir, was sie in der Ukraine gearbeitet haben und können passende Stellen vermitteln, wenn Betriebe Arbeitsplätze anbieten.“ So seien rund 20 Ukrainer im Edeka-Fleischwerk untergekommen.

Fast alle fahren mit Fahrrädern dorthin. Sie wurden von Menschen aus der Region gespendet, die die Ukrainer auch mit Spielzeug, Möbeln und anderen Gütern versorgen. „Es hat sich mittlerweile ein großes Netzwerk aus Helfern, Firmen und Banken gebildet, die die Geflüchteten unterstützen“, sagt Schuler. Auch viele Ärzte zeigten sich hilfsbereit und vereinbarten sehr zeitnah Termine. Außerdem biete die Volkshochschule Deutschkurse in der ehemaligen Malsfelder Sparkasse an. „Das nutzen derzeit 25 Geflüchtete.“

Es geht den Erzieherinnen aber nicht nur um die Bewältigung der alltäglichen Hürden – auch den Geflüchteten eine Freude machen, muss sein. „Wir waren mit ihnen zum Beispiel zwei Mal im Kino in Fritzlar“, sagt Maar. Dort würden auch Filme auf Ukrainisch gezeigt.

Eine Parzelle für geflüchtete Ukrainer: Zwei bis sechs Menschen können darin untergebracht werden.
Eine Parzelle für geflüchtete Ukrainer: Zwei bis sechs Menschen können darin untergebracht werden. © Schwalm-Eder-Kreis

Wie sie den Ukrainern helfen können, mussten sich die Erzieherinnen anfangs selbst beibringen. „Wir wussten nicht, wie die Strukturen sind und wie das mit den Ämtern läuft“, sagt Schuler. Hinzu kommt die psychische Belastung durch die Geschichten der Geflüchteten. „Einen Ausgleich finden wir in unseren Familien.“

Ohne die beiden wäre die Erstaufnahme sehr schwierig, sagt Bürgermeister Michael Hanke. „Sie erklären den Ukrainern erst mal, wo sie angekommen sind und was sie als Nächstes tun müssen.“ Die Gemeinde hatte sie zwischenzeitlich vollständig von ihrer Erziehertätigkeit freigestellt, aktuell noch zu 50 Prozent. Außerdem sei eine Dolmetscherin vom Kreis zeitweise vor Ort gewesen.

Denn die Zahl der untergebrachten Geflüchteten schwankt: „Aktuell sind es 60, den Höchststand hatten wir am 1. Juni mit 85“, sagt Stephan Bürger, Sprecher des Schwalm-Eder-Kreises. „Es

gab bislang sehr wenige Probleme, was sicher auch daran liegt, dass die ganze Zeit ein Sicherheitsdienst vor Ort ist, der den Ukrainern auf Augenhöhe begegnet.“ Zudem würden die Geflüchteten so schnell wie möglich in Wohnungen vermittelt, sodass sich keine langwierigen Konflikte aufbauen könnten.

Doch auch Freundschaften entstünden in der Fuldatalhalle. „Daher sind manche Ukrainer auch ein bisschen traurig, wenn sie eine Wohnung bekommen und sich von ihren neuen Freunden verabschieden müssen“, sagt Schuler. Viele blieben dann über Whatsapp in Kontakt.

„Die Malsfelder sind auch deswegen sehr offen und hilfsbereit, weil sie wissen, dass ihnen die Halle zeitnah wieder zur Verfügung steht“, sagt Hanke. Seit dem 21. April sind dort Geflüchtete untergebracht. Jeden Dienstag kommen neue, die dann kreisweit verteilt werden. Der letzte Bus kommt voraussichtlich nächsten Dienstag. „In den Sommerferien sollen die Parzellen zurückgebaut werden, damit sie danach wieder für Schul- und Vereinssport zur Verfügung steht.“ Der habe in der Zwischenzeit auf Plätzen im Freien und in der Sporthalle in Ostheim stattfinden müssen. (Von Fabian Becker)

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