Interview mit dem Ärztlichen Direktor der Asklepios-Kliniken in Melsungen und Ziegenhain

Arzt über den Kampf gegen das Corona-Virus: „Manchmal sind wir einfach hilflos“

Matthias Schulze Ärztlicher Direktor in den Asklepios-Krankenhäusern in Ziegenhain und Melsungen
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Arbeiten am Limit: Matthias Schulze koordiniert als Ärztlicher Direktor seit Monaten den Umgang mit der Corona-Pandemie in den Asklepios-Krankenhäusern in Ziegenhain und Melsungen.

Der Impfstoff ist die einzige Hoffnung im Kampf gegen das Corona-Virus - das sagt der Ärztliche Direktor der Asklepios-Kliniken im Schwalm-Eder-Kreis im HNA-Interview.

Melsungen/Schwalmstadt – Die Coronazahlen steigen. Der Landkreis hat eine Inzidenz von über 200. Die Intensivkapazitäten sind ausgeschöpft. Wir werfen mit Dr. Matthias Schulze, dem Ärztlichen Direktor der Asklepios Schwalm-Eder-Kliniken, einen Blick hinter die Kulissen des fordernden Klinikalltags.

Matthias Schulze, wie sehnlich erwarten Sie die Zulassung des Impfstoffs?

Sehr. Wenn wir die Welle brechen wollen und nicht alle noch Monate im Lockdown verbringen möchten, brauchen wir die Impfstoffe. Sie sind unsere einzige Chance.

Sie selbst lassen sich impfen, laut aktuellen Umfragen wollen das aber nur 30 Prozent des medizinischen Personals. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich wäre gerne einer der ersten. Ich mache sofort meinen Oberarm frei. Aber es gibt Vorbehalte, das stimmt. Ein Grund ist sicher die Verunsicherung der Kollegen, viele fragen sich, wie die Entwicklung der Impfstoffe so schnell gehen konnte.

Warum ging es denn so schnell?

Es wurde mit Hochdruck geforscht. Und mit viel Geld. Weltweit sind Milliarden in die Forschung und Entwicklung geflossen. Das Geld kam von Regierungen und Institutionen. Allein in Deutschland waren es mehrere hundert Millionen Euro.

Sie glauben an die Sicherheit des Impfstoffs?

Nehmen wir den von Biontech und Pfizer. Die Studien sind veröffentlicht und nachvollziehbar. 40 000 Teilnehmer in klinischen Studien. Das sind viele und mehr als beispielsweise vor der Zulassung von Blutverdünnern. Ja, ich glaube, der Impfstoff ist sicher.

Sie fühlen sich also nicht als Versuchskaninchen?

Überhaupt nicht. Und noch mal, der Impfstoff ist unser wichtigstes Instrument, die Welle zu brechen. Wir stehen Sars-CoV-2 ansonsten hilflos gegenüber. Wir haben nun mal keine gut wirksamen Medikamente. Wir behandeln aber mit allen uns laut Leitlinie zur Verfügung stehenden Medikamenten – dazu gehörten zum Beispiel Kortison und auch Remdesivir.

Was macht die Erkrankung so tückisch?

Viele der Covid-Patienten sind ältere Menschen, denen es in kürzester Zeit wirklich schlecht geht. Trotz des außerordentlichen Engagements unserer Pflegekräfte und Ärzte erzielen wir bei der Behandlung kaum Erfolge. Die Patienten waren vor der Infektion oft eigenständig und mobil. Und dann sterben sie hier auf der Isolierstation. Manchmal sind wir einfach hilflos. Das ist ein Drama für die Betroffenen, die Angehörigen aber auch für unsere Mitarbeiter.

Es sind aber auch jüngere Patienten betroffen?

Natürlich. Männer und Frauen so alt wie ich und auch ohne Vorerkrankungen. Sie kommen ins Krankenhaus, sechs bis sieben Tage nach den ersten Symptomen verschlechtert sich ihr Zustand, sie werden intensiv- und beatmungspflichtig und sterben trotz intensivster Therapie.

Wie sehr belastet das die Belegschaft?

Es ist eine sehr intensive Zeit. Die Covid-Fälle nehmen uns mit, besonders an die Nieren geht es den Kolleginnen und Kollegen, die sich primär um die Covid-Patienten kümmern, die regelmäßig Kontakt haben.

Wie fangen Sie das auf?

Es gibt seit einigen Wochen eine Supervision bei uns im Haus. Peter Wulff, Chefarzt unserer Psychiatrie, bietet jeden Dienstag eine Sprechstunde für die Kollegen an.

Warum ist die Betreuung der Covid-Patienten so herausfordernd?

Erst mal trägt das Personal ständig eine Schutzausrüstung. Das macht viel Arbeit, da sie mehrmals am Tag gewechselt werden muss. Es sind dann auch Kleinigkeiten, aber die Kollegen können so ausgerüstet nicht ans Telefon gehen, um es nicht zu kontaminieren. Wir haben jetzt Anrufbeantworter einrichten lassen. Wegen der Ansteckungsgefahr ist ein körperlicher Kontakt mit den Patienten nicht möglich. Hinzukommen die vielen unterschiedlichen Symptome der Erkrankung. Besonders leiden die Patienten unter Atemnot.

Haben sich schon Mitarbeiter infiziert?

Bei der Betreuung der Covid-Patienten in den vergangenen Wochen zum Glück nicht. Wir hatten zwar schon Fälle, die Kollegen hatten sich aber nicht bei Patienten im Haus, sondern meist im privaten Umfeld angesteckt.

Wieso können Sie die Intensivkapazitäten nicht ausbauen, mehr Personal einstellen und die Mitarbeiter entlasten?

Wir haben im vergangenen Jahr unser Intensivpersonal aufgestockt. Die Pandemie stellt uns aber vor noch größere Herausforderungen als üblich. Wir erweitern gerade die Intensivkapazität in den Aufwachraum. Sollte sich die Lage noch weiterzuspitzen, werden wir darüber nachdenken, weitere Mitarbeiter hinzuziehen. Intensivpflegepersonal ist aber speziell ausgebildet. Selbst wenn wir die benötigten Räume und die Ausrüstung hätten, bräuchten wir noch das Personal.

Wie schlimm ist die Lage denn aktuell?

Die Intensivbetten sind knapp. Wir mussten aber noch nicht triagieren. Also nicht entscheiden, wen wir beatmen und wen nicht. Solche Fälle gab es ja anscheinend aktuell in Sachsen. Patienten verlegen mussten wir aber schon. Im Versorgungsgebiet 1 gab es bislang aber noch immer Kapazitäten.

Warum haben Sie die Station in Melsungen dann aufgelöst?

Das ist nur eine temporäre, coronabedingte Maßnahme. Aber wir können die Patienten hier einfach besser versorgen. Aber um das zu tun, benötigen wir auch das qualifizierte Personal aus Melsungen in Schwalmstadt. Wir haben hier die intensivmedizinische Betreuung in den Aufwachraum ausgeweitet. Es war also eine rein medizinische Entscheidung. In Melsungen gibt es natürlich noch Kollegen, die intubieren können.

Die Wintermonate sind besonders anstrengend. Wieso?

Die Infektionszahlen gehen ganz allgemein nach oben. Hinzukommen klassische Winternotfälle und die Infarktzahlen steigen auch. Darauf on top haben wir aktuell Corona.

Aber sind es insgesamt nicht weniger Virusinfektionen?

Das stimmt. Die Grippesaison kommt im Februar und März aber noch.

Viele Mitarbeiter sind sehr belastet.

Ja, es war ein langes Jahr, die Kollegen sind erschöpft und mit ihren Kräften am Ende. Es fehlt vor allem auch der private Ausgleich.

Und es gibt weitere Probleme.

Wenn jemand hört, dass man auf einer Corona-Station arbeitet, ist man oft stigmatisiert. Kollegen berichten von Beleidigungen und davon, an anderer Stelle von medizinischen Behandlungen ausgeschlossen gewesen zu sein.

Wie bekommt das man mit den Corona-Leugnern unter einen Hut?

Für solche Menschen habe ich überhaupt kein Verständnis. Die können gerne kommen und sich einen Tag unsere Intensivstation ansehen. Hier leiden und sterben Menschen an diesem Virus. Wie kann man da auf eine Demonstration mit zig Tausend Menschen gehen oder eine Maske verweigern?

Die Maske schützt.

Natürlich, sonst wären wir alle schon erkrankt. Wir haben den ganzen Tag einen MNS oder FFP2-Masken auf. Ausnahmslos immer. Bei der Patientenversorgung sowieso.

Wie verbringen Sie die Feiertage?

Ich habe meine persönlichen Kontakte total eingeschränkt. Außerhalb der Familie gibt es seit Monaten eigentlich nur noch ein, zwei Freunde, die ich sehe.

Sie minimieren das Ansteckungsrisiko. Aber was sagen Sie Patienten, die aus diesem Grund das Krankenhaus meiden?

Jeder mit einem ernsten Notfall, gleich ob Verdacht auf Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer Fraktur, sollte sofort die 112 wählen. Wir behandeln jeden. Niemand sollte wegen Angst vor Corona einen Notfall nicht behandeln lassen. Wir geben unser Bestes, dass sich hier niemand ansteckt. Aber ich kann es natürlich nicht zu 100 Prozent ausschließen. (Damai D. Dewert)

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